Abschiede sind mir so vertraut wie der Ablauf des Alltags. Aufstehen. Toilettengang. Waschen. Zähneputzen. Anziehen. Frühstücken, etc. und…. Abschied nehmen. Mehrmals am Tag.

Wir nehmen so oft Abschied von etwas, wir merken es kaum. Küsschen am Morgen, tschau, bis später. Abschied. Hinein ins Auto, die Bahn. Heraus. Abschied. An den Arbeitsplatz. Den ganzen Tag über dort bei der Arbeit. Am Abend – Abschied. Keiner weiß wann er den nächsten wieder zu sehen bekommt? Wir leben auf dieser Welt in einem ständigen Standby Modus des Abschieds. Ich nenne das die kleinen alltäglichen Abschiede, die wir gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir sie auf Widerruf stellen. Das liegt in der Natur der Sache. Dennoch, wir sollten nicht vergessen, Freund Hein steht immer nebendran und wir wissen, wenn er in Erscheinung tritt, dann ist auch der kleinste Abschied der ganz große: Endgültig.

Es gibt aber noch die anderen Abschiede, die, die uns prägen und uns nie mehr verlassen. Es sind Abschiede, die, so paradox wie es klingt, das Phänomen der Beständigkeit in sich tragen. Ich nenne sie auch die unendlichen Abschiede. Sie wiederholen sich ständig in unseren Köpfen, und weil sie voller Emotionen sind, kommen sie stets mit einem ganz besonderen Gefühl der Traurigkeit rüber. Jeder kennt dieses Abschiedsgefühl. Es beginnt im Bauch. Treibt Tränen in die Augen und erfüllt das Herz mit Schmerz. Abschiede sind kein Scherz. Kein Anlass der Freude. Eher etwas zum Nachdenken.

Es ist wie alles im Leben. Wer oft Abschied nehmen muss, weil es Teil seiner Lebensumstände geworden ist, der muss erkennen, dass er etwas zu lernen hat. Eine Lektion. Darum ist es ratsam, diese Lektion schnell hinter sich zu bringen, denn sonst ist es vorprogrammiert, dass das Leben für lange Zeit viele traurige Szenen mit einem durchexerziert.

Nichts hat mich und mein Leben mehr geprägt wie dieses Wort „Abschied“. Ich erinnere mich an die ersten Abschiede in meiner Kindheit, während den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Jene Abschiede waren Tagesprogramm und sie taten weh. Jeden Tag aufs Neue. Nachkriegszeit nannte man das damals. Ich war gerade fünf Jahre alt geworden. Vater hatte eine Arbeit als Busfahrer bei der Städtischen Straßenbahn. Er musste oft sehr früh aufstehen und wenn Mutter den Milchkaffee kochte und das karge Frühstück servierte, (was nicht mehr als eine Scheibe Schwarzbrot mit Margarine und etwas Zucker drauf war), hatte der Vater schon das Haus verlassen. Mutter war auch beschäftigt. Sie hatte eine Stelle als Abteilungsleiterin beim Kaufhaus Neckermann, in der Innenstadt. Auf dem Weg zur Arbeit brachte sie mich immer zuerst in den Kindergarten.

Mutter nahm mich an der Hand. Sie verlies mit mir die Wohnung und wir liefen zusammen durch die Kastanienallee hindurch. Vorbei unter dicken Bäumen und knorzigen Ästen, hinauf bis zum Neuner Platz. Ich erinnere mich gut, es war im Oktober und mir fiel eine Kastanie direkt auf den Kopf. Die Kastanie war dick und es tat weh. Ich wollte gerade anfangen zu weinen, da lachte Mutter spontan laut auf und streichelte mich zugleich mit ihrer zarten Hand über meinen Kopf. Ich schaute auf zu ihr. Ihr hübsches faltenloses Gesicht. Diese wunderschönen blauen Augen. Das blonde Haar im Herbstwind. Ich erinnere mich gut an ihren liebevollen Blick. Er traf mich wie ein Pfeil. Und die Magie der Mutterliebe lies die dicke Kastanie und das „aua“ am Kopf im Handumdrehen vergessen.

„Komm sagte sie“ und fasste meine Hand etwas fester. „Ich kaufe dir gleich eine Breze beim Bäcker Fröhlich“. Mein kleines Händchen umschlungen von der zarten Mutterhand spürte die Wärme, die von ihr ausging und so liefen wir Hand in Hand den steinigen Weg über den Schottenanger, der damals noch nicht asphaltiert war. Im Sommer war dieser Weg staubig, im Herbst klitschig und im Winter gefährlich glatt. Mehr als einmal machte Mutter mit mir dort eine Rutschpartie auf dem Weg zum Kindergarten. Mutter war damals noch jung, sie war Mitte zwanzig und sportlich. Rutschpartien fand sie fast so lustig wie ich. Unangenehm war es im November, wenn der Nebel und die Kälte sich mit dicken Regentropfen verbündeten. An diesen Tagen war die Aufmerksamkeit meiner Mutter besonders gefragt. Auf dem ganzen Weg versuchte ich immer wieder durch Weinen meinen Ärger los zu werden.

Ob Winter oder Sommer, egal zu welcher Jahreszeit, wenn wir in die Nähe des Kindergartens kamen, füllte sich meine Magengrube an wie ein schwerer Klumpen, den ich so schnell wie möglich loswerden wollte. Sobald wir den Kindergarten erreicht hatten, begann die Abschiedszeremonie. Jeden Tag aufs Neue. Ich spürte wie die Hand meiner Mutter mich fester im Griff hielt. In die andere Richtung schauend zog sie mich mit sich, am Kindergarten vorbei, unter dem Torbogen der Deutschhauskirche hindurch auf das Kopfsteinpflaster des Zeller Berges. Zusammen liefen wir die fünfzig Meter hinab bis zum Bäcker Fröhlich. Dort kaufte Mutter mir eine Brezel. Dick und gestreut mit kristallgroßen Salzkörnern. Das war damals etwas Besonderes. Mit der Brezel in der Hand stand ich kleiner Knirps da und Mutter mit weinenden Augen vor mir. Sie bückte sich runter zu mir, gab mir einen Kuss, nahm ihr seidenes Taschentuch heraus, trocknete sich ihre Tränen und schaute mir nach bis ich den Torbogen der Deutschauskirche erreicht hatte. Dort angekommen, drehte ich mich noch einmal um, winkte ihr zu und sie winkte zurück. Dann drehte sich der kleine Knirps wieder um, ging durch den Torbogen, hinein in den Kindergarten und sobald ich den Kindergarten betreten hatte, war der Klumpen in der Magengruppe auf einem Schlag weg.

Am Abend, wenn Mutter mich wieder abholte, da gab es keine Tränen und keinen Klumpen in der Magengrube. Am Abend, da waren wir beide glücklich uns wieder zu sehen.

Aber wie schon angekündigt, ist es bei diesen Abschieden nicht geblieben. Lange musste ich lernen damit umzugehen.

Mein erster bewusster schmerzlicher Abschied von zu Hause, den ich als solchen bezeichnen kann, war am Tag meiner Abreise in die Schweiz. Dort habe ich damals eine Praktikantenstelle in der Nobelgastronomie angetreten. Ich war jung und ich wollte hinaus in die Welt. Mutter hatte mir für meine Reise nach Zürich einen Tagesproviant eingepackt. Brot. Eine Salami. Etwas Käse, ein paar Kekse und eine Flasche Mineralwasser. In Zürich angekommen überkam mich der Hunger. In der damals schon sehr teuren Schweiz suchte ich mir hinter dem Hauptbahnhof eine Gasse in einem Wohnviertel, das heute noch als Arbeitersiedlung bekannt ist. Dort setzte ich mich auf eine Treppe und als ich den ersten Bissen von der Salami im Mund spürte, spürte ich auch gleichzeitig den Klumpen in der Magengrube. Auf einmal überkam mich das intensivste Gefühl von Heimweh, das ich je im Leben erlebt habe. Nie wieder habe ich so ein starkes Heimweh gehabt. Und Mutter, wie mag sie sich gefühlt haben an diesem Tag? Ich habe sie nie gefragt.

Danach gab es noch viele Abschiede, die ich irgendwann mal nicht mehr zählen wollte. Wenn einer 38 Jahre im Ausland verbracht hat und regelmäßig in die Heimat auf Besuch kommt, dann sind die Abschiede vorprogrammiert. Es war als würde jeder dieser Abschiede schwerer. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen die Tränen meiner Mutter zu sehen. Als erwachsener Mann habe ich es mir abgewöhnt zurückzuschauen und zu winken. Der kleine Knirps von einst, der damals noch winken konnte, hat versucht ein harter Mann zu werden. Gelungen, ist mir das nicht. Noch heute, wenn gewisse Songs erklingen, bestimmte Sätze fallen oder Texte und Bücher, die ich lese, mich aufmerksam machen auf die Momente des Abschieds, dann fühle ich immer noch diesen Klumpen in der Magengrube, den ich schon als Kind hatte, wenn ich sehe, dass wegen mir jemand weinen muss.

Arthur Pahl

Arthur Pahl wurde in Gladbeck/Westfalen geboren und wuchs in Würzburg auf. Nach einer Ausbildung im Hotelfach, absolvierte er ein Praktikum in der Schweizer Nobelgastronomie, arbeitete als Steward auf einem Ozeandampfer, lebte in den USA, Kolumbien, Kanada und Brasilien, war abwechselnd Reisbauer, Smaragdhändler, Taxifahrer, Grabsteinverkäufer und Börsenmakler, bevor es ihm gelang in Deutschland einen halbwegs sicheren Hafen anzusteuern, von dem aus er seither als Reiseleiter für internationale Reisegruppengruppen tätig ist. Arthurs Lebensmotto ist: „Schreiben ist Leben – lesen ist Leben verstehen.
Arthur Pahl