Abschied – ein Wort, dass gleich ein ganzes Konvolut an Emotionen mitreisen lässt. Es hallt tief in der Seele und trägt viele Koffer voller Erinnerungen an. Meist sind sie tiefgehend – selten flüchtig. Sie hinterlassen viel und benötigen kaum Worte.

Ich habe über dieses Wort nachgedacht. Was löst das Wort „Abschied“ in mir aus? Geht es um Menschen, die einen beständigen Anteil in meinem Leben hatten und aus unterschiedlichen Gründen verschwanden? Oder symbolisiert der Abschied auch Gegenstände, Besitz? Abschied von der Lieblingsjeans oder den herunter gelatschten Schuhen, die in den Müll wandern mussten? Geht es nicht auch um Aufgaben, die ich munter vor mir hergeschoben hatte und deren Erledigung aus vollkommen unterschiedlichen Gründen zu diffizil waren? Und als dann der plötzliche Ruck vorhanden war, und es irgendwie doch bewältigt wurde, mit Mühe und viel Motivation – ist es nicht auch etwas, was das Wort Abschied aussagt? Jeder Traum, denn die noch kindliche Seele gesponnen hatte und der im Laufe der Jahre in fremde Welten gewandet ist? Sind es nicht auch diese Abschiede von geliebten Menschen, deren Abschied ohne Wiederkehr sein wird?

Meine erste Erinnerung stammt aus der Zeit, in der ich den Kindergarten besuchte. Dort entwickelte sich eine erste, zarte Freundschaft zu einem Mädchen. Sie trug sogar den gleichen Vornamen wie ich. Nicht nur im Kindergarten hockten wir viel zusammen. Wir verbrachten auch den Nachmittag beieinander. Irgendwann zog sie weg. Im Kindergarten fehlte etwas. An den Nachmittagen fehlte etwas. Diese Lücke, die ein Mensch hinterlassen kann, war in meinem damaligen Alter von 4-5 Jahren eine erste Erfahrung.

Der nächste Abschied, an den ich mich erinnere, war der, als wir selbst umzogen. Ich vermisste meine alte Grundschule, die Lehrerin, die Gesichter… Abends lag ich im Bett und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich die Zeit zurückdrehen hätte können. Es waren Menschen, mit denen ich jahrelang etwas von mir geteilt hatte. Sie hatten etwas mit mir geteilt und plötzlich war es weg. Neue Menschen zogen in den Alltag ein und ich wusste nicht mit ihnen umzugehen. Sie waren mir fremd und auch nicht ganz geheuer. Und schlimmer – sie waren mir fremd und ganz anders. Ich entdeckte Eigenschaften, die mir fremd waren.

Immer wieder traten Menschen in mein Leben. Ob im Urlaub oder in der Freizeit – ob in der Schule oder Zuhause. Manche Begegnungen verblieben einmalig und wurde auch wieder vergessen – andere kleben noch heute wie ein altes Pflaster fest. Die Zeit ist nur eine Randfigur. Abschiede füllen und leeren unsere Seele zugleich. Den Abschied umarmen wir ungern – wir lassen ihn lieber nicht in unser Leben. Sie können tief schmerzen oder Wege der Unendlichkeit begehen. Im Laufe der nächsten Jahre folgten noch so viele Abschiede – eine unglaubliche Vielzahl, bei der der einzelne plötzlich stumm wird und nur ab und zu noch die Hand aus den Wellen heben kann. Noch heute schiebe ich manche Aufgaben zähneknirschend vor mir her und wenn mich Mut und Motivation übereilt haben, feiere ich den Abschied. Den Abschied meiner Unlust, meiner eigenen Lethargie. Je älter ich werde, desto klarer begreife ich was ein Abschied mit uns macht. Dazwischen gibt es auch die Partnerschaften – die Menschen, die Dir ganz nah wurden. Sie wurden Dir oftmals näher als Du Dir selbst jemals sein kannst.

Abschied – das ist nicht nur ein Wort. Abschied ist etwas, was ohne Fragen und Antworten verbleibt. Irgendwann stehst Du alleine und winkst den Erinnerungen zu. Munter und traurig zugleich, aber Du weißt, dass es einfach so sein muss.

Bücher der Autorin:

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Nicole Frischlich

Nicole Frischlich ist im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Erste berufliche Schritte begannen in der Reise-Touristikbranche und führten vor dem 30. Lebensjahr in die Selbstständigkeit. Die Fotografie hat sie ihr ganzes Leben begleitet, ebenso wie das Schreiben von Lyrik und Geschichten - bevorzugt in Kombination. Seit 2018 lebt sie in einem kleinen Warftendorf an der Nordseeküste und ist journalitisch freiberuflich für die Emder Zeitung neben ihrer gewerblichen Arbeit (Giclee-Druck) tätig.
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