Der Advent – Als Weihnachten noch ein multikulturelles Fest war

Der Advent – Als Weihnachten noch ein multikulturelles Fest war

Hat oder hatte Weihnachten neben der originären christlichen Bedeutung auch eine kultur- und gar religionsübergreifende Funktion?

Eine der größten Weihnachtsfans die mir begegnet sind hieß Nurkan. Eine Kommilitonin während meines Wirtschaftsinformatikstudiums im beschaulichen Ansbach, deren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber wahrscheinlich war sie einer der Gründe, warum in Supermärkten bereits im September, Oktober Lebkuchen und Co. verkauft wurden. Kaum hatte die Adventszeit begonnen, legte sie aber richtig los. Mit Schmuck, Einladungen zu zahlreichen kleinen Weihnachtsfeiern, auf dem Weihnachtsmarkt war sie glücklich und noch ein wenig aufgedrehter als ohnehin schon. Wobei es für sie wohl die Weihnachtszeit war, nicht die Adventszeit oder Vorweihnachtszeit, wie man jene Tage ja etwas korrekter bezeichnen würde. Schließlich war Nurkan ja, auch wenn sicher keine strenggläubige, so doch eine Muslima.

Und da war sie sicher nicht die einzige. Als ich zur Schule ging, waren unsere muslimischen Mitschüler auch während der Weihnachtszeit integriert. Man nahm nicht einfach an, dass sie mitfeiern wollten. Sensibel fragte man schon damals, ob sie bei der kleinen Weihnachtsfeier in der Klasse oder dem Wichteln mitmachen wollten. Aber man kam noch nicht auf die Idee, ob es überhaupt in Ordnung sei ein christliches Fest zu begehen. Ob man sie nicht diskriminieren würde, und man, wenn überhaupt bei allen Anlässen das Wort „Weihnachten“ kultursensibel durch „Winter“ ersetzen müsste.

Ich frage mich wie das wohl heute so ist. Als bildungsmäßiger Spätzünder war ich bis zum Qualifizierenden Hauptschulabschluss auf eben jener Schule, einer Hauptschule. Drei oder vier türkische Mitschüler waren damals in der Klasse, ein Anteil von 10, 15% – also ein Anteil, der heute weit höher sein dürfte.

Als jemand, der auch in keiner besonders religiösen Familie aufgewachsen ist, war Weihnachten für mich zwar als Kind von jenem Zauber durchweht, wie er für alle Kinder herrschen sollte. Aber der Kirchbesuch an Heilig Abend begann für mich quasi erst als Erwachsener, als ich vom Taufscheinchristen zu dem wurde, was man hübsch-hässlich – wie Heinz Rühmann in seiner Rolle als Pater Brown so schön zu sagen pflegte – als praktizierender Christ bezeichnet. Weihnachten hatte für mich damals also eine eher weltliche Bedeutung. Es waren jene letzten Tage des Jahres, die man Kindern zu den schönsten Tagen des Jahres machen wollte. Weshalb auch manche Muslimen meiner Generation zu erzählen wissen, dass ihre Eltern an diesem Tag einen geschmückten Tannenbaum aufstellten, unter dem sich dann auch das ein oder andere Geschenk fand.

Dieser weltliche Geist von Weihnachten wirkte gewissermaßen kulturübergreifend. Niemand kam auf die Idee Weihnachten als ein originär christliches, und damit Nicht-Christen ausschließendes Fest zu begreifen. Niemand kam auf den Gedanken, Weihnachten könnte einen ausschließenden Charakter haben und müsse deshalb ent-christianisiert werden. Das Kind in der Krippe war für alle Menschen geboren.  

Thomas Matterne

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.

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