Cocktail für eine Leiche (USA 1948)

Cocktail für eine Leiche (USA 1948)

Cocktail für eine Leiche ist Alfred Hitchcocks Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche. Gedreht in scheinbar nur einer Kamerafahrt.

Mit der Synchronisation von Filmklassikern ist es so eine Sache. Dabei mangelt es eher selten an handwerklichem Können, also dem bloßen Übersetzen ins Deutsche, sondern hier und da spielte der Zeitgeist schon damals eine große Rolle. Manches was in Amerika gesagt wird, sollte so in Deutschland doch lieber ganz anders klingen. Der Hitchcock-Klassiker Cocktail für eine Leiche bietet dafür ein Paradebeispiel, wenn der Satz “Good Americans dying young on the battleground” mit “Gute Amerikaner sterben gewöhnlich alt und im Bett” geradezu ins Gegenteil verdreht wurde. Das man den Deutschen wenige Jahre nach Kriegsende keine solche Heldenrhetorik zumuten wollte, kann übrigens nicht der Grund gewesen sein. Der Film wurde erst 1964 synchronisiert.

Es gibt noch eine Handvoll ähnlich geschönter Synchronisationsmängel, die oft nicht so krass, aber doch deutlichere Einschnitte in den Film darstellen. Hitchcock beschäftigt sich, wenn auch vereinfacht und seinerseits stark vom Zeitgeist beeinflusst, mit der Theorie von Friedrich Nietzsches Übermenschen. Als Brandon ausgerechnet dem Vater jenes jungen Mannes, den er nur kurz zuvor gemeinsam mit seinem Mitbewohner ermordet hat, von der Überlegenheit Nietzsches berichtet, erwidert der Mann trocken und einfach “So wie Hitler”. Was Brandon entsetzt zurückweist, und seinerseits behauptet, die Nazis hätten Nietzsche nicht verstanden.

Obwohl Cocktail für eine Leiche ein ausgesprochen spannender Film ist, lässt er dennoch viel Raum für solch philosophische Diskussionen. Schließlich zeigt, im Versuch eine einzige durchgehende Kameraeinstellung zu simulieren, der Zuschauer auf eine Cocktailparty eingeladen. Eine reichlich makabere Cocktailparty, liegt ein Gast doch die ganze Zeit über tot in einer Truhe. Für einen der beiden Mörder bildet das den gewünschten Thrill, während es den anderen nervös und ängstlich macht. Er wird dadurch selbst zum Spielball Brandons, der hofft durch dieses Verhalten seinen alten Lehrer Rupert Cadell (James Stewart) auf die Tat aufmerksam zu machen. Schließlich war es Cadell, der ihn mit den Theorien Nietzsches vertraut gemacht hat und nach dessen Anerkennung er sich sehnt.

Und so kommt es wie es kommen muss. Die Party ist vorbei, alle gehen nach Hause, doch schon wenige Minuten später kehrt Cadell unter einem Vorwand zurück. Auf diese Szene hat letztlich der ganze Film hingearbeitet. Hitchcock nutzt die Schlussszene allerdings nicht nur für die Enttarnung der Mörder, sondern auch um sich endgültig zu Nietzsche zu äußern.

Muss Brandon einsehen, dass er durch seine Tat nicht die Anerkennung seines Meisters Cadell erlangt hat, sagt sich dieser von Nietzsche los, als er erkennt wohin dessen Lehren geführt haben. Die Handlung hatte es noch offengelassen, wäre Hitchcock Nietzsch wohl gesonnener gewesen, hätte er seinen Helden ähnlich argumentieren lassen wie Brandon, der den Nazis abgesprochen hat Nietzsche verstanden zu haben. Aber das hätte dem amerikanischen Zeitgeist wohl zusehr widersprochen, und wer weiß, was die deutsche Synchronization daraus wieder gemacht hätte.


Cocktail für eine Leiche (USA 1948) – Regie: Alfred Hitchcock – Darsteller: James Stewart, John Dall, Farley Granger und Joan Chandler

Thomas Matterne

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.

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