Du erwartest, dass ich hier schreibe, wie wertvoll und wichtig Bücher für mich sind? Dass man die gebundenen Gedanken anderer Menschen schätzen und hüten muss? Pustekuchen. Ich bin Autorin. Ich schreibe Bücher. Und ich werfe sie weg.

Das war am Anfang schwer. Verdammt schwer. Es fühlte sich an wie der Frevel an der Seele eines mir fremden Menschen. Aber: Bücher brauchen Platz. Im Regal. Und im Herzen.

Dort hinein schaffen es die wenigsten. Das ist wie mit den Menschen. Wenige berühren unsere Seele. Je älter ich werde, desto weniger Menschen und Worte umfließen mich wie ein Strom aus warmer Milch. Und das, obwohl, oder weil ich laktoseintolerant bin.

Intoleranz gegenüber Büchern? Ich musste es lernen ob der unfassbaren Menge, die meine Großeltern, meine Eltern, meine verstorbenen Freunde horteten. Mir vererbten. Verstaubtes Papier. Gebunden, von Meistern ihres Faches, vor Jahrzehnten.

Ich war stolz auf diese Schätze. Und wollte sie teilen. Meldete mich in der örtlichen Bibliothek. Die Leiterin bat mich mit einem stummen Kopfnicken in ihr Büro. Dort erfuhr ich die Grausamkeit hinter der Hintertür des Literaturbetriebes: täglich muss sie Nachlässe annehmen. Tut dies auch. Und wöchentlich muss sie einen Papiercontainer bestellen. „Wenn es dunkel ist und keiner zuschaut, dann schmeiße ich die Bücher rein“, verriet sie mir.

Ich schauderte.

Bücher. Ein Heiligtum. Unantastbar. Oder?

Es gibt ein Buch mit dem Titel „Mach dieses Buch fertig.“ Suchen Sie mal auf Youtube. Es gibt Videos, in denen mein damals sechsjähriger Zweitgeborener das Buch an die Hauswand klatscht. Mit dem Fahrrad drüber fährt. Es mit der Gießkanne tränkt. Ein Mordsspaß für ihn und die Mama hinter der Kamera. Das Werk war nach den tagelangen Traktaten nur noch Müll. Und genau dort landete es auch.

Ich bin eine Spätberufene. Erst im Alter von fast zwanzig entdeckte ich die Welt der Worte für mich. Dann aber gab es kein Halten mehr. Buchhandlungen waren für mich magische Orte. Für mein Geld auch, das dort regelrecht versickerte. Ich erinnere mich, dass meine Familie mit mir auf Stipvisite in einer Großstadt war. Ein kleiner Trip raus aus dem Alltag. Wir kamen an einer Buchhandlung vorbei. Meine Kinder ließen resigniert die Schultern hängen. Mama muss da rein. Und kommt ohne volle Tüten nicht wieder raus.

Über die Jahre wuchs meine Bibliothek ins Unermessliche. Gefüllt mit wunderschönen Worten. Aber auch mit Quatsch, den zu lesen es sich nicht lohnt. Mit hohlen Worten, die mich kein kleines bisschen weiter brachten. Die Bücher hatten ein schniekes Cover. Ich kaufte sie wegen ihres Äußeren.

Es folgte ein Umzug. Der nächste. Bei jedem musste und wollte ich Ballast abwerfen. Klamotten zu entsorgen ist einfach. Bücher… nicht so ganz. Es gibt Plattformen, auf denen man ausgelesene oder nie angefasste Literatur verkaufen kann. Man tippt die ISBN-Nummer ein. Kaufpreis dereinst zehn Euro. Erlös heute? 99 Cent.

Bücher der Autorin:

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Und es gibt hier in meinem Wohnort da so genannte rote Regal. Das steht in der Wartehalle des Bahnhofes. Dort kann jeder ausgedienten Lesestoff hinbringen. Mitnehmen. Lesen. Zurückstellen. Behalten. Ich bestücke die Regale nach wie vor gerne. Obwohl ich weiß, dass sich viele hemmungs- und gedankenlos an der Literatur bedienen. Wie der Bewohner eines gegenüber liegenden Behindertenheimes etwa. Der Tag für Tag ein Dutzend Bücher oder mehr in sein Zimmer schleppte, bis die Betreuer eines Tages ernsthaft befürchteten, dass der Boden des Gebäudes ob der schieren Last zusammenbrechen würde.

Ich schreibe selbst Bücher. Für mich ist es nach all den Jahren als Autorin noch immer unvorstellbar, dass vielleicht gerade jetzt, in diesem Moment, jemand in die Welt meiner Figuren eintaucht, die für mich längst Freunde geworden sind. Weggefährten. Mit denen ich gekämpft habe. Gewachsen bin.

Und nun stelle ich mir vor, dass jemand da draußen Ballast abwerfen will. Das Buch von Frau Porath? Kann weg. Tonne. Altpapier.

Wie fühlt sich das an?

Einerseits traurig. Andererseits – der Mensch hat gelesen, was ich in vielen, einsamen Stunden an meinem Computer getippt habe. Was meine Seele auf den blanken Bildschirm geschrien hat. Es musste raus, in jenem Moment. Hat den Leser, vielleicht, ein paar Stunden seines Lebens lang begleitet. Das zu ahnen ist faszinierend. Ich bekomme Gänsehaut. Und denke an den Spruch einer fünffachen Mutter, gelesen vor vielen Jahren und vor den Zeiten von Internet und Ebooks.

„In hundert Jahren werden meine Kinder und ich nicht mehr da sein. Aber wir werden unsere Fußspuren hinterlassen haben.“ Meine Figuren und ich auch in einem dieser flüchtigen Momente, die im Lauf unseres Sonnensystems doch nichts weiter sind, als ein Wimpernschlag voller Altpapier in den Wogen der Unendlichkeit. Denn was bleibt, wenn man am Ende so allein im Sarg liegt, das sind nicht die dicken fetten Bücher im heimischen Regal. Das sind die Worte und Gedanken, die uns beim Lesen berührt haben. Haben wir die erst einmal im Herzen, können sie weiter gegeben werden. An andere Leser. Oder ins Altpapier.

Herzlich
Ihre Silke Porath