Ich hole meinen elfjährigen Sohn Leo und seinen besten Freund Frederik vom Judo ab.

Ein Wohnviertel in Westberlin. Der Wagen ist in einer Seitenstraße geparkt. Schwarzverhangene Fenster, vergilbte Fotos von spärlich bekleideten Frauen; Neonüberschriften sind geblieben von einem ehemals gut florierenden Rotlichtmilieu, dass schon vor einigen Jahren in den Osten umgezogen ist.

Ein ausgefranstes Plakat, darauf ein praller weiblicher Hintern, in einen Ledertanga gezwängt, wirbt für die Erotikmesse in Berlin 2019: „Sex in the city“.

„In-ter-na-ti-o-na-le Fach-mes-se“, buchstabiert Frederik und dann ist für eine Weile von den Kindern, eben noch ausgelassen kichernd und Judogriffe einübend, nichts mehr zu hören. Im Rückspiegel sehe ich zwei aufgerissene Augenpaare, der Frauenpopo scheint größer als die zwei Jungen zusammen.

Wir sind die Elterngeneration, für die es in der Kindererziehung kein Tabu gibt.

Kühn und mit großen Schritten durchmessen wir mit ihnen Welt und Universum. Im lockeren Plauderton sprechen wir mit unseren Jüngsten über Sexualität wie über die ersten Schwimmversuche, oder seltene, vom Aussterben bedrohte Tierarten.

Doch wie redet eine Mutter mit dem elfjährigen Sohn über Pornografie und käufliche Liebe? Mit „jungen Männern“, wie mir Leo vor kurzem den Unterschied zum kindlichen Jungen und zum erwachsenen Mann erklärte.

Also beginne ich etwas unbeholfen ein Gespräch über Prostituierte (sagt man besser: Huren oder Nutten?), froh darüber, dass wir nun in eine entlegene Seitenstraße einbiegen; über uns liebliches grünes Blattwerk, neben uns Gründerzeitfassaden, keine Reklamewand, keine doppelte Botschaft in Form entblößter Popos oder sonstiger Weichteile.

Uff, wo waren wir? Die Prostituierten … „Also dahin gehen die Männer, die …“

„Männer? Frauen nicht?“ fragt Frederik.

Ich druckse herum: „Ja, Frauen, manchmal gehen auch die Frauen …“

„Sind doch nicht schwul, Mann“, korrigiert Leo.

Kichern und Prusten. Wie mache ich jetzt weiter? Immerhin hat das Gespräch ja schon einmal angefangen. „Also die Frauen“, versuche ich einen neuen Vorstoß. „Bei den Frauen sagt man: Lesbisch, und die Frauen …“

„Achtzig Prozent der Männer gehen zu diesen Frauen, zu den Prostituierten“, sagt Frederik.

Wie interessant, woher weiß der Junge das?

„Gelesen“, antwortet er gelangweilt und mit gedehnter Stimme.

Bevor ich nachfragen kann, sagt er kategorisch: „Mein Papa geht nicht dahin.“

„Meiner auch nicht, ne Mama?“ sagt Leo.

„Nein, nein. Das braucht er doch nicht, er …“

„… wird bei uns genug geliebt“, beendet Leo meinen Satz.

An der nächsten Ampel halten wir neben einer Litfaßsäule: Wicki, der Wikinger. Der neue Film, ja, da wollen sie rein, unbedingt, am besten gleich am folgenden Wochenende und tauschen sich nun über Szenen aus, die sie schon im Werbefernsehen daraus gesehen haben. Ich weiß nicht, wer erleichterter ist über diesen Themenwechsel, die beiden Jungen oder ich?

Schließlich setze ich Frederik vor seiner Haustür ab, warte, bis die Tür geöffnet wird und fahre erst los, als sie sich hinter ihm geschlossen hat.

Ich bin in den späten 50er Jahren geboren, eine Zeit restriktiver Sexualmoral. Für mich war die „Reeperbahn“ ein Synonym für käufliche Liebe und diese ein Teil der erwachsenen Sexualität. Ich stellte mir also eine Straße vor, deren Zugang durch einen Schlagbaum kontrolliert wurde, wie ein Grenzübergang. Und um eine Grenze handelte es sich ja auch, zu einem dunklen Land der Geheimnisse und Verbote, eines, wo Kinder nicht hineingelassen wurden. Männer wie mein Vater natürlich auch nicht! In meiner Vorstellung war die Straße bevölkert von schaukelnden, betrunkenen Seemännern, die ich sowieso nie in meinem Leben kennen lernen würde, da sie mit dem nächsten Schiff nach Hongkong oder Bali aufbrechen, einfach vom großen Meer verschluckt würden, das ja bekanntlich am Hamburger Hafen anfängt …

Außerdem war die Reeperbahn weit von unserem Wohnort entfernt, und auch als ich mit meinen Eltern eine Woche Urlaub in Hamburg machte, habe ich diese merkwürdige Straße nicht gesehen.

Für unsere Kinder ist die Reeperbahn überall. Allgegenwärtig.

Am Abend führe ich ein langes und ausgiebiges Gespräch mit meinem Lebensgefährten, eines von der Sorte: besorgte-Eltern-die-wissen-es -gibt-kein- richtiges-Kinderleben-im-falschen. Nicht ohne Stolz hört der Papa, wie der Sohn ihn von jedem Verdacht freigesprochen hat. Ja, in das verbotene Land gehen eben nur die anderen Männer. Wir kommen zu dem Schluss, dass wir wie immer die Widersprüche aushalten müssen. Das Kind begleiten.

Wir werden wachsam sein!

Einige Tage später besuchen wir ein Technikmuseum. Im Foyer werden wir von zwei Roboterhunden begrüßt, die sich gegenseitig beschnüffeln, schwanzwedelnd und kläffend umeinander herumspringen.

Mein Lebensgefährte ist erstaunt: „Das sieht ja so aus, als würden sie einander kennen.“

„Klar“, sagt Leo, „die haben denen was eingebaut. Den Geruchssinn eben, damit sie sich riechen können und erinnern.“

„Na dann können sie ja bald auch den Menschen ersetzen“, sagt sein Vater ironisch über den Kopf unseres Sohnes hinweg zu mir. „Und nicht nur für die Putzdienste, auch fürs Trösten, Pflasteraufkleben …“

„Ja, mit einer vertrauten Stimme eingespeichert“, ereifere ich mich jetzt und denke an meine Sprechpuppe Bärbel, deren eingebautes Tonband ich durch Knopfdruck abspielen konnte: „Ich heiße Bärbel. Ich hab dich lieb. Nimm mich in die Arme.“

„Cool, einen Liebesroboter“, ruft Leo und hält einem der Hunde seine Hand zum Schnüffeln hin.“ Einen, den man genauso programmieren kann, wie man es möchte.“

Wir sehen ihn fragend an.

„Na, wenn euch jetzt mal was passiert … Oder ich komme aus der Schule, ihr seid beide nicht da und wir hätten so einen Roboter, der wäre dann genau wie du Mama. Er … also … sie würde mir die Tür aufmachen, mich küssen, fragen wie die Schule war, mir das Essen machen … Und wenn ich jetzt mal Ärger in der Schule gehabt hätte, dann brauchte ich gar nicht mehr mit dir telefonieren, der, äh, die Roboterin würde mich fragen und trösten und in den Arm nehmen, genau wie du eben …“

Damit ist das Thema für ihn erledigt und er wendet sich jetzt dem anderen Hund zu, kniet sich hin, um ihn zu streicheln. Plötzlich scheint ihm noch etwas einzufallen, er steht auf und sagt: „Wäre ja auch viel billiger.“

„Billiger, als was?“ fragen wir wie aus einem Mund.

„Na ja, dann könnte man sich doch das Geld für die, für die Prostitu … „er sucht nach dem Wort.

„Prostituierte?“

„Ja, genau, für die braucht man dann nichts mehr bezahlen.“ Triumphierend.

Da wir ungläubig gucken, wird er ungeduldig, seine Eltern verstehen mal wieder gar nichts. „Mann, wenn ich jetzt bei einem Menschen Liebe kaufe, kostet das doch viel Geld, oder?“ Leo sieht zu seinem Vater hoch. Und als der nickt, fährt Leo fort: „Na, so würde man doch ne Menge sparen.“

„Käufliche Liebe ist ja nun noch etwas anderes mein Sohn“, widerspricht mein Lebensgefährte und führt uns von der Menschentraube fort, die mittlerweile amüsiert zuhört.

„Ja, sagt unser Sohn nun genervt, ich würde mit ihr ja auch nicht… „

„Was?“

„Na sexen und sowas“, er grinst, aber alles andere eben, kuscheln und so.

Als er in mein verdattertes Gesicht sieht, fügt er hinzu: „Ist natürlich nicht so schön wie bei dir Mama, ich würde sie auch nicht so gernhaben.“ Er drückt tröstend meine Hand und fällt in ruckende, zuckende Bewegungen, rollt dazu die Augen, so eckig es ihm möglich ist: „Ich-lie-be-dich“, sagt er digital zerhackt und nimmt mich eckig, aber warm in die Arme.

So einfach ist das!

Oder fehlt da doch noch Aufklärung?