Bockig. Beleidigt. Stinkwütend. Das alles ist untertrieben, was ich empfand, als meine Eltern mir mitteilten, dass ich nach unserem Umzug ins neue Haus und meinem Übergang in die neue Schule den neuen Schulweg doch bitte alleine zu bewältigen hätte. Zwanzig Fußminuten. Bei Wind und Wetter. Zu einer Uhrzeit, zu welcher Mutter und Vater noch selig schlummernd in den Federn lagen.

Mit den Jahren habe ich den Schulweg optimiert. Die besten Abkürzungen durchs Viertel gefunden. Durch einen Garten. Vorbei an einem Schuppen, ein schmaler Gang entlang von Garagen. Mein Schulkamerad, den ich jeden Morgen abholte, fand weitere Schleichwege. Wir waren irgendwann bei knappen zehn Minuten. Ich freue mich darauf, diese demnächst meinem Sohn zu zeigen, der ab September den exakt selben Weg gehen wird.

Ein Fahrrad hatte ich damals nicht. Wenn kein Schnee lag, schnallte ich mir die Rollschuhe an und die Turnschuhe baumelten am Ranzen. Blöd nur, dass an einem besonders steilen Stück eines Tages eine Menge Rollsplit lag. Ich strauchelte, wedelte mit den Armen. Versuchte zu bremsen. Was mir nur fallend gelang. Die Narben von den hunderten spitzen Steinchen, die der Arzt später heraus pulte, sind bis heute an meinen Knien zu sehen.

In unserem viel zu begüterten Land werden die Kinder heute mit fetten Geländewagen in die Schule gefahren. Hunderte Mütter buhlen dann mit ihren überdimensionierten Karren um die besten Plätze vor der Schule. Leider haben die wenigsten ihre großen Autos im Griff. Belegen zwei, drei oder mehr Parkplätze auf einmal. Oder blockieren beim Rückwärtsfahren für Minuten den Verkehr.

Vor zwei Jahren, im Sommer, hatte mein Monsieur Käse gekauft. Wer einen Franzosen kennt der weiß: ein großartiges Ereignis. Auch bei 35 Grad im Schatten. Dumm nur, dass das ganze Auto komisch roch. Noch dümmer, dass der Geruch sich auch durch exzessives Lüften und den Einsatz von Wunderbäumen nicht bannen ließ. Mein Sohn und ich hatten keine Wahl. Wir mussten mit einer nach dem Himmel stinkenden Kalesche zur Schule fahren.

Dort fand – ausnahmsweise und in meinen Augen viel zu selten – eine Verkehrskontrolle statt. Die Polizisten wollten wissen, ob die Kids in den SUVs auch artgerecht angeschnallt waren. Ich wurde gestoppt, ließ die Scheibe herunter. Der Uniformierte riss die Augen auf. Trat einen Schritt zurück und wurde grün im Gesicht. Ich habe mich mit dem von meinem mir angetrauten Franzosen gekauften Käse entschuldigt. Der Polizist grinste schief. Mein Sohn war korrekt angeschnallt, wenn auch ein wenig blass um die Nase.

Viele, sehr viele Wochen später verflüchtigte sich der Gestank. Eines Tages öffnete mein Mann eine Klappe zwischen Armaturenbrett und Schalthebel, von der wir gar nicht wussten, dass sie existiert. Darin fand er den verwesten Kadaver einer Maus. Eingeklemmt in der Klappe. Die von uns bewusst nie jemand geöffnet hatte. Wir hatten also keinen marodierenden Käse durch die Landschaft gefahren, sondern einen Tierkadaver.

Aber – wir konnten fahren. Unsere Kinder zur Schule bringen. Das ist nicht überall auf der Welt selbstverständlich. Es gibt Achtjährige, die drei oder mehr Stunden durch einen von Krokodilen bevölkerten Fluss paddeln, um das ABC zu lernen. Auf diesem Planeten leben Kinder, die unsichere Brücken überqueren, um zur Schule zu gelangen. Sie alle wollen lernen. Und das ist gut so.

Ich hatte es wirklich bequem mit den paar Minuten Fußmarsch. Damals war ich stinkig auf meine Eltern, die mir zum 18. Geburtstag kein Auto, sondern einen urbequemen Rattansessel samt passendem Tisch im Gegenzug zum von mir verhassten Klavier in meinem Zimmer geschenkt haben. Viele Klassenkameraden rauschten mit Vollendung der Volljährigkeit in eigenen Wagen zum Gymnasium. Mir blieben weiterhin nur die Rollschuhe. Und meine neue Kuschelecke.

In der habe ich Charles Bukowski entdeckt. John Fante. Ernest Hemingway. Die Autos meiner Schulfreunde sind längst verschrottet worden. Meinen Hemingway habe ich noch. Und ich freue mich darauf, ihn eines Tages einem meiner drei Kinder zu geben. Denn damit haben sie einen Weg, ein Angebot, mit diesem Leben klar zu kommen. Dazu braucht es kein Fahrrad. Keinen übermotorisierten Luxuswagen. Am Ende zählt der eigene Weg. Und der beginnt im Herzen.

Herzlich,
Ihre Silke Porath

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Silke Porath

Silke Porath lebt mit ihrem französischen Mann in der gemeinsamen Wahlheimat Balingen am Rande der schwäbischen Alb. Die 1971 geborene Mutter dreier Kinder arbeitet als freie Journalistin und Schreibtrainerin. Die ausgebildete Redakteurin und PR-Beraterin ist Mitglied bei den 42erAutoren, im Verband deutscher Schriftsteller und der Gruppe 48.
Silke Porath

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