Tiefe Freundschaften sind unabhängig von Zeit und Raum.

Das Glück einer solchen Freundschaft begegnete uns auf einer Straßenkreuzung im Norden Portugals, in einer schönen, touristenfreien Landschaft. Im letzten Moment hatten wir einen Zusammenstoß unserer Autos verhindert und ohne mit der Wimper zu zucken einander die Schuld zugewiesen. Piet und seine Frau Anneke waren mit einem zum Wohnmobil umgebauten, uralten Renault Transporter mit holländischem Kennzeichen unterwegs. Wir waren mit unserem bis zum Dach vollgepackten roten Polo aus Berlin auf die iberische Halbinsel gekommen. Obwohl nichts passiert war, unterstellten wir alle unausgesprochen ein Fehlverhalten des jeweils andern. Nach einem Schreckensmoment wurden wir uns der Situationskomik bewusst: weit und breit kein Fahrzeug, nicht einmal ein Eselskarren.

Anneke schlug vor, die Autos an den Straßenrand zu fahren, und lud uns auf eine frische Tasse Kaffee ein, die wir im Stehen genossen. Nach wenigen Minuten wussten wir, dass wir ein paar Tage gemeinsam verbringen wollten, irgendwo in der Wildnis. An einem Bächlein schlugen wir unser Zelt auf, Piet und Anneke parkten ihren fahrenden Untersatz daneben. Es war, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen, als hätten wir das, was die einen von sich erzählten, gemeinsam erlebt.

Bei nächster Gelegenheit besuchten wir die beiden in Holland. Sie saßen auf gepackten Koffern, bereit zum Auswandern auf eine kleine kanarische Insel, wo Piet Avocados anbauen, seine Bonsai-Zucht erweitern und Skulpturen aus Naturmaterialien herstellen wollte. Wir redeten über Gott und die Welt, hörten den Plänen der beiden zu – ohne auch nur im Geringsten der großen Entfernung wegen das Ende unserer Freundschaft zu befürchten.

Unsere Besuche auf der Inselt endeten jedes Mal mit den Worten tot ziens, hasta la vista. Auf Wiedersehen!

Als das Paar wegen Piets schwerer Erkrankung seine Zelte auf der Insel abbrechen und nach 25 Jahren nach Holland zurückkehren musste, wussten wir, dass von nun an unsere Abschiedsformel einen suggestiven, ja flehenden Beigeschmack besaß: Wir hofften und wünschten uns ein Wiedersehen.

Von Jahr zu Jahr, bei jedem Besuch erkannten wir Piets fortschreitenden, körperlichen Verfall, aber sein Geist war klar wie zuvor. Seine Gedanken und Worte, und soweit möglich auch sein Handeln, galten den Themen Ökologie, Politik und Gesellschaft. Er analysierte, entwickelte Ideen und griff mit Begeisterung vielversprechende Ansätze auf.

Er klagte nicht, er haderte nicht. Nie! Hin und wieder schlich sich ein Tropfen Sarkasmus in seine Worte, aber der Humor behielt die Oberhand.

Anfang September 2018 stand eine Fahrt zu einem Seminar in der Lüneburger Heide an. Wir überlegten, sie mit einem Abstecher nach Holland zu verbinden. Anneke äußerte sich ungewohnt zurückhaltend, als wir von unserem Vorhaben berichteten und schlug vor, dass wir am folgenden Tag direkt mit Piet telefonieren sollten. Sie bat uns inständig, nichts von unserem Bedürfnis, ihn noch einmal wiederzusehen, zu sagen. Dass es schlecht um ihn stand, wussten wir; der Krebs hatte sich in seinem Körper ausgebreitet, Piet lag nahezu bewegungsunfähig vom Knochenkrebs gelähmt, litt unter stärksten Schmerzen.

Beim Telefongespräch am nächsten Tag, antwortete Piet auf die Frage, wie es ihm gehe: »beschissen!«. Er habe alles in die Wege geleitet, um Ende des Monats, am 27. September das irdische Leben hinter sich zu lassen. Ein Glück, dass in Holland Sterbehilfe für Schwerstkranke möglich ist. Nach seiner Ankündigung sprachen wir über dies und jenes – so wie immer. Der Klimawandel, genmanipulierte Lebensmittel, Atomenergie, die Krisenherde – all das, was uns Sorgen bereitete und wo wir glaubten, ansetzen zu können, um die Erde ein Stück besser zu machen.

Foto: Maryanne Becker

Jetzt war es ernst, wir würden Piet nicht wiedersehen. Ich setzte mich hin und schrieb einen Abschiedsbrief, an beide. Erinnerte an gemeinsam Erlebtes, ließ Gefühle wiederaufleben und fasste mich dennoch kurz, bestrebt, das Wesentliche hervorzuheben und beiden zu danken für die wunderbare Freundschaft.

Einen Tag vor Piets Tod telefonierten wir ein letztes Mal miteinander.

»Wir haben beide geweint, als euer Brief kam, ich danke euch. Adios!« Das Gespräch dauerte nur wenige Minuten, Piet hatte starke Schmerzen und war erschöpft.

Einige Wochen später erreichte uns sein Abschiedsbrief, den er in den letzten Stunden seines Lebens verfasst hatte: »Ich danke allen für Verständnis und Weisheit, die ich mit euch teilen konnte. Ich konnte ein sehr schönes und abenteuerliches Leben genießen. … Bis später, Piet.«

Maryanne Becker

Maryanne Becker, Jahrgang 1952, studierte Soziologie und Geschichte an der TU Berlin, wohnt in Berlin -Spandau und schreibt Romane und kriminelle Kurzgeschichten.
Maryanne Becker

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