Das Phantom der Oper (USA 1925)

Lon Chaney prägte mit seiner Darstellung alles was nach ihm kam. An seinem Phantom musste sich jeder messen, die meisten konnte nicht mithalten.

Viele Köche verderben nicht immer den Brei, auch wenn sie ausgiebig an ihm herumköcheln. Im Bezug auf die erste Verfilmung von Das Phantom der Oper könnte das wohl stimmen, denn immerhin finden sich in der Kategorie Regisseur gleich drei Namen und am Film selbst wurde so oft herumgeschnitten, dass es am Ende sogar verschiedene sich im Umlauf befindliche Fassungen gab. Jene, auf der auch die Restaurierungen dieses Klassikers beruhen, stammt letztendlich aus dem Jahr 1929. In ihr sind einige der colorierten Szenen verloren gegangen, nicht aber die wichtigsten. Der Auftritt des Phantoms in der Maske der roten Todes zeigt ihn weiter in seinem blutroten Gewand, ebenso wie jene Szene auf dem Dach der Pariser Oper, in der er in den Armen einer Statue gerade durch das ungewohnte Farbspiel in einem Stummfilm eine unglaubliche Wirkung hat.

Die Verfilmungen, und natürlich am Ende auch das gleichnamige Musical, lassen einen schnell vergessen, dass der Geschichte eigentlich ein Roman von Gaston Leroux zugrunde liegt, die im Jahr 1910 veröffentlicht wurde. Leroux verkaufte die Filmrechte noch selbst, Hollywood-Produzenten Carl Laemmle, der mit seinem Kauf ausgerechnet Lon Chaney zuvorkam, der später das Phantom spielen sollte – und auch einer der besagten drei Regisseure wurde. Diese erste Verfilmung prägte alles was danach kam, egal ob Film, Serie oder Musical. Das Buch, und damit auch manch Hintergrundhandlung, geriet quasi in Vergessenheit. Alles was nach 1925 kam, musste sich vor allem an einem messen lassen, der Darstellung von Lon Chaney.

1925 gehörte Chaney zu den Stars des noch jungen Mediums Kino. Er hatte sich durch seine Wandlungsfähigkeit bereits einen Namen gemacht, nicht umsonst sollte gut ein Vierteljahrhundert später ein Film über ihn den Namen Der Mann mit den 1000 Gesichtern bekommen. Er konnte es sich also leisten dem Phantom seinen eigenen Stempel aufzudrücken, so sehr, dass er nach zahlreichen Auseinandersetzungen mit dem Regisseur in den eigenen Szenen eben selbst Regie führte. Dem Film hat es nicht geschadet, denn auch wenn vor allem Chaneys entstellte Maske geradezu zu einer Ikone geworden ist, ist durch seine Darstellung der ganze Film zu einem jener Klassiker geworden, um die kein Kanon herumkommen kann.

Chaney starb nur wenige Jahre nachdem das Phantom die Leinwand eroberte. Vielleicht ist er deswegen weniger zur noch heute oft kopierten Ikone geworden, wie etwa Boris Karloff und sein Frankenstein. Vielleicht hat es ihm aber auch die Festlegung auf ein bestimmtes Rollenspektrum, die zweifellos schon getroffen war, erspart, die Dracula-Darsteller Bela Lugosi zum Verhängnis wurde.

Wie dem auch sei, es ist noch fast 100 Jahre später sehenswert, wie er dem Phantom seine eigene Prägung gab. Wie er fast unterwürfig um die Liebe des Sängerin Christine bettelt, skrupellos mordet, wer ihm im Wege steht, und selbst im Augenblick, ehe sich der wütende Mob auf ihn stürzt, um ihn zu zerfleischen, noch hochnäsig mit ihm zu spielen scheint. Lon Chaneys gibt das Phantom am Ende als einen in seine Rolle gezwungenen Schauspieler preis. Er mag einen verzweifelten Versuch wagen seiner Rolle zu entkommen, spielt sie aber am Ende gut – bis zum sprichwörtlichen Ende und darüber hinaus.


Das Phantom der Oper (USA 1925) – Regie: Rupert Julian, Lon Chaney, Edward Sedgwick – Darsteller: Lon Chaney, Mary Philbin, Norman Kerry, Arthur Edmund Carewe