Midlife Krise. Das Alte Ich abstreifen – gewohntes zurücklassen und als ein anderer – ein neuer Mensch – zurückkehren: Einfühlsamer. Verständnisvoller. Ruhiger und gelassener. Konzentrierter. Einsichtiger. Möglichst ohne Medikamente und trotzdem gesund. Alles durch den veränderten Lebenswandel. Geht das überhaupt?

Oder der totale Cyborg. Maschine und Mensch im Modus von Glück. Harmonie. Langlebig und schmerzlos über Jahrhunderte hinweg. Programmiert über Chips. Infrarot und Röntgenstrahlen. Genetisch manipuliert und modifiziert. Sicherlich wird es das geben und gehen wird es auch. Wie, das fragt sich fast jeder? Wollen tun es meist nur die jungen, ältere haben da ihre Zweifel. Für sie ist es schwer sich das alles überhaupt vorstellen zu können.

Bei dieser Frage muss man sich im Klaren darüber sein, was es eigentlich bedeutet ein neuer Mensch werden zu wollen? Die Vorstellung ist für jeden anders. Dabei kommt es klar zum Ausdruck, dass wir an einer Generationsgrenze angekommen sind, die sich stark darin unterscheidet, was der neue Mensch für den Einzelnen bedeutet. Ich habe eine Recherche gemacht unter Gleichaltrigen im Land. Alle waren über sechzig. Herausgekommen ist etwas einheitliches: Für uns, die Baby-Boomer der Generation nach dem 2. Weltkrieg, ist es schwer vorstellbar, nur halb aus Fleisch und Blut zu bestehen, während die andere Hälfte unseres Körpers mit Schrauben versehen, Metallbändern verbunden und den dazugehörenden elektronischen Apparaten ausgestattet, durch die Welt zu marschieren. Der einzige Reiz für ältere Menschen an dieser medizinisch-technischen Zukunftsversorgung besteht in der Zuversicht das Schmerzen gelindert werden, vielleicht sogar verschwinden und ja, auch die Chance auf ein sehr viel längeres Leben. Aber die meisten, mit denen ich geredet habe, wollen gar nicht sehr viel älter werden. Wer die 70 überschritten hat, der ist oft im Reinen mit Freund Hain. Erstaunlich, wie offen Menschen aus dieser Generation dem Tod gegenüberstehen. Einigen wir uns auf den Schmerz und dem attraktiven Angebot zukünftiger Robotertechnologen, körperlichem Leiden zu entgehen. Darin sind sich alle einig. Diese Errungenschaft des neuen Menschen würde jeder gerne für sich wahrnehmen, egal aus welcher Generation. Alles was darüber hinausgeht, lehnen die meisten älteren Menschen heutzutage ab. Für sie ist die Terminologie neuer Mensch, eine ganz andere und die besteht eher aus einem inneren Wandel. Ich erinnere an die vielen Sätze in diesem Zusammenhang. Man sagt ja auch, diese oder jene Person kam aus dieser oder jener Situation als ein „neuer Mensch“ wieder zurück. Dafür gibt es viele Beispiele. Kaum eines dieser Beispiele hat etwas mit Implantaten, mechanischen Körperteilen oder Chips im Geringsten zu tun. Es ist meist bezogen auf die Anatomie des Fleisches und nicht der Festigkeit von Metall. Sicherlich ist es nicht falsch zu behaupten, dass ein Drittel der Menschheit sich darüber einig ist, den Begriff „neuer Mensch“ eher mit dem Inneren Wandel zu assoziieren statt mit technologischen Errungenschaften.

Etwa so: Vor kurzem habe ich eine Reportage über den Kumbha Mela gesehen, dem größten religiösen Fest der Welt. Alle 12 Jahre treffen sich in Indien bis zu 30 Millionen Menschen fünfzig Tage lang, um ihre Gotteserfahrungen auszutauschen. Ein berauschendes Fest. Mir fiel auf, dass bei einem Interview eine betagte Amerikanerin sagte, sie sei hierhergekommen, um „Gott besser verstehen zu können“. Ein Satz der mich umgehauen hat.

Ich glaube ich weiß wovon ich rede. Auf der Suche ein neuer Mensch zu werden, habe ich Jahrzehnte lang immer wieder Zeit in Klöstern und Ashrams verbracht. Von Vrindaban bis zur Dordogne, von Oregon bis Alba de Tormes, vom Himalaya bis zu den Schweizer Alpen bin ich in mein seelisches Büßergewand geschlüpft und habe den Anordnungen von Lehrmeistern Folge geleistet. Gebete und Chants vor mich her leiernd, war ich auf der Suche nach meiner „Gotteserfahrung“. Gott verstanden habe ich bis heute nicht. Und ein neuer Mensch bin ich dadurch auch nicht geworden. Ein anderer aber schon.

Mit Verlaub, ich will hier keinesfalls falsch verstanden werden. Auch ich habe die Sehnsucht verspürt, die diese ältere Amerikanerin verspürt hat. Nur, diese Sehnsucht „Gott zu verstehen“ hat mich irgendwann von sich aus zur Einsicht kommen lassen: Als Mensch Gott verstehen zu wollen, ist als ob die Ameise verstehen könne, warum sie mitten im Wald unter den Stiefel des Jägers geraten ist. Es ist als ob sich die Ameise fragen würde: „Lieber Jäger, lass mich bitte begreifen, warum du mich nicht in meinem warmen Herbstlaubloch weilen lässt, statt mich jetzt unter deinem Stiefel totzutreten. Als ich das verstanden habe, habe ich es aufgegeben Gott begreifen zu wollen. Stattdessen habe ich mich der Realität gestellt und – auch wenn es schwer war – akzeptiert, was unabdingbar ist für uns Menschen. Wer ein neuer Mensch werden will, aber es nur kann, wenn er Gott verstanden hat, der wird NIE ein neuer Mensch werden können.

So viel zum Thema „Der neue Mensch“ für die Generation der ich angehöre, die Baby-Boomer der Nachkriegsära des 2. Weltkrieges. Wir, die Älteren auf dieser Welt haben bei dem Thema „Der neue Mensch“ ganz andere Vorstellungen, als die jüngere Generation. Nur wenige von uns können zu diesem Thema etwas beisteuern. Für uns ist der Wandel im Menschen nicht nachvollziehbar durch moderne Technik. Frankensteingebilde sind für die Opas und Omas des 21. Jahrhundert Filmgeschichte, deren Maß den Unterhaltungswert nicht überschreitet. Wir haben weder die Vorstellungskraft noch das Interesse uns auszudenken was die Zukunft dem Menschen noch alles bringen mag, um das nicht immer so angenehme Leben auf dieser Welt zu verlängern.

Ich glaube der Unterschied in der Interpretation der Generationen bei dem Thema „Der neue Mensch“ liegt darin, dass die Älteren sich einen neuen Menschen in der Art von Cyborg gar nicht richtig vorstellen können. Wenn sie sich des Ausdrucks bedienen, dann meinen sie eher „der andere Mensch“, denn der „neue Mensch“ ist wahrhaft im Sinne des Wortes der Zukunft und deren Nachkommen vorbehalten und nicht uns, die wir unser Leben bereits zum allergrößten Teil hinter uns gebracht haben.

Und so ist alles wieder im Lot und jeder versteht die Dinge so, wie sie zu ihm gerade passen.

Arthur Pahl

Arthur Pahl wurde in Gladbeck/Westfalen geboren und wuchs in Würzburg auf. Nach einer Ausbildung im Hotelfach, absolvierte er ein Praktikum in der Schweizer Nobelgastronomie, arbeitete als Steward auf einem Ozeandampfer, lebte in den USA, Kolumbien, Kanada und Brasilien, war abwechselnd Reisbauer, Smaragdhändler, Taxifahrer, Grabsteinverkäufer und Börsenmakler, bevor es ihm gelang in Deutschland einen halbwegs sicheren Hafen anzusteuern, von dem aus er seither als Reiseleiter für internationale Reisegruppengruppen tätig ist. Arthurs Lebensmotto ist: „Schreiben ist Leben – lesen ist Leben verstehen.
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