Ich habe einen Halbbruder. Ich kenne ihn nicht. Ich habe einen Erzeuger. Auch ihn kenne ich nicht.

Die beiden wohnen nur einen Steinwurf weit entfernt von mir. Und sind doch Welten entfernt.

Ich bin ein Scheidungskind. Typisch für Jungen und Mädchen der 1970er in Deutschland. Die Eltern trennen sich – die Mutter bekam automatisch das Sorgerecht. Der Vater wurde zum reinen Unterhaltszahler vergattert. Meine Mutter hat wieder geheiratet. Den Mann, den ich heute voller Stolz und Ehrfurcht „Papa“ nenne. Mein Erzeuger ist auch wieder vor den Traualtar getreten. Mit dem damaligen Scheidungsgrund. Einer gefärbten Blondine. Noch Fragen?

Als Kind habe ich mir zunächst keine Gedanken gemacht, woher ich komme. Als Teenager dann schon. Wer ist mein leiblicher Vater? Wo ist meine genetische Familie? Ich habe versucht, Kontakt aufzunehmen. Vergebens. Mein Samenspender verweigerte sich.

Dann passierte das Leben. Abitur. Ausbildung. Arbeit. Erste Heirat. Erste Schwangerschaft. In jenen Tagen keimte erneut der Wunsch auf, meinem Erzeuger sein Enkelkind zu zeigen. Ich schrieb Briefe. Und bekam keine Antwort. Auch nicht beim zweiten und nicht beim dritten Kind.

Ich hätte einen Haken an die Sache machen können. Aber… immer wieder fragen einen auch Ärzte, ob es diese und jene Krankheit in der Familie gab. Das weiß ich nicht. Denn ich kenne nur 50% meiner Gene persönlich. Meine Oma väterlicherseits hat mir jedes Jahr zum Geburtstag heimlich ein Geschenk gekauft. Als mein Großvater das eines Tages herausfand, hagelte es Schläge. Denn sie dachte an ein Kind, das in den Augen der Familie wegen des Richterspruchs zum Bastard geworden war. Jeden einzelnen Deiner blauen Flecke küsse ich bis heute. Sophie, du mutige Frau.

Aus der Zeitung habe ich vor ein paar Jahren erfahren, dass mein Halbbruder geheiratet hat. Ich schrieb ihm eine Karte. Die Reaktion? Keine. Dann las ich, dass er Zwillinge bekommen hat. Wieder verschickte ich einen Brief. Und bekam… nichts zurück.

Es hat weh getan. Verdammt weh. Ich wollte zurück zu meinen Wurzeln. Wollte wissen, wer die selben Gene in sich trägt, wie ich. Wer einen Teil Geschichte mit mir teilt. Mir vielleicht erklären kann, warum ich ticke, wie ich eben ticke.

Bücher der Autorin:

– Werbung –

Bis heute weiß ich das nicht. Und ehrlich gesagt – ich habe meine Wurzeln an anderer Stelle geschlagen. Mein Herzensvater ist mein Zuhause. Genau so, wie es mein Mann und meine Kinder sind. Meine große, schöne Tochter zum Beispiel. Sie ist 20 Jahre alt. Ihren Vater habe ich viel zu jung geheiratet. Es ging in die Binsen, aber es war mir auch in der zweiten Ehe immer wichtig, dass die beiden Kontakt haben. Von ihm kommt sie. Von ihm hat sie Wurzeln. Mein zweiter Exmann hat das nie verstanden. Wenn meine Tochter von ihrem Vater abgeholt oder zurück gebracht wurde, saß er schmollen oder wahlweise tobend im Büro.

Egal, ich habe dem Vater meines Kindes immer und immer einen Espresso angeboten. Stets wissend, dass mein Mädchen wissen muss, dass sie zu Mutter und Vater gehört, wie Zucker zum Kaffee. Mein zweiter Mann ist Geschichte. Für mich. Für meine beiden Söhne nicht. Er ist ihre Wurzel. Zur einen Hälfte. Zur anderen bin es ich.

Genetisch sind mein Vater und meine Kinder absolut nicht verwandt. Und auch meine Schwester, die aus der ersten Ehe meines Papas stammt, ist aus einem ganz anderen Genpool geschlüpft. Wir sehen und absolut nicht ähnlich – trotzdem sagen die Leute, dass wir uns ähnlich sind. Nicht optisch, vielleicht, aber wir sind gemeinsam und gleich aufgewachsen. Haben die selben Wurzeln.

Nur, weil jemand mal seine Eizelle oder sein Sperma in die Welt geschickt hat, heißt das noch lange nicht, dass er verwurzeln kann. Noch ein Beispiel: meine Eltern haben ein Pflegekind aufgenommen. Meine süße, kleine Schwester Rose. Sie wurde in Tansania geboren. Und wir beide lachen und schwarz und weiß, wenn jemand sagt, dass man sieht, dass wir verwandt sind.

Keine Ahnung, ob wir die selben Gesten erlernt haben, die selbe Mimik. Ist ja auch wurscht, wir haben eines gemeinsam. Unsere Wurzeln. Und die wachsen tiefer und fester, als so manche identische Blutgruppe.

Das macht mich stark. Ich sehe sie nicht, meine Wurzeln. Ich weiß aber, dass ich auch Familie in Polen habe. Auch diese Menschen kenne ich nicht. Aber sie sind da. Sind ein geheimes Netzwerk. So wie Ihr, liebe DenkZeit-Freunde, ein Netzwerk für die Welt seid. Bleibt so. Schlagt Wurzeln. Denkt nach. Fühlt und lebt.

Herzlich,
Eure Silke Porath