Buchrezension: „Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino

Keigo Higashino legt mit Unter der Mitternachtssonne ein dickes, aber mit jeder Seite lesenswertes Buch vor.

Unter der Mitternachtssonne ist nicht das erste Buch, das ich von Keigo Higashino gelesen habe, aber es ist das Buch, das ihn auf eine kleine Liste von Autoren brachte, deren weitere Bücher ich ungelesen empfehle. Wahrscheinlich spricht es ein wenig für meine Schwäche für Japanisches, dass diese Liste einst mit Haruki Murakami begann.

Tatsächlich wären wir da auch schon bei einem kleinen Hinweis für künftige Leser, also jene, die sich nicht schon davon abgeschreckt fühlen, weil dieser Thriller mit fast 800 Seiten sehr lang ausgefallen ist. Man muss schon ein bisschen etwas für Japan übrig haben, oder zumindest wissen. Weniger um die Ereignisse zu verstehen, mit Ausnahme des japanischen Baseballs ist alles recht international verständlich, aber man sollte mit japanischen Namen umgehen können, denn die Figurenvielfalt könnte dem Leser sonst Probleme bereiten.

Unter der Mitternachtssonne beginnt als scheinbar konventioneller Kriminalroman. Das Opfer ist ein Pfandleiher, der in einem Abrisshaus von Kindern gefunden wird. Der ermittelnde Kommissar Sasagaki hat wenig Mühe Verdächtige zu finden. Doch entweder haben diese ein stichfestes Alibi, oder sterben durch Unfälle, von denen einer auch ein Selbstmord sein könnte. Und mit dem Tod der Verdächtigen verlässt der Autor zunächst einmal den ermittelnden Kommissar und widmet sich zwei Kindern. Yukiho und Ryo, beide sind etwa gleich alt, doch die eine ist die Tochter einer der verstorbenen Hauptverdächtigen, der andere Sohn des Opfers. Higashino zeichnet den Weg der beiden weiter, ohne die beiden in Kontakt zu bringen. Yukiho lebt bei einer Tante und entwickelt sich zu einer talentierten Studentin, später soll sie ihre eigene Modehauskette eröffnen. Ryos Weg ist weniger glamourös, aber im Grunde ist er nicht weniger erfolgreich. Im beginnenden Computerzeitalter erweist er sich als talentierter Programmierer und Hacker, so gut, dass er sich sogar in einen großangelegten Raubkopieversuch der ersten Super Mario-Spiele verstrickt.

Die Handlung von Unter der Mitternachtssonne beginnt zu Zeiten der Ölkrise und erstreckt sich über 20 Jahre. 20 Jahre lang lässt der Fall Sasagaki keine Ruhe, denn er wird den Verdacht nicht los, das Yukiho nur eine schöne Maske trägt. In ihrem Umfeld geschehen immer wieder Merkwürdigkeiten, bis hin zu zwei Vergewaltigungen, und immer gibt es eine Profiteurin: Yukiho. Über die Jahrzehnte hinweg wächst ein Verdacht in ihm, die beiden räumen über 20 Jahre hinweg immer wieder Hindernisse zur Seite, und sei es auch durch Mord. Doch ihre Skrupellosigkeit macht es dem Kommissar schwer, und als der Leser erst einmal begreift, was für einen Plot der Autor ausbreitet, keimt schnell die Befürchtung in ihm auf, dass der Kommissar das Nachsehen haben wird.

Hier und da macht es Keigo Higashino dem Leser etwas schwer, weil er die beiden Protagonisten immer wieder aus der Sicht anderer, neu eingeführter Personen beschreibt. Aber im Grunde ist es ein schriftstellerischer Trick, den man selten liest, und der hervorragend dazu geeignet ist, die beiden Figuren von allen Seiten zu beleuchten und gleichzeitig nicht alles über sie zu verraten, da jene Protagonisten eben nie alles erfahren. Egal ob sie nun Ryo oder Yukiho eine Zeit begleiten. Nur Sasagaki ist die bleibende Figur, die mal selbst die Hauptrolle spielt, mal im Leben eines jener Protagonisten auftaucht.

Ja, die Dicke des Buchs ist nicht für jeden etwas. Und auch ich gestehe, ich gehöre oft zu den Menschen, die glauben, ein Buch über 500 Seiten verliert sich in Nebensächlichkeiten und kommt ins Plaudern. Bei Unter der Mitternachtssonne ist das anders. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend, man kann es nicht aus der Hand legen. Und muss man es doch, weil der Alltag eine Lesepause verlangt, kann man es nicht erwarten es wieder zur Hand zu nehmen.

Bewertung: 5 von 5