Der Rabe hat ein Imageproblem. In den meisten Kulturen dieser Erde haftet ihm immer etwas Negatives an. Mal ist er ein Todesvogel, weil er in früheren Zeiten als Aasfresser wohl auch mal den ein oder anderen menschlichen Leichnam angeknabbert hat. Mal wurde er zu Namensgeber für Bezeichnungen wie jene des Unglücksraben.

Es ist auch ein Unglück, mit dem Monika Deterings Buch „Der Sommer der Raben“ beginnt. Ein tödliches Unglück, an dem sich Siri, die Ich-Erzählerin der Geschichte, die Schuld gibt, und dass ihrem Lebensgefährten Felix das Leben kostete. Mit einem Mal ist die Welt nicht mehr so wie sie eigentlich hätte sein sollen, in einem beschaulichen Ort vor den Toren Berlins. Denn wie das bei Beerdigungen so ist, sie sind auch ein gesellschaftlicher Anlass, bei dem sich begegnet, wer sich sonst eigentlich aus dem Weg geht. Oder, wie in diesem Fall, man begegnet sich zum ersten Mal, was auf Siri und die Eltern von Felix zutrifft. Das teils schrullige, teils besitzergreifende Verhalten der Eltern verschreckt die quasi elternlos aufgewachsene Siri, die Tatsache, dass Felix unbemerkt von ihr den Kontakt zu seinen Eltern gehalten hat verwirrt sie, dass sie zum ersten Mal von einem Halb-Bruder ihres Lebensgefährten hört, beginnt sie in einen Strudel von zweifelnden Fragen zu stürzen. Und als sich die Eltern noch kurzerhand selbst bei ihr einquartieren, beschließt sie sich in ihren bis dahin vernachlässigten Beruf zu stürzen, der sie dankenswerter Weise durch die Republik reisen lässt.

Unsere Heldin ist Verkaufsagentin für ein ganz spezielles Genre: Marionetten Und es ist auch eine Marionette, an die sie immer wieder denken muss. Ein schwarzer Rabe, dessen Foto Felix einst bei einem Urlaub in Prag sah und unbedingt haben wollte. Am Ende steht der Entschluss, die Rabenmarionette ausfindig zu machen, für Felix … oder um sich selbst zu finden?

„Der Sommer der Raben“ lebt von seiner gelungenen Sprachmischung zwischen Melancholie und Humor, untermalt von einer Bild reichen Sprache, die sich oft der Natur entlehnt. Es ist aber auch eine Geschichte der Einsamkeit. Jene der Heldin, die plötzlich wieder alleine ist, in einem großen Haus. Die der Eltern, die ihren Sohn verloren haben und den zweiten Sohn nicht miteinander teilen können. Aber auch die von Siris teils schrulligen Kunden, reiche Geschäftsfrauen, die ihre Gefühle nur durch Geld ausdrücken können, oder für die Marionetten zum Ersatz für die Familie geworden ist, die sich entfremdet hat. Die Figur eines alternden Schauspielers verdichtet diese Einsamkeit in einen einzigen Moment, in dem dieser Siri gesteht, weil sie auf ihren Nachforschungen über den gesuchten Raben zu ihm gekommen war, sei sie der erste Besuch seit einer Ewigkeit. Doch manche der Einsamen verbindet ein Netz aus Intrigen, dessen Zentrum sich in Prag befindet, wohin es Siri auch zu Ende des Buches wieder ziehen wird. Zuvor allerdings versucht sie sich auf Hiddensee selbst zu finden, um mitten in den Winterstürmen ganz jemand anderen zu finden. Doch wir wollen nicht zu viel verraten, denn spätestens ab hier wird die Suche von Siri nach dem Raben (und ihrem neuen Lebensweg) doch noch eine Spur komplizierter.

„Der Sommer der Raben“ ist ein schönes Buch, das es über seine Ich-Erzählerin schafft, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, so dass man die Seiten fast automatisch umblättert, und es in wenigen Zügen ausgelesen hat. Das mag vor allem an der Charakterzeichnung liegen, mit der Monika Detering den Lesern ihre Figuren näherbringt. Etwas, was ihr mit einem erstaunlich geringen Aufwand gelingt. Eine Bemerkung, eine Beobachtung durch die Ich-Erzählerin, etwas, was der Leser aus der Vergangenheit der Figur erfährt, genügt schon.


„Der Sommer der Raben“, Monika Detering – erschienen bei edition oberkassel,
ISBN: 978-3958131170 (Print) Euro 12,00
ASIN: 3958131174 (E-Book) Euro 7,99


Gewinnspiel

Gewinne eines von zwei von Autorin Monika Detering signierter Bücher.

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Der Gewinn wird unter allen Teilnehmern verlost. Teilnahmeschluss: 15. Mai 2019.

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