Wenn ich selbst tätig bin, dann kann ich erst im Nachhinein reflektieren und in der Erinnerung meiner Tätigkeit, Beobachtungen anstellen. Im Gegensatz dazu, kann ich etwas, dass ein anderer Mensch tut, ohne Erinnerung beobachten, das heißt immanent beobachten.

Deshalb sind Objekte, unabhängig davon, ob es sich um lebendige oder tote Dinge handelt immer immanent gegeben. Subjekte, also „Ich“ bin mir nur immer in der Erinnerung für mich gegeben. Die Gefühle ziehen mich immer in erinnerte Ereignisse hinein, so dass der Mensch dazu neigt, bei der Beobachtung von Objekten, seine gefühlte Erinnerung mitzunehmen und so die Objekte sieht.

Ich sehe nichts Neues in einem Objekt, wenn ich mein Gefühl mitberücksichtige, dann sehe ich nur mein Gefühl und projiziere dieses auf das mir gegenüberliegende Objekt. Um ein Objekt in seiner Tiefe zu erfassen, um es in seinen offenen Möglichkeiten zu sehen, müsste ich selbst tief und offen sein, dieses Gefühl in mir heraufbeschwören, das ich einst erfuhr. Wenn ich mich ablenke, habe ich dieses Gefühl nicht. Schmerz ist eine Konzentration auf sich selbst in Realzeit, das heißt ohne Erinnerung. Schmerz kann nicht gefühlt erinnert werden. Freude auch nicht. Alle Gefühlsregungen können nicht gefühlt erinnert werden, sondern nur leer, also als Wissen. Wenn man hartnäckig und geduldig genug ist, kann man sogar sehen, wie ein Blatt zum Beispiel, wächst. Dass man dies nicht sieht und nur das Ergebnis später sieht liegt darin, dass man nicht lange genug beziehungsweise eben hartnäckig und geduldig beobachtet.

Große Wissenschaftler machen genau das, sie beobachten lange etwas und sehen somit, wie sich dieses Etwas verändert oder nicht verändert. Erst wenn ich fähig bin, mein Nichtstun auf ein Objekt zu richten und nicht auf meine Erinnerung des Gefühls, habe ich die Möglichkeit, etwas Neues zu erfahren. Wenn ich die Leere spüre, das Nirwana sozusagen zulasse, kann der /das Andere in mir wirken, ansonsten wirke ich im anderen, aber nur wenn ich keine gefühlte Erinnerung besitze, denn mit dieser wirke ich nicht im anderen und auch nicht in mir selbst.

Sarah Krampl

Sarah Krampl, am 3.9.1971 in Latisana geboren und bis zum 14. Lebensjahr in Italien (Sanremo) aufgewachsen. Nach Abschluss von 2 Matura, Studium des Italienischen und Spanischen in Graz und Klagenfurt. 2003 Magistra der Philosophie - Mag. Phil. Ab 2005 Sprachtrainierin in den Sprachen Italienisch und Spanisch für die Volkshochschule, BIT, Sprachkurse für das AMS, Kindersprachkurse und Erwachsenensprachkurse. Übersetzerin für die Pensionsversicherungsanstalt seit 1998. Übersetzungen aus dem Italienischen, Spanischen und Portugiesischen für unterschiedliche Firmen. Zwei Bücher im Eigenverlag: „Literarisch-philosophische Rezensionen“ und „Fachessays“-Verheiratet, drei Kinder. Lebt in Villach.
Sarah Krampl

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