Das Dorf Mirabel liegt im Departement Ardèche. Auf dem Plateau du Coiron. Der Turm auf dem Basaltgestein, das Château de la Roche ist schon von Weitem zu sehen. Einige Jahre war dieses Dorf mir ein zweites Zuhause. Ich habe im Basalt auf dem Berg gesessen und zum Mont Ventoux geschaut, weit über die Cevennen bis in die Pyrenäen.

Ich habe gelesen, geschrieben, ein Buch aus dem Französischen übersetzt. Ich bin mit einem Jungen, dessen Vater malte, manchmal hinunter nach Villeneuve-de-Berg einkaufen gefahren. Abends haben Florian und ich am langen Tisch gegessen und gewürfelt, geredet. Er half an manchen Tagen bei einem Weinbauern aus und brachte einen Kanister Wein mit. Es war ein kleines Glück und eine Ruhe. Aber das begriff ich erst später. Wir sind auch viel kreuz und quer, ohne Ziel, durch die Landschaft gefahren.

Im zwölften Jahrhundert entstanden die beiden Festungstürme, von denen einer noch erhalten ist. Das Dorf Mirabel wird zur Zeit der Renaissance gegründet. Wie alle Dörfer in den Cevennen und der Ardèche ist Mirabel als nach außen geschützter kleiner Festung an den Berg gebaut. Enge Gassen und Durchgänge, hohe Mauern nach außen. Ein Betraum hinter dem Eingangstor. Die kleine Kirche steht außerhalb.

Noch heute erinnern viele evangelische Kirchen an die lange Zeit der Religionskriege gegen den calvinistischen Protestantismus. 1704 kämpften die letzten Kamisarden gegen die Truppen Ludwigs XIV. Die Soldaten verwüsteten vierhundertsechsundvierzig Dörfer. Bis ins neunzehnte Jahrhundert verbarrikadierten sich die Bauern in ihren kleinen Dorffestungen. Lange lebten die Familien von der Landwirtschaft: Oliven, Wein, Pfirsichen. Von Ziegen- und Schafszucht und vom Kastanienanbau. Der kleinste Fleck Erde wurde genutzt.

Mit Mirabel ist der Agronom Olivier de Serre verbunden. Er bewirtschaftete nicht nur ein Gut im Tal (Pradel), sondern baute Bewässerungsanlagen, führte neue Pflanzen ein, kümmerte sich um die Veredelung des Weinbaus und um die Seidenraupenzucht. Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts blühten die Maulbeerbäume, wurden die Seidenraupen gezüchtet, verdienten viele ihr Geld in den Manufakturen der Seidenspinnerei. Dann brach der Seidenmarkt zusammen: Eine tödliche Seuche vernichtete die Raupen; Kunstseide überschwemmte den Markt. Zur gleichen Zeit gingen die riesigen Kastanienbaumbestände an einer Pilskrankheit ein. Eine Katastrophe für die Dörfer, die Menschen. Es dauerte lange, bis die Hänge wieder für den Weinanbau genutzt, bis die Weine der Ardèche bekannt und getrunken wurden. Bis sich Kooperativen gründeten.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Bevölkerung an der Ardèche, in den Cevennen, um ein Drittel dezimiert; ein weiteres Drittel wanderte zwischen 1945 und 1975 ab. Bahnhöfe, Betriebe, Schulen, Läden schlossen – es blieben die Alten, die ihr Leben so fortführten, wie sie es von ihren Eltern gelernt hatten.

Erst Anfang der achtziger Jahre kamen die Touristen – Familien, Aussteiger und Individualtouristen, die die wilde Landschaft schätzten und Häuser und Dörfer aufbauten. Junge Landwirte kümmerten sich wieder um das Land, die Reben, die Kastanien und Pfirsiche.

Als ich das erste Mal 1993 nach Mirabel kam, lebten dort zwölf Menschen. Die Häuser verfielen. In vielen der kleinen Gassen stapelten sich die Basaltbrocken. Kacheln aus der Renaissancezeit lagen in den Ruinen. Eine Künstlergruppe aus Darmstadt hatte einige Häuser gekauft. Sie waren im Sommer da, im Winter lebten die wenigen Einheimischen wieder unter sich. Zwanzig Jahre lang veränderte sich wenig, aber das Wenige fügte sich wie bei einem Puzzle ineinander. Niemand harrte mehr aus, sondern immer mehr kümmerten sich, dass aus Mirabel wieder wurde als eine mittelalterliche Kulisse. Einige junge Leute nahmen die langen Fahrten zur Arbeit auf sich. Es rannten wieder Kinder durch die Gassen. Ja, es kamen auch zahlungskräftige Pariser, Amsterdamer, Schauspieler und ließen ihre gekauften Ruinen sorgfältig restaurieren. Mirabel hat heute über sechshundert Einwohner. Nicht nur Einheimische, aber das Dorf besteht. Auch wenn es im Winter in der ganzen Gegend ruhiger ist als im Sommer.

Mirabel hat wie so viele Dörfer in Südfrankreich Widerstand gegen die Deutschen geleistet. Aber nicht alle. Gegenüber von Mirabel liegt hoch oben auf dem Berg Saint Jean-le-Centenier. Die Menschen haben schweren Herzens entschieden, nicht zu kämpfen. Bis heute sind sich die beiden Dörfer nicht gut.

Die Einwohner von Mirabel kämpften zusammen mit Mitgliedern der Résistance gegen die Wehrmacht, der es nicht gelang, das Dorf zu besetzen. Sie kämpften bis sie nichts mehr zu essen und kaum noch Munition hatten. Die Amerikaner hatten versprochen, die Bergdörfer zu versorgen. Die Résistance hatte die Liste des Nötigsten weitergegeben: Milchpulver wegen der Kinder, Fleisch in Dosen, Brot und vor allem Munition. Was warfen die Amis ab: Zigaretten und Flugzettel. Zigaretten.

Wir waren am Verhungern, hatten kaum noch Patronen für unsere Gewehre und sie schmeißen Zigaretten auf uns. Noch heute wird das mit Wut erzählt. Zum Glück zogen die Deutschen ab. Im Süden gab es Tag für Tag mehrere Anschläge der Résistance, kriegsähnliche Auseinandersetzungen. Die Wehrmacht meldete im Juli 1944 die Tötung Hunderter „Terroristen“, aber die Sabotageakte nahmen zu. Die Deutschen zogen sich vor den Alliierten zurück. Mirabel blieb unbesiegt.

In Le Teil haben ehemalige Widerstandskämpfer ein Museum des Widerstandes und der Deportation im Departement Ardèche eingerichtet. Das Museum wurde 1992 mit der Absicht gegründet, die Erinnerung an die Menschen aufrechtzuerhalten, die für die Befreiung und den Sieg gegen die Nazibarbarei kämpften. Es präsentiert einen Rundgang durch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs im Département. Die Ausstellung zeigt die Besonderheit des Widerstandes im Ardèche: geheime Druckereien, Verteilung von Flugblättern, Fallschirmabwürfe, Sabotageaktionen. „Unser Museum ist weder einer Einheit, einer Bewegung im Besonderen oder einem Anführer gewidmet, sondern dem Widerstand, der ein gemeinsames Werk war.“ Schreibt der Gründungsverein.

Mirabel heute hat nur noch wenig mit dem Dorf zu tun, dass ich kennenlernte. In dem ich viele Jahre schrieb und schaute, über die Berge fuhr, nach Lussas, Pradel, wo immer noch die alte Seidenmanufaktur steht. Heute gibt es sogar Ferienwohnungen in Mirabel. Der Turm ist in Privatbesitz. Im Sommer ist Mirabel wirbelig voll, früher hallte jedes Lied, jeder Ruf durch die alten Gassen. Im Sommer ist unten im Tal in Villeneuve-de-Berg die halbe Welt zu treffen: Niederländer, Belgier, Touristen. Sie alle sitzen unter den Platanen und trinken ihren Aperitif nach dem Einkauf. Damals wie heute eine schöne kleine Welt, mit Rissen, aber die gab es über tausend Jahre an der Ardèche. Warum also keins der halben Hähnchen kaufen, die der Schlachter im Sommer für die Niederländer grillt? Er bietet ja auch Wachteln, Lammkoteletts und Merguez an.

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