Ein Herbsttag, wie ich ihn nicht im November erwartet habe. Leuchtend. Ein Himmel, wie mit Meeresblau gestrichen. Fahrt von Düren, weiter durch Ortschaften, nie gesehen. Straßendörfer. Grün, davon gibt es sehr viel zu beiden Seiten. Fahrt in eine heile Welt. Zumindest wirkt es auf mich so. Ich befinde mich in der Eifel, im Hürtgenwald. Habe ich mir doch diesen Landstrich mit von der Zeit zusammengefalteten Felsen und schaurig-düster vorgestellt.

Und da sehe ich es, auf der Anhöhe ragt das römisch-katholische Kloster des Franziskanerordens hervor. Zum Kloster Vossenack gehört das koedukative Franziskus-Gymnasium und ein Internat für Jungen. Ich sehe die Kirche, das Kloster, Gebäude, miteinander verbunden und auch getrennt. Still ist es hier, eine weite Stille, die nach mir greift. Schon führt mich der lebhaft erzählende Leiter des Klosters, Bruder Wolfgang Mauritz, durch endlose Wege innerhalb der Gebäude, schon nicken mir riesige Figuren und Marionetten zu, die sich drehen und Schatten werfen. Streng. Lachend.

Diabolisch. Hexen und dämonische Wesen flüstern mit einer zauberhaften Maus im blauen Kleid an Fäden, mit wichtig aussehenden alten Männern, die vielleicht Könige darstellen werden und dazwischen leuchtet der blonde Schopf des kleinen Prinzen.

©Simon Düring/Köln

Was einst Antonie de Saint-Exupéry erdachte und in die Welt brachte, wird von den hiesigen Marionettenspielern umgesetzt, es wird in diese Rolle hineingeschlüpft, Leben eingehaucht, mit Fingerfertigkeit und sprachlichem Können auf der Bühne des Ensembles der „Strippkes Trekker“ (niederrheinisch und bedeutet: „Die Fadenzieher“) vor den Zuschauern im stets ausverkauften Kloster Kultur Keller umgesetzt. Fünfzig Plätze fasst dieses Theater, in dem Träume nur angestupst werden müssen, um zu erwachen. Der Raum ist eingehüllt in ein warmes dämmriges Licht. Figuren flüstern, oben hängt eine beeindruckende Altmännermarionette und wird zuschauen. Eine Klappmaulfigur, ein Schwein, scheint darüber zu lachen. Bruder Wolfgang erzählt mit Begeisterung in der Stimme von Workshops, in denen solche Figuren gefertigt werden. In einer der Werkstätten, die die Räume beherbergen und vor allem im KreatiVO (Kreativzentrum Vossenack) gibt er Mittwochs, während der Schulzeit, eine Puppenbau AG in Kooperation mit dem dazugehörenden Franziskus-Gymnasium.

Die Figuren scheinen mir vertraut, haben mich doch solche Geschöpfe viele Jahre lang begleitet und den Lauf meines Lebens bestimmt. In sehe mich in einem Werkstattraum um. Es riecht nach Holz, nach Leim. Hier entstehen Marionetten, die zuallererst Visionen sind. Zeichnungen mit Modellen der Figurenköpfe liegen herum, die später aus Pappmaché und Plastilin modelliert werden. Hier werden die dazugehörenden Körper hergestellt, vorwiegend aus Holz und Schrauben und die Hände, ebenso die komplizierten Spielkreuze. Produktionen für Kinder und Erwachsene entstehen nach aufwändiger gemeinsamer Arbeit, um wieder ein neues Werk aufführen zu können. Denn die „Strippkes Trekker“ spielen nicht nur im eigenen Haus, sie sind auch unterwegs, in vielen anderen Städten.

©Simon Düring/Köln

Was vielleicht in der Werkstatt zunächst spielerisch erscheint – die Arbeit ist es nicht, sie ist kompliziert, präzise erdacht und durchdrungen von der Freude, neue Geschöpfe werden zu lassen.

In den Fluren stehen Vitrinen mit Figuren aus Indonesien, Japan, Russland und anderen Ländern, in prächtigen Gewändern, und mit geheimnisvollen Mienen.

Wieder ein anderer Raum. Papiere, Mappen, Ordner. Und auf den Tischen liegen kleine Marionetten. Man sieht, diese hier haben ihre besonderen Geschichten. Prächtig? Nein, das sind sie nicht. Schlicht. Die Jahre haben sie an gegrabbelt. Zwei Figuren nebeneinander, sie erzeugen sofort widersprüchliche und intensive Gefühle, noch bevor Br. Wolfgang etwas aus ihrer Geschichte erzählt. Die etwas besser erhaltene, hat ein amerikanischer Kriegsgefangener geschnitzt, die Kleidung ist noch gut erhalten, er muss Zugang zu ganz ordentlichen Stoffen gehabt haben. Mit der Hand genäht. Daneben ein Foto. Soldaten. Und darauf ist auch sein Schöpfer zu sehen. Und die kleinere Figur, gebettet auf einem hellen Tuch, schäbig, zerfledderte Kleidung berührt mich sofort, besonders als ich höre: „Die hat auch ein Kriegsgefangener gearbeitet, aus einem Bettpfosten geschnitzt, und die Lumpen für den Anzug muss er sich mühselig zusammengesucht haben.“ Stich für Stich glaube ich, Trostlosigkeit und Hoffnung zu spüren. Welches Schicksal steckt dahinter? Womit hat jener Mann dieses ernste Gesicht schnitzen können?

Später darf ich auch noch mit unter das Dach. Auch hier eine Werkstatt, die nur dem Ensemble vorbehalten ist.

Wieder zurück durch Flure und Gänge, vorbei an Geschichten, die raunen und kichern, in eine der Klosterküchen. Fantastisch. Altmodisch auf eine Weise, die ein ‚Zuhausegefühl‘ vermittelt, auf einem Tisch stehen schon die Flaschen für den bald abzufüllenden Apfellikör. Auch solche Köstlichkeiten macht der so begabte Br. Wolfgang.

Als ich am nächsten Tag nach meiner Lesung in dem zauberhaften Theater wieder zurückfahre, denke ich, ich könnte eine Weile in dem Haus der Verzauberung bleiben.

Zu Hause bleibt mir die Dülmener Rose, ein leckerer Gelee, natürlich auch im Kloster aus Klosteräpfeln hergestellt.

Bücher der Autorin:

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