Wir tragen alle eine Maske, nur manchmal ist sie uns so vertraut geworden, dass wir es vielleicht gar nicht mehr bemerken..

Es war William Shakespeare, der so passend feststellte, dass die ganze Welt eine Bühne sei, „und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“. Er hatte wohl recht, und Masken helfen uns dabei, jene Spieler zu werden, die für das Stück gerade gebraucht werden. Wir können uns hinter den Masken verstecken, wenn wir ängstlich sind. Wir können die Maske aber auch nutzen, um mutig zu sein. Eine Maske lässt uns Fröhlichkeit nach außen zeigen, obwohl es in uns ganz tief drinnen dunkel und einsam ist. Der Maske ist es gleich. Sie hat nur einen Zweck, nur ein Aussehen, eine Funktion – ist sie nicht mehr gebraucht, setzen wir uns eine andere Maske auf.

Masken ermöglichen es uns aber auch, uns auszuleben. Hinter dem Schutz der Maske ganz man selbst zu sein. Der Frau, die man von weitem schon lange angeschmachtet hat, kann man hinter dem Schutz einer Maske entgegentreten, und sie umwerben. Wir können unsere Kreativität ausleben. Einmal im Jahr der bunte Vogel sein, der wir eigentlich sein wollen. Hinter einer Maske sind wir unerkannt und in Sicherheit. Die Konventionen der Gesellschaft gelten vielleicht immer noch, aber nicht für uns. Oder vielleicht gelten die Konventionen ja an diesen Tagen auch gar nicht. Wenn wir gemeinsam mit all den anderen zusammentreffen, die hinter ihren Masken unter den gleichen Zwängen leiden, unausgesprochenen Verboten, Schüchternheit, all das, was uns im Alltag hindert so zu sein, wie wir eigentlich sein möchten.

Einmal im Jahr treffen sich solche Menschen in Venedig. Sie fluten die Lagunenstadt mit Farben und Formen, die manch einer den Rest des Jahres nur auf ein Gemälde gebannt in einer Kunstgalerie zu sehen bekommt. Wildfremde Menschen werden zu einer Gemeinschaft, obwohl niemand weiß, wer sich hinter der Maske seines Gegenübers verbirgt. Eigentlich möchte man es auch gar nicht wissen. Nicht die Frage nach jener Person zu stellen, die sich hinter der Maske verbirgt, ist vielleicht eine der wenigen Regeln, die an diesen Tagen gelten.

Ob die Masken fröhlich und farbenfroh, oder melancholisch und einfarbig sind, ausstaffiert, oder schlicht, sie machen uns alle gleich. Den Reichen, der sich sein Schmuckstück im teuersten Geschäft gekauft hat, oder jenen, der in mühsamer Handarbeit seine Maske selbst gefertigt hat, und vielleicht den Rest des Jahres jeden Cent zur Seite legt, um an diesen Tagen dabei zu sein. Den trockenen Bürger, der an diesen Tagen aus sich herausgeht, den kindlichen Homosexuellen, der sich an den anderen Tagen nicht ausleben kann, weil die Gesellschaft ihn dafür abstrafen würde.

An diesen Tagen kommen sie alle zusammen. An diesem einen Tag sind sie ganz sie selbst, und so merkwürdig es klingen mag, sie verdanken diese Tage ihren Masken.

Der Fotograf
Dr. med. Davorin Wagner wurde 1951 in Zagreb im damaligen Jugoslawien geboren. Die Familie siedele später nach Frankfurt am Main über, wo Wagner nach seinem Medizinstudium als Chirurg am Krankenhaus Nordwest zu arbeiten begann. Parallel war er schon immer als Fotograf und Künstler unterwegs. Neben Landschaften oder Porträts vereint er mit chirurgischer Fotografie aber auch beide Bereiche zu einem. – www.photoimagine.org

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
Thomas Matterne