Manche Leute werden niemals verrückt. Was für ein schreckliches Leben die haben müssen“. Das schrieb Charles Bukowski. Und wäre der freiwillige Unterricht an meinem ehemaligen Gymnasium spannender organisiert gewesen, hätte ich den Dirty Old Man wohl nie kennen gelernt.

Ich habe die Literatur-AG damals mangels Alternativen belegt. Im Angebot waren Latein (tot), Astronomie (Sterne hängen zu weit oben), Biologie (das ich nach dem Rausschmiss des Lehrers, der in der Pause auf dem Bunsenbrenner seinen Fleischkäse briet, gehasst habe) oder eben Bücher. Da ich mit Chemie, Physik und überhaupt sonst mit Zahlen nichts anfangen konnte und kann, habe ich mich für die Buchstaben entschieden.

Bis dahin hatte ich nur gelesen, was uns im Unterricht bis zum Würgereiz eingetrichtert wurde. Die Geschichte von Frau Braun, die den Mörder ihres Kindes umbringt. Goethe. Schiller. Kafka. Alle längst im Himmel der Schreiberlinge angekommen und, ehrlich gesagt, für Teenager so langweilig, dass man beim Gähnen dem Lehrer die Zahnspange im Minutentakt zeigt.

Unser Pauker hatte auf dem Tisch einige Bücher ausgebreitet. Jeder sollte sich eines aussuchen. Ich schnappte mir wahllos das erstbeste und erwischte eines von Charles Bukowski. Damit trabte ich nach Hause und setzte mich in den Rattansessel. Menschen meiner Generation wissen, dass Rattansessel damals der letzte Schrei waren. Ich habe auch geschrien, als ich den bekommen hatte, mit dem identischen Gegenstück und einem dazu passenden Tisch. Allerdings nicht vor Verzückung. Das Geschenk meiner Eltern, die mir zum 18. Geburtstag etwas sehr Großes versprochen hatten. Ich rechnete – natürlich – mit einem Auto. Stattdessen also diese potthässlichen Sitzmöbel. Immerhin verschwand bei dessen Lieferung auch das verhasste Klavier aus meinem Zimmer. Ich bin in etwa so musikalisch wie ein Toastbrot und mein Lehrer, der ins Haus kam, war aus meiner Warte schon tot und roch nach altem Käse. Immerhin hat er den damals in einem Kugelglas lebenden Goldfisch mit Hilfe von Kneipp’schen Wechselbädern im spinatgrünen Doppelwaschbecken des elterlichen Badezimmers während einer Klavierstunde so weit reanimiert, dass er noch zwei weitere Monate lang seine traurigen Kreise zog.

Nun hatte ich also keinen Fisch mehr und kein Auto. Dafür diese dunkelbraunen Stühle mit den beigen Kissen, in die ich mich einkugelte und das Buch zur Hand nahm.

Ich las die erste Seite. Die zweite. Und vergaß die Zeit. Der dirty old man hat an jenem Nachmittag meine persönliche Büchse der Pandora geöffnet. „Das beste kommt noch oder fast eine Jugend.“ Irgendwie schien das der passende Soundtrack zum damaligen November zu sein.

Was will man, was weiß man mit 18 Jahren? Nichts. Wild sein, frei sein, anders sein. Ja, okay, soweit kommt man auch mit dem spätpubertären Hormonschub. Und dann? Herrjeh, das Abitur erschien am Horizont und die dringende Frage der Eltern, was um Himmels Willen denn aus der Tochter mit den wahlweise rosa, grün oder blau gefärbten Haaren werden soll (es war Wasserfarbe, trotzdem bekam ich eine Woche Schulverweis). Die hatte keine Ahnung und fläzte im Rattansessel, während die Schulkameraden sich reihum an Universitäten einschrieben.

Einen Tag vor dem Abitur setzte meine Mutter mir den rot lackierten Fingernagel auf die Brust. Ich griff zum Telefonbuch und dem damals hoch modernen grünen Tastentelefon. Schlug die letzte Seite auf und wählte „Z“ wie Zeitung. Erstaunlicher Weise bekam ich den Job.

 

Und damit das Geld, um mir mehr und mehr Bücher zu kaufen. Ich fraß mich durch die ganze Literatur der Westcoast-Schreiber und wünsche mir bis heute, einmal im Leben einen so starken Satz zu schreiben, wie sie einem John Fante scheinbar mühelos aus der Feder quollen. Ja, ich darf heute als Schriftstellerin leben. Und ja, ich bin ein Stück weit genau so verrückt wie meine großen Idole. Deren Genie ließ sie oft zu Cocktails greifen. Oder zum Gewehr. Weil sie der Welt alles gaben, was sie hatten. Alle Gedanken, alle Gefühle. Irgendwann sind solche Menschen leer. Oder verzweifelt an einer Welt, in der ein toupettragender Frauenhasser, ein meinungsnegierender zensierender Staatschef oder ein adipöser Despot die Geschicke lenken.

Zum Glück habe ich einen guten Therapeuten. Und den festen Vorsatz, am Ende von allem per Unfall, Krankheit oder Alter mit den Worten „Was für ein geiler Ritt“ ins Grab zu rutschen.

Und dann ist da ja noch die Sache mit den Schuhen. Die sind quasi meine blaurosagrünen Haare von heute. Während es auf dem Kopf immer seniorenblonder wird, haben sich meine Füße an die genetisch vorgegebenen Maße gehalten. Die Wangen hängen, das Kinn verdoppelt sich, sämtliche Weichteile beweisen, dass die Schwerkraft existiert. Nur meine Füße bleiben sich und der Größe 39 treu. Und die Hersteller haben begriffen, dass es geht: schicke Treter und ein bequemes Fußbett müssen sich nicht ausschließen. Da könnten sich die Politiker eine Sohle abgucken.

Trotzdem laufe ich am liebsten barfuß. Spüre die Erde. Das Leben. Ich stolpere, schlage mir die Zehen blau. Trete in Scherben. Rubbele mir die Hornhaut ab. Das ist ein bisschen wie ein Roman. Oder wie das Leben überhaupt. Mit Socken spürt man alles nur gedämpft.

Kalte Füße? Kenne ich natürlich. Und ja, ich besitze das eine oder andere paar Strümpfe. Die trage ich, wenn es kalt ist und regnet. Und dann denke ich an einen dieser großen Sätze meiner schreibenden Kollegen. Wie Joel Dicker. Sein Roman „Die Geschichte der Baltimores“ ist für mich quasi der High Heel unter den Stories. Auch, weil er einen Satz darin schreibt wie „Träume und träume groß! Nur die größten Träume überdauern. Die anderen werden vom Regen weggespült und vom Regen verweht.“

Genau in diesem Sinne wünsche ich mir und dieser Welt ganz viele Verrückte. Meine Schuhgröße ist Ihnen ja nun bekannt. Meine Adresse für Schuhe, Pralinen oder was Ihnen sonst einfällt, verrät Ihnen sicher die Redaktion. Am meisten freue ich mich allerdings über Sätze, die mich zurück katapultieren in jenen November, als ich im Rattansessel ein erstes Mal einen Hauch von Leben begriff.

Herzlich
Ihre Silke Porath

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Silke Porath

Silke Porath lebt mit ihrem französischen Mann in der gemeinsamen Wahlheimat Balingen am Rande der schwäbischen Alb. Die 1971 geborene Mutter dreier Kinder arbeitet als freie Journalistin und Schreibtrainerin. Die ausgebildete Redakteurin und PR-Beraterin ist Mitglied bei den 42erAutoren, im Verband deutscher Schriftsteller und der Gruppe 48.
Silke Porath

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