Gestern oder vorgestern sah ich das Bild von einem Haus. Ein Foto, genauer gesagt. In mir klang etwas an wie zärtliche Musik mit irritierender, schmerzhafter Schärfe. Dieses Haus sah aus wie …

Ich bin hingefahren, war angespannt, gespannt, ging den alten Weg traumwandlerisch dorthin. Zu dem Haus meiner Kindheit.

Der Vormittag, das Wetter – beides war passend für diesen Besuch, denn in mir ist es immer ein Haus im klaren kühlen Licht eines Herbstmorgens geblieben. Ich fand, dass die Luft anders als in der Stadt roch, ach, sie hat immer anders gerochen, nach Grün, nach Erde, nach den alten riesigen Bäumen, und in der Nase hatte ich auch den Gestank von Karbid. Das Zeug haben wir als Kinder in Flaschen geschüttelt, Streichhölzer daran gehalten und gegen die Mauer geknallt, bis es krachte und faulig und nach Gas stank. Hinter dieser Mauer, hinter ihr und dazwischen liegen die schönsten Friedhöfe, die ich mir vorstellen kann. Ein städtischer und ein jüdischer Friedhof, beide alt, der städtische war gepflegter als der andere, dabei hatten mich die Grabmäler auf dem jüdischen mit den mir so fremden Namen und Symbolen am meisten fasziniert.

Während ich mich den alten Bildern hingebe, sehe ich es: Still steht das Haus da, so still, als wäre es nicht bewohnt. Die Sonne leuchtet über dem Giebel, dem Dach, den oberen Fenstern, bis wieder die Schatten der höher gelegenen Bäume den Teil des Hauses verdunkeln. An der Blutbuche flitzen zwei Eichhörnchen den Stamm hoch. Wie immer, wie damals, vielleicht sind es ja noch dieselben Eichhörnchen wie in meinen Kindertagen. Im Oktober konnte ich sie oft beobachten. Aber das ist schon zu lange her.

Die Namensschilder im Hauseingang. Fremd sind sie und doch hoffe ich, einen bekannten Namen zu lesen. Das Gebäude ist ansprechend renoviert und doch sehe ich unter neuer Farbe und neuer Eingangstür das, was einmal gewesen war. Die schwere Tür aus Holz mit dem Halbbogen nach oben und dem Glas darin, damit weiches Licht in den Hausflur fällt. Den abgebrochenen Putz an der Hausecke, meine eingeritzten Anfangsbuchstaben.

Die Jahre verschwinden, all die lange Zeit zwischen gestern und heute, ich versinke in dem warmen Gefühl, was dieses Haus mir gegeben hat: Schutz, Freiheit und Fantasie. Auch Angst. Die hatte ich, wenn ich mit geschlossenen Augen durch den Keller rannte. Wenn ich alleine war. Wenn ich zu spät kam. Das war schlimm.

Ich gehe um das hellgrau gestrichene Haus und da sind sie, die Fenster von einst, auch wenn dahinter heute andere Räume und andere Menschen sind. Da, aus dem kleinen, bin ich oft herausgeklettert und staune, dass ich mich mal durch diesen Fensterspalt geschoben habe. Ich erinnere mich an die Tapeten an den Wänden, an die braunen Wandschränke, an den Aufzug, der Speisen von unten nach oben befördert hatte, den ich öffnete und Gasmasken darin fand. Ich setzte eine auf, die Gummiabdichtung stank muffig, rannte damit nach draußen, auf eine Nachbarin zu, die zu schreien anfing. Schrill und zum Erbarmen.

Ich gehe zum Garten. Ist er immer so klein gewesen? Kann nicht sein, denn wenn ich die Augen schließe, ist er riesig, und so, dass sich ein Kind darin verirren kann. Ich weiß auch, dass ich da vorn, in der etwas dunkleren Ecke, einen Blechkasten mit Geheimnissen vergraben habe. Nein, ich werde nicht danach suchen.

Ich gehe zurück, stehe wieder vor der Haustür. Sie ist nur angelehnt. Ich schiebe auf. Ein wildes Entzücken durchfährt mich: Ich stehe auf den alten Bodenfliesen mit dem Ornamentmuster – es gibt sie wirklich noch. Ich will die Klinke der einstigen Wohnungstür hinunter drücken – aber das ist nichts mehr als eine weiße abweisende Tür mit mattglänzendem Türknauf. Nichts ist geblieben von den blauen und grünen Malereien auf dem Milchglas. Nichts.

Ich drehe mich halb. Der hölzerne Handlauf ist noch da, auch das Geländer, auf dem ich quietschend heruntergerutscht bin. Anschließend brannte die Haut an den Oberschenkeln wie Feuer. Es sind auch die alten Stufen. Ich trete darauf, aber es knarrt nichts mehr.

Ich komme wieder. Das Elternhaus war Heimat, so weiß ich es heute.

Monika Detering

Ich streiche über die Wände, zärtlich, als wenn es ein Mensch wäre, packe meine Betrachtungen in einen Luftsack und stelle ihn da links unten, an der Tür ab, die in die Kellerräume führen. Ich werde sie abholen. Irgendwann. Wieder an so einem Tag wie heute, an der die Luft angefangen hat, anders zu riechen, nach Herbst, der schönste Duft an diesem Ort zwischen den Friedhöfen mit diesem Haus, das wie unberührt da steht.


In mir jagen die Jahre wie ein Daumenkino, jagen so lange, bis ich zu dem Punkt komme, an dem ich das Haus für immer verlassen habe. Voller Leichtsinn, Übermut und dem Glauben, dass doch mir die ganze Welt gehöre, dass ich niemals zurückkommen brauche. Es war mir zu eng geworden, die Bäume zu düster und die Friedhöfe so endlich.

Aber, dieses Haus hat seine Wurzeln in mir geschlagen. Es war Heimat mit allem Schönen, mit allen Schrecken.

Als ich zurückgehe, an den Häusern der einstigen Nachbarn vorbei, höre ich sie alle. Höre das dröhnende Lachen von Tante Paula, das zischende Geflüster zwischen Fräulein Becker und Herrn Roth, ich höre sie alle, egal, auf welchen Friedhöfen sie liegen. Ich sehe meine Schwester, meinen Bruder, ich sehe die Schatten aller Kinder, die hier spielten, nur ich scheine übrig geblieben zu sein. Niemand mehr da.


Ich komme wieder. Das Elternhaus war Heimat, so weiß ich es heute.

Die Stadt ist es nicht. Das Haus zwischen den Friedhöfen. Das ist genug.

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