Egal wie häufig es besondere Umstände auch geben mag, das Thema tritt in unserem Alltag so oft in Erscheinung, dass es fast jeder Bemerkung überflüssig geworden ist. Versetzen wir uns mal in diesem Zusammenhang zurück in die Zeit der letzten Frühlingswoche 1995 und betrachten die Ländereien von Al-Andaluz.

An einem Freitagabend waren wir in einem Reisebus der voll ausgestattet war mit einer modernen Klimaanlage gegen die heißen Temperaturen, als eine Gruppe von Studenten und Touristen verschiedener Nationalitäten in der schönen spanischen Hauptstadt aufgebrochen, um nach Sevilla zu fahren. Nach einer fast siebenstündigen Fahrt erreichten wir Hispalis, wie es im Mittelalter genannt wurde. Am Omnibusbahnhof stiegen wir kurz vor sieben Uhr morgens aus dem Reisebus, hinein in den kaum dämmernten Tag, der uns mit schüchternen Sonnenstrahlen begrüßte. Einige haben ihre jeweilige Weiterfahrt selbst in die Hand genommen, andere wurden von ihren Familien empfangen, während weitere, so wie ich, beschlossen, zu Fuß zu gehen, und zwar auf den Straßen, die zur Plaza de España führen. Vorbei an Bäumen, die in der Saison blühen, Kacheln, die uns an ihre Geschichte erinnern, und eine Bank, die zur ersten Mahlzeit des Tages rief. Danach ein Spaziergang zur üppigen, monarchischen Kathedrale und ein Besuch hinauf zur La Giralda.
Nur wenige Schritte vom wahren Juwel entfernt, befindet sich die schöne hundertjährige Architektur des Barrio de la Santa Cruz mit seinen besonderen Straßen, der makellosen Sauberkeit und jener Mischung aus Bauten verschiedener Generationen und Kulturen. Ein ganzer Teil der Geschichte Spaniens wurde in einer einzigen Nachbarschaft in diesem Viertel zusammengefasst.

Nachdem ich mich zwei Tage zuvor in den Straßen, Vierteln und Schauplätzen der sehr noblen, sehr loyalen, sehr heldenhaften, unbesiegten und marianischen Stadt Sevilla verirrt hatte, habe ich beschlossen, die Regionalbahn als Transportmittel zu benutzen, um zum anderen andalusischen Wunder zu gelangen, der Stadt Granada, der letzten Festung der Araber bei ihrem Einfall in hispanische Länder. Sehr früh am Morgen setzten wir uns in den gleichen Zug, der im Gegensatz zu den spanischen Hochgeschwindigkeitszügen -AVE – eine große Ähnlichkeit mit denen meines Landes hat, aber nur wegen seiner geringen Geschwindigkeit. Dies hat es uns ermöglicht, die schönen und attraktiven weißen Dörfer im Süden des Landes aus der Ferne zu betrachten. Es ist keine mühsame Reise, denn die Schwerfälligkeit des Transportes ermöglicht die Betrachtung der Landschaften, der Form der Bauwerke und die Beobachtung von Tieren auf den Feldern, während der Fahrt. Nach ein paar Stunden befanden wir uns in der Stadt der La Alhambra, eigentlich eine Stadt wie jede andre auch, halt nur mit einem arabisch muslimischen Namen. Es ist nicht ohne Grund, dass die Anwesenheit von Almoraviden und Almohaden auf der iberischen Halbinsel seit mehr als sieben Jahrhunderten ihre Bedeutung in der spanischen Geschichte nie verloren hat. Dort angekommen stieg ich aus dem Zug und ohne mich darum zu kümmern ob es freie Zimmer in einem Hostel oder einer Herberge gab, ging ich direkt zu dem wohl berühmtesten Bauwerk des Maghreb und der Mauren, der unvergleichlichen Alhambra, Heimat des einfallenden Monarchen, der sich 1492 den Heerscharen der katholischen Könige ergeben musste. Heute ist es eine der wohl schönsten Touristenattraktionen der ganzen Peninsula und ich denke aus der Distanz, vielleicht sogar der ganzen Welt. Weil ich ein bisschen später angekommen war als geplant, beschloss ich, den Innenbesuch auf den nächsten Tag zu verschieben. So blieb ich eine ganze Weile im Außenbereich der Anlage und wartete bis die Sonnenstrahlen verflogen waren, um der üppig nächtlichen Beleuchtung zu weichen, für mich ein wahrhaftiges Abbild jenes Leuchtens, das den arabischen Beitrag zu den Spaniern darstellt. Danach spazierte ich ins Stadtzentrum und besuchte seine katholischen, hyperbolischen Kirchen, beladen mit dem Gold, das bei der schrecklichen Eroberung der amerikanischen Kolonien schlichtweg konfisziert wurde. In den Kirchen befanden sich keine Gläubigen, aber dafür viele ungläubige und atheistische Touristen.

Sehr früh und vor der Eröffnung der Kassen für den Kauf der Eintrittskarten, tummelte ich mich zusammen mit Hunderten von Touristen aus der ganzen Welt zwischen Hautfarben, ausländischen Akzente und seltsamen Kostümen lange wartend, bis ich den Eingang zum Welterbe passieren durfte. Nachdem ich jeden Moment von irgendeinem Touristen aus der ganzen Welt angerempelt wurde und über so manchem selber gestolpert bin und das übliche Leid gehört habe, durfte ich endlich die Gärten bewundern, die von Wasser umgeben sind, das aus dem Gebirge stammt und von Kanälen gespeist wird, die von den Mauren während ihres Aufenthalts fieberhaft gebaut wurden. Ich konnte die mit Fliesen geschmückten Räume und die offenen Höfe und, was vielleicht das Beste ist, den Löwengarten sehen, vollgestopft mit Touristen aus aller Welt, die mit ihren Kameras und ihren ständigen, indiskreten Blitzen die überwältigende Sicht störten. Nach einem sehr erlebnisreichen Tag habe ich einige Restaurants, Bars und Bäckereien besucht, um die Speisen dieser andalusischen Gegend kennenzulernen. Am nächsten Tag besuchte ich das El Generalife, den anderen großen Almoravidenpalast, der im 12. Jahrhundert erbaut wurde. Wie die Alhambra, eine schöne Architektur und eine großartige Ausstattung ihrer Gärten. Insgesamt zwei Tage voller sensorischer Ekstase. Aber die Perle dieser Exkursion in den Süden Hispaniens fehlte noch.

Diesmal wählte ich wieder den Bus, um in die Stadt Cordoba zu fahren, einst Hauptstadt und Sitz des berühmten Kalifats. Wie es mein alter Brauch ist, ging ich nach dem Aussteigen aus dem Fahrzeug zu Fuß entlang von Alleen und Straßen auf der Suche nach einem Hotel, Herberge oder Hostel, in dem ich übernachten konnte. Eine Lamellenaufgabe für mehrere Stunden. Ich hatte das Kulturprogramm im Internet nicht gesehen. Genau zu dieser Zeit hatte der Stadtrat ein großes Rockkonzert organisiert, so dass die Stadt nicht nur Touristen, sondern auch junge Rock Fans aus verschiedenen Regionen des Landes und der umliegenden Städte beherbergte. Es war kaum ersichtlich, dass es keine Hotelverfügbarkeit für diese Termine gab. Zufällig wurde ein Türsteher auf meine Sachlage aufmerksam und informierte mich über ein Einfamilienhaus, dessen Besitzer schließlich eines ihrer Schlafzimmer an empfehlenswerte Personen vermieteten. In diesem Fall war ich die Ausnahme, niemand empfahl mich, aber indem ich meinen Stadtplan benutzte und schließlich den Ort fand, schilderte ich meine Situation der Dame, die nur nach meinem Pass fragte und mich einließ. Die absolute Entspannung für meinen Körper und meine psychische Verfassung. Ich konnte baden, mich umziehen und mit neuer Kraft ausgehen, um eine einzigartige Stadt kennen zu lernen

Ihre Architektur ist eine außergewöhnliche Mischung römischer Bauweise (Brücke, Turm und Türme am Guadalquivir), sowie mittelalterlichem Hispanoamerikanischem und auch Modernem, Maurischem und Hebräischem Gebäuden im Judenviertel. Seine engen, aus Stein geformten Gassen, die hohen und schönen Fassaden aus kunstvollem Material mit bunten Blumen geschmückten Häusern, Zäunen, Gängen, den Innenhöfen mit den Zisternen im Zentrum und den vielen Pflanzen ringsum. Durch die engen und prägnanten Straßen der mittelalterlichen Geschichte zu wandern, in denen drei große Kulturen koexistierten und jahrhundertelang tolerant miteinander umgingen, die Araber, die Hebräer und die Hispanos, bis zur Ankunft der orthodoxen katholischen Könige. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist, dass sich in weniger als drei Blöcken die Moschee, der Dom und die Synagoge sowie Statuen befinden, die ihre Ärzte und Philosophen würdigen. Um die Toleranz zu zeigen, die in diesen Jahrhunderten herrschte, befindet sich mitten in der facettenreichen muslimischen Moschee die leuchtende katholische Kathedrale. Beide zeigen den Reichtum und die wirtschaftliche Stärke der damaligen arabischen und spanischen Kultur, während die Synagoge andererseits die Strenge und den religiösen Stoizismus der jüdischen Kultur widerspiegelt. In der dritten Nacht, bevor ich zu Bett ging, freute ich mich über das Studentenleben, weil es mir die Möglichkeit gab, in Kommunikation und direkten Kontakt mit den Kulturen zu treten, die meiner akademischen Ausbildung vorausgingen. Ich hatte schon immer davon gelesen, aber gerade in diesen andalusischen Regionen sah ich deutlich den wahren Beitrag ihrer militärischen Invasionen und deren kulturellen Gaben.

Die Rückreise nach Madrid war geprägt von der Nostalgie zufälliger Begegnung einer Reisebegleiterin und ihren Geschichten über ein junges Bauernmädchen, das dem Land und seinen Traditionen verbunden ist. Darüber hinaus überschattet, vom abrupten Abschied, mit der Aufforderung nach einer Telefonnummer, der elektronischen oder physischen Adresse eines Wesens, mit dem ich die gleiche Erinnerung an einen angenehmen und glücklichen Aufenthalt in Andalusien teile. Davon bleibt mir in Erinnerung, welche originalgetreuen Schnappschüsse die schönsten Bilder dieser Reise ausmachen. Ich erinnere mich an das Aroma der südlichen Erde. Aber allem voran erinnere ich mich an Sie und ihre anmutige Silhouette, ihre sanften Worte, aber nicht an ihren Namen, der unter den schönen Erinnerungen verloren gegangen ist.