An dem Pauschalvorwurf, dass das Internet schuld sei, ist eigentlich nie etwas dran. Das Internet hat die schlechten Dinge, die durch es geschehen in der Regel nicht erfunden, es hat sie nur einfacher und schneller gemacht.

Waffenhandel, Bombenbauanleitungen, Snuffvideos oder Kinderpornographie. Man muss nicht erst ins sogenannte Darknet gehen, also dort wo sich jetzt zwar nicht nur Kriminelle herumtreiben, wie manch einer vermutet, aber bestimmt keine Normalo-User, um solche Abscheulichkeiten zu finden. Aber man sollte auch wissen, gemordet und gequält, zur Belustigung oder Befriedigung des eigenen kranken Geistes, hat der Mensch schon seit ewigen Zeiten. Das Netz tut, was es seinem Namen nach tut, es vernetzt diese Leute. Genauso wie es Menschen vernetzt, die anderen Menschen helfen wollen, oder auch nur selbst aus ihrer Einsamkeitsfalle herauszukommen versuchen. Am Ende ist es der Mensch, der zählt, und es zählt was er tut.

Er verdient im Internet zum Beispiel Geld. Durch das Schreiben und durch Marketing, wie ich es zum Beispiel tue. Inzwischen gibt es aber auch hier längst die Schattenseiten der Ausbeutung. Plattformen vermitteln etwa Kleinst-Jobs für Kleinst-Beträge, um die sich das neue digitale Prekariat (Neudeutsch: Freelancer) schlagen und gegenseitig unterbieten. Meistens zum Nutzen des Auftraggeber, immer zum Nutzen der Plattform. In der westlichen Welt zeigen sich Politiker und Gewerkschaften noch weitestgehend unbeeindruckt von der vor ihren Augen geschehenden Veränderung. Gewerkschaften streiken medienwirksam in Branchen, in denen in ein oder zwei Jahrzehnten kaum noch ein Mensch arbeiten wird, während sich im Netz eine Art Neo-Manchesterkapitalismus ausbreitet. Es entsteht eine neue Klasse der Ausgebeuteten, nur mit WLAN.

Das betrifft nicht allein digitale Dienstleistungen. Ein klassisches Beispiel dafür dürfte Uber sein, dass zumindest in den USA zahlreiche Menschen in eine neue Abhängigkeit getrieben hat – und zu Übernachtungen in ihren Autos. Es ist wahrscheinlich allein der Widerstand der organisierten Taxibranche, die ähnliche Bilder in den meisten europäischen Ländern verhindert hat. Noch, möchte man sagen, denn auch wenn manche Politiker die Veränderungen einfach geschehen lassen, erkennen zumindest die Liberalen, dass die moderne Plattformökonomie dem feuchten Traum eines Hardcore-Kapitalisten entsprungen sein könnte.

Hardcore. Gutes Stichwort. Natürlich hat die Plattformökonomie auch längst das älteste Gewerbe der Welt ins Visier genommen. Eine Pionierin hier ist die deutsche Unternehmerin Pia Poppenreiter und ihre Plattform „Ohlala“. Sie richtet sich an Frauen, ausschließlich, Männer sind hier nicht vorgesehen, die sich mit Prostitution etwas hinzuverdienen möchten. Und sie wittert eine Menge Geld, denn in den deutschen Städten explodieren die Mietpreise. In manchen Städten wie München ist eine Wohnung ohne zusätzliche Jobs schlicht nicht mehr zu finanzieren. Da bietet es sich doch für junge Frauen an, sich etwas nebenher zu verdienen. Am 20. Ist das Geld alle? Ein Blowjob für den Start-up-Gründer, und das Problem ist gelöst? Per App finden sich Prostituierte und Kunde schon nach wenigen Klicks. Beine breit, Miete gesichert.

So ganz banal möchte die Gründerin das dann doch nicht haben, das klingt zu sehr nachdem, wofür Deutschland, der letzten Gesetzesänderung sei dank, inzwischen Tausende junger Osteuropäerinnen ins Land holt, und in Bordelle steckt. Eine Gesetzesänderung grüner Feministinnen, die gegen den Ratschlag der Expertinnen, am Ende nichts besser machte, nur alles schlimmer. Inzwischen gilt Deutschland gar als Bordell Europas – und ermöglicht Geschäftsmodelle wie jenes von Frau Poppenreiter. Jene möchte eher eine Art Girlfriend Experience Prostitution anbieten. Also nicht nur Sex, sondern auch ein bisschen Daten. Der viel beschäftigte, und nicht immer nur dem Klischee nach sozial etwas zurückhaltende Start-up-Gründer lässt sich also nicht nur einen Blasen, sondern schaut sich danach noch ein paar Folgen Game of Thrones mit seiner Freundin auf Zeit an. Echter Sex und simuliertes Leben, die schöne neue Welt eben.

Und auch dahinter steckt keine neue Innovation. Männer haben seit jeher die Situation von Frauen ausgenutzt, um ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Und das Frauen keinerlei Geschlechtssolidarität kennen, um daran mitzuverdienen, das war im ältesten Gewerbe der Welt wohl auch schon immer so. Neu ist quasi nur, dass hinterher mit PayPal unkompliziert bezahlt werden kann.

Ob damit das Ende der Fahnenstange erreicht ist, dass entscheidet eher das Gesetz, oder oft auch der Wille des Staates, das Gesetz durchzusetzen. Irgendwo in den tiefen des Internets gibt es inzwischen bestimmt eine Art Tinder für Leihmütter, wo das kinderlose Paar am Abend gemütlich sein geliefertes Wokmenü isst, während es entscheidet, welche Frau ihr Kind später austragen soll. Und würde man nicht vorher nicht auch lieber einen Blick auf den Mann werfen, der sich für einen eine seiner Nieren herausschneiden lässt. Sicher, der sollte schließlich schon gesund aussehen.

Zukunftsmusik? Da bin ich mir nicht sicher, ich denke eher, dass es das schon gibt. Das Internet bietet die Möglichkeiten dazu, ob man diese nutzt, ist eine reine Frage des Geldes. Und vielleicht der Moral, also für jene, die noch an so etwas glauben.

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
Thomas Matterne