Cargo Kulte – Wenn aus Technologie Religion wird

Cargo Kulte – Wenn aus Technologie Religion wird

Noch heute verehren Einheimische im Pazifik das Sternenbanner und halten Prinz Phillip für einen Gott – buchstäblich.

Der Schriftsteller und Physiker Arthur C. Clarke hat einmal gesagt, jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden. Magie sei also nur Wissenschaft, die wir noch nicht verstehen.

Wer sich mit den Cargo Kulten im Südpazifik beschäftigt, scheint dort die Bestätigung für Clarkes Aussage, sein sogenanntes drittes Gesetz, zu finden. Ihre Gründungsmythen lassen sich auf genau so etwas zurückführen. Eine isolierte Kultur, die urplötzlich auf eine ihr technologisch weit überlegene Kultur trifft und deren Technologie für Magie hält.

Dieser Effekt ist im Prinzip nicht neu. Ein klassisches Beispiel sind etwa die von den Spaniern nach Südamerika gebrachten Pferde, die der indigenen Bevölkerung dort komplett unbekannt waren und manche von ihnen geglaubt haben sollen, Reiter und Pferd seien ein Wesen. Letztlich waren die Pferde ebenso wie die Feuerwaffen als militärisches Machtinstrument, neben einer in der Vulgärgeschichtsschreibung weitgehend unterschätzten Zerstrittenheit der Indigenen, vor allem einer der Gründe warum das Inka-Reich so schnell untergehen konnte. Ein Kult, der die spanischen Eroberer langfristig Göttern gleichstellte, entwickelte sich aber nicht. Neben den historischen Verläufen mag das auch daran gelegen haben, dass die beiden hier aufeinandertreffenden Kulturen zwar unterschiedlich weit entwickelt waren, aber letztlich doch auf einem nicht krass unterschiedlichem Niveau. Aus ähnlichen Gründen wurden später britische, niederländische oder französische Entdecker auch von Inselvölkern im Pazifik nicht für Götter gehalten.

Die technologische Entwicklung der westlichen Zivilisation, die über Jahrhunderte hinweg zur dominierenden Kultur wurde, ging erstaunlich behäbig voran. Trotz Wegmarken wie die Erfindung des Buchdrucks, und selbst diese war anders als man glauben mag nicht durch Guttenberg von heute auf morgen in der Welt, unterschied sich das Leben der Bevölkerung erstaunlich gering von jenem 100 Jahre vorher oder 100 Jahre in der Zukunft. Ein vom 15. ins 16. Jahrhundert versetzter Mensch hätte beispielsweise kaum Eingewöhnungsschwierigkeiten. Eine erste Beschleunigung trat mit der Industrialisierung ein, doch auch ihre radikalen Veränderungen wirken sich noch fast gemütlich aus, vergleicht man sie mit den Entwicklungen von 1900 bis heute. Die Eingewöhnungsschwierigkeiten eines von 1900 ins Jahr 2000 versetzten Menschen wären enorm.

“Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.”

Arthur C. Clarke

Auf der anderen Seite gehen wir davon aus, dass es heute kaum noch Menschen gibt, die nicht zumindest in Teilen schon mit der modernen Welt in Verbindung gekommen sind. Ausnahmen bestätigen die Regel, ein Indianerstamm in Brasilien hier, ein Inselvolk im Pazifik dort. Kleine Völker die sich auch mit Waffengewalt aktiv gegen die moderne Zivilisation wehren, sie aber nicht für gottgleich halten.

Doch es gab eine kurze Epoche in der Geschichte, in der Cargo Kulte entstehen konnten. Also religiöse Gemeinschaften, die auf den von Arthur C. Clarkes beschriebenen Fehlschluss basieren und moderne Technologie für die Magie von Göttern hielten. Kulte, die noch heute existieren.

Das bekannteste Beispiel ist wohl der John-Frum-Kult auf der Insel Tanna. Noch heute sollen ihn gut 20% der 20.000 dort lebenden Menschen anhängen.

Tanna liegt im Pazifik, es ist die größte der südlichen Inseln des Inselstaates Vanuatu. Die Menschen dort lebten über Jahrhunderte isoliert, ehe die Europäer die Inseln auf ihre Landkarte eintrugen. Erste Kontakte waren unrühmlich, zumindest aus westlicher Sicht. Etwa durch den Einfall australischer Sklavenfänger 1864. Ein Kontakt, der allerdings noch unter den beschriebenen Umständen stattfand. Die John-Frum-Bewegung entstand erst um die 1940er Jahre, also zu einem Zeitpunkt an dem die westliche Zivilisation sich weit von jener der 1870er entwickelt hatte.

Magie fällt vom Himmel

Fahrt nahm die John-Frum-Bewegung auf, als die US-Armee im 2. Weltkrieg auf pazifischen Inseln landete. Im Grunde sind diese Soldaten die Begründer der klassischen Cargo Kulte, leitet sich der Begriff Cargo doch von dem westlichen Begriff Cargo für Frachtladungen ab. Als Auslöser gelten heute unteranderem die Tatsache, dass die amerikanischen Soldaten aus der Luft versorgt wurden. Man versorgte sie im Wesentlichen über die Luft, entweder mit Flugzeugen oder mit per Fallschirm abgeworfenen Ladungen. Oder kurz gesagt, die Einheimischen kamen nicht nur mit Technologie in Kontakt, die sie sich nicht erklären konnten, es regnete diese Wunder und auch Nahrungsmittel quasi vom Himmel.

John Frum flag raising.jpg
Von Flickr user Charmaine Tham – <a rel=”nofollow” class=”external free” href=”https://www.flickr.com/photos/charmainetham/420602513/”>https://www.flickr.com/photos/charmainetham/420602513/</a>, CC BY 2.0, Link

Nachdem Japan besiegt war, gaben die Amerikaner die meisten ihrer Stützpunkte wieder auf. Ebenso schnell wie die „Götter“ aus dem Nichts gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.

Die Einheimischen jedoch wollten sie und die Annehmlichkeiten wieder zurückhaben, und mangels Alternativen entwickelten sich Kulthandlungen, die auf magische Weise deren Rückkehr erzwingen sollten. Die Kulthandlungen ahmten nach, was die Einwohner gesehen hatten. So entwickelten sich paradenähnliche Kulthandlungen von Einheimischen, die Stöcke als Gewehre nutzen und sogar Patronengürteln aus Muscheln beinhalten. Es gibt sogar aus Holz nachgebaute Flugzeuge. Das Kürzel USA wird in religiösen Handlungen auf die nackten Brüste von Männern gezeichnet. Und neben anderen westlichen Fahnen gilt auch dem Sternenbanner dort noch heute eine religiöse Verehrung.

Der gottgleiche Prinzgemahl

Tatsächlich gibt es mit der Prinz-Phillip-Bewegung sogar eine Abspaltung, die den Mann der britischen Königin als Gott verehren. Während man John Frum für einen Gott hält, der aus dem Vulkan erstiegen war, um sein Volk in eine bessere Zukunft zu führen, entwickelte sich der Mythos von John Frums Bruder, der in einem fernen Land eine mächtige Frau heiratete – Königin Elizabeth II.

Yaohnanen Tribesmen Show Pictures of 2007 Visit with Prince Philip.jpg
Von <a href=”//commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Christopher_Hogue_Thompson&amp;action=edit&amp;redlink=1″ class=”new” title=”Christopher Hogue Thompson (page does not exist)”>Christopher Hogue Thompson</a> – Personal Picture, CC BY-SA 3.0, Link

Sein gottgleicher Status ist Prinz Phillip übrigens bekannt, er soll seinen Anhängern auch zwei signierte Fotografien gesendet haben, die dort verehrt werden. Bei einem Staatsbesuch 1974 wird er zumindest aus der Ferne mit ihnen Kontakt aufgenommen haben, versuchten diese doch von ihm auf der königlichen Jacht sich ganz persönlich ein Bild zu machen. 2006 brachte schließlich ein britischer Fernsehsender zwei Anhänger der Prinz-Phillip-Bewegung nach Großbritannien. In der Serie stand nicht nur der Kulturschock im Mittelpunkt, der die beiden Tannaer inmitten des modernen Englands traf. Auch ein Treffen mit Prinz Phillip fand statt, wenn auch der Buckingham Palast dort die Fernsehkameras nicht zuließ.

Thomas Matterne

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.

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