Der Streamingdienst Netflix setzt weltweit auf Eigenproduktionen, mit „Kingdom“ hatte diesen Januar die erste Serie aus Südkorea Premiere. Ein Mix aus Historiendrama und Zombies.

Manch einer mag die Augenbrauen jetzt ganz weit nach oben ziehen, denn die Kombination aus Historiendrama und Zombies mag auf den ersten Blick ein wenig merkwürdig erscheinen. Das übersieht allerdings, dass das Genre des Zombiefilms schon immer ein hohes Maß an Gesellschaftskritik in sich getragen hat. Es mag schon zuvor Film mit einer Zombiethematik gegeben haben, doch als ihr eigentlicher Schöpfer gilt zweifellos George A. Romero, der 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ quasi so etwas wie das Maß aller Dinge schuf. In diesem Klassiker meint es Romero nicht gut mit seinen Helden. Sie flüchten sich in ein Haus, verbarrikadieren sich – und dennoch, als der nächste Morgen graut, ist nur noch einer von ihnen am Leben. Ben, ein durchschnittlicher Amerikaner. Am Morgen sieht er seine Rettung in Form einer Bürgerwehr nahen, er macht sie auf sich aufmerksam. Und die Bürgerwehr erschießt ihn. Man hat den schwarzen Überlebenden für einen der Zombies gehalten und „Die Nacht der lebenden Toten“ endet in einer Szene, in der Ben zusammen mit den getöteten Zombies auf einen Karren verladen wird.

Natürlich haben nicht alle Filme des Genres diese Art von Gesellschaftskritik weitergetragen, aber eben einige schon. „Train to Busan“ etwa, ein weiterer Film aus Korea, in dem die Opfer zusammen mit den Zombies in einen Zug gefangen sind. Abteil für Abteil arbeiten sie sich vor, und entblößen die unsichtbaren Trennlinien der koreanischen Gesellschaft, die den westlichen gar nicht so unähnlich sind.

Ein Historiendrama mit Zombies, so merkwürdig ist das also gar nicht.

„Kingdom“ ist in der Joseon-Periode eingeordnet, die von Mitte des 14. bis Ende des 19. Jahrhunderts Korea prägte. Am Königshof erwartet man die Niederkunft der jungen Königin, während der König mit den Pocken darniederliegt. Das Gerücht geht um, er sei schon tot. Für den jungen Kronprinzen Chang, gespielt von Greg Chun, ist das eine durchaus lebensbedrohliche Lage. Denn als Sohn einer Konkubine ist seine Stellung alles andere als gefestigt. Ist der König tot, heißt es, es lebe der König – nämlich er. Lebt der König und bekommt mit seiner Frau einen Sohn, ist nicht nur Changs Position in Gefahr, sondern auch sein Leben. Dessen kann er sicher sein, denn die Königin stammt aus einem Familienklan, der mehr und mehr Macht an sich gerissen hat. Als der Kronprinz spürt, das eine Verschwörung im Palast vor sich geht, beschließt er um seines eigenen Lebens willen zu handeln. Doch auch er wird nicht mehr zum König vorgelassen. Schließlich beschließt er mit seinem Leibwächter in den Süden zu reisen, um den Arzt aufzusuchen, der seinen Vater kurz zuvor noch behandelt haben soll.

Doch dort trifft er nur auf die Ärztin Seobi (Doona Bae), durch die er erfährt, dass sein Vater wirklich gestorben ist, aber mit Hilfe des Arztes und einer Auferstehungsblume zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Nur eben als Zombie, der auch den jungen Gehilfen des Arztes angegriffen hatte. Und als die Menschen in der Krankenstation unwissentlich aus Hunger eben jenen toten Gehilfen verspeist haben, ist die Krankheit ausgebrochen. Die Zombieapokalypse in der Welt.

Soweit der Plot. Was folgt ist tatsächlich als eine gelungene Mischung aus Historiendrama, Fantasy und Zombiegenre am besten zu beschreiben. Es ist die Abbildung eines kühlen und moralfreien Ränkespiels um die Macht, dass in den prächtigen Farben des historischen Koreas von statten geht. Eine Kombination, die es der Geschichte erlaubt ein breites Spektrum auszubreiten. Das vom höfischen Leben (und Töten) über die hungernde Bevölkerung bis hin zur Zombieapokalypse reicht. Ein breites Spektrum auch für die Schauspieler, das Hauptdarsteller Greg Chun durchaus zu meistern weiß. Er wandelt sich mehrmals schon im Verlauf der ersten Episoden von „Kingdom“. Von der bedrohten Schachfigur im Spiel um die Macht, zum aktiven Verschwörer im Kampf um die Macht, bis zum Anführer seines Volkes, im Kampf gegen dessen lebenden und untoten Feinde. Eine klassische Heldengeschichte, der Chun aber auch einen zweifelnden und getriebenen Zug gibt. Sein Kronprinz wandelt sich von einem Mann, der als Herrscher an der Spitze seines Volkes stehen will (und muss, will er leben), zum ersten Diener seines Volkes. Wo die offiziellen Magistrate gar die Tore vor der fliehenden Bevölkerung schließen lassen, und sie den heranmordenden Zombies ausliefern, zieht er sein Schwert und stellt sich schützend vor sie.

Netflix hat die Serie in Deutschland am Stück veröffentlich. Sechs Folgen ist die 1. Staffel lang, aber – der Spoiler sei erlaubt – sie endet mit einem Cliffhanger der fieseren Sorte. Eine 2. Staffel darf erwartet werden. Darauf kann man sich durchaus freuen, denn auch wenn die Serie am Ende angesichts des großen Fundus schon allein in diesem Streamingdienst, zuallererst nur Genrefreunde ansprechen wird, ist sie doch insgesamt eine ganz launige gute Serie geworden. Die Macher haben sich wohlweislich von Klamauk ferngehalten, aber zumindest haben sie mit einem Magistraten eine Figur hineingeschrieben, die doch zumindest ein wenig an die trottligen Gestalten aus den Kung-Fu- und Material-Arts-Filmen der 1960er bis 1980er Jahre erinnert. Ein großer Feigling, der doch über beide Ohren in die Ärztin Soebi verliebt ist. Jene wird von Doona Bae gespielt, die bereits auf einige koreanische und japanische Filme zurückblicken kann. Etwa auf den japanischen Horrorklassiger „The Ring“ von 1999 bis hin zu Hollywoodfilmen wie „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer. Neben Greg Chun setzt sie das zweite Ausrufezeichen unter den vertretenen Schauspielern.

„Kingdom“ (Südkorea 2019) zu sehen auf Netflix