Da lag er. Einmeterneunzig, kräftig gebaut, schwere Lederjacke und Feuchtflecken im Schritt der mit feuchter Erde verschmierten, abgetragenen Jeanshose. Mitten auf der Straßenkreuzung des kleinen Ortes irgendwo in Deutschland lag er vor sich hin lallend, nicht in der Lage wieder auf die Beine zu kommen. Die Vorhänge der, die Straße säumenden Einfamilienhäuser, bewegten sich und auf der Kreuzung lag der einmeterneunzig Mann.

Unentschlossen stand auf dem Bürgersteig ein schmächtiger Junge, knapp einmetersiebzig, kurze Hose.
Es war Sommer.
Ein heißer schweißtreibender Tag.
Unsicher blickte er um sich.
Da war niemand.
Nur er, 13 Jahre jung und der Mann, mittleren Alters, hilflos mitten auf der Straße
und
die Vorhänge bewegten sich.

Der Junge ging vorsichtig an den Liegenden heran und fragte was los sei.

Ein Speicheltriefendes, „Halt’s Maul“ kam ihm entgegen.

Dennoch packte der Junge dem Mann in die rechte Schulterbeuge und sagte,

„Komm! Auf!“

woraufhin der Liegende sich erst auf die Knie, dann in voller Länge, wackelnd aufrichtete, der Junge dessen rechten Arm über seine eigene Schulter zog und dem wackelnden Riesen mit dem linken Arm von hinten in der Hüfte zu umfassen suchte.

Als beide schwankend den Bürgersteig erreichten wurde ein Fenster geöffnet und eine keifende Frauenstimme rief,

„Lass den Suffkopp doch liegen“

und nach kurzem Luft holen,

„der Franz wohnt da oben, die Liebigstraße runter, im letzten Haus links“,

und sofort schloss sich das Fenster wieder.

Einsam, Schleifen ziehend, unsicheren Schrittes bewegte sich der schmächtige Kleine mit dem lallenden, sabbernden Riesen, Richtung Liebigstraße.

Das beschriebene Haus in Sichtweite, verließen den Riesen die Kraft und mit äußerster Anstrengung schleppte der Junge den Hilflosen vor die Haustür, als ihn ein Schmerz durchfuhr und es schwarz um ihn herum wurde.

All dies ging ihm durch den Kopf, als er vor der Tür im vierten Stock des Mehrfamilienhauses stand und an die Tür klopfte.

Es war schon lange nach Feierabend als sein Bürotelefon klingelte und eine verzweifelt klingende Frauenstimme ihm erklärte, Anton habe Tabletten genommen, klinge am Telefon trunken und wolle sich umbringen. Er war bereits auf dem Sprung in den Feierabend, aber er kannte Anton gut. Auf den Weg zu dem Mehrfamilienhaus hastend alarmierte er den Rettungsdienst.

Am Haus angekommen, stand die Haustür offen, wie üblich.

Jetzt stand er vor der Tür, klopfte, als diese sich öffnete und Anton, ein Küchenmesser in der Hand, ihn angrinste und im gleichen Moment haltlos an ihm vorbei, in voller Länge zu Boden fiel. Er drehte Anton um. Dieser lag lachend, wirren Blickes auf dem Rücken und drohte: „Ich bring euch alle um! Alle!“

Er ging auf die fünfzig zu, hatte 9 Stunden hinter sich und nach dem Frühstück nichts mehr gegessen.

Anton war 19 und voll gepumpt mit Tabletten, Wodka, Amphetamine und hatte wahrscheinlich auch den ganzen Tag nichts gegessen. Die Welt hatte sich ihm verschlossen, keiner habe ihn lieb und er liebe niemand. Alles habe keinen Sinn mehr, lallte er, immer wieder von hysterisch klingendem Kichern unterbrochen.

Als Anton in der Hocke am Boden kauernd die Sanitäter die Treppe hochkommen sah, wollte er sich aufrichten, wurde aggressiv, was aber in seinem Zustand in der Gestik stecken blieb.

So stolperte er, den kraftlosen, Weltschmerz vor sich hin nuschelnden Anton im Arm die Treppe hinunter, gefolgt von den beiden Sanitäter.

Im Rettungswagen setzte er sich neben Anton, hielt seine Hand.

Die Schiebtür fiel ins Schloss.

Eigentlich hatte er Feierabend.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun,
sondern auch für das was wir nicht tun“

Molière