Wege werden uns in die Wiege gelegt, gleich bei unserer Geburt. Sie sind die Blaupause unseres Schicksals. So wie wir eine Blutgruppe haben, Genen, die unsere Erbfaktoren bestimmen oder körperliche Merkmale unserer Vorfahren geerbt haben, so hat auch jeder von uns einen Weg, der uns bis zum Grab begleitet und dort, am Ende, zu unserem allerletzten Weg wird.

Wege sind manchmal einfach, aber es gibt sie auch in markanten Varianten. Als ich mein allererstes Buch veröffentlichen wollte, fiel es mir schwer, einen passenden Title zu finden. Nach langem Hin und her, und Monaten des Kopfzerbrechens, kam der Verlag auf die Idee, das Buch mit dem Titel „Verschlungene Wege“, zu veröffentlichen. Das fand ich damals sehr treffend, denn „verschlungen“ sind nicht nur viele schicksalshafte Wege von Menschen, nein auch Gegenstände, Bücher zum Beispiel, gehen oft seltsame Wege, bis sie das Regal im Hause seines Besitzers erreichen, oder auch auf unerklärliche Weise von dort abhandenkommen. Manchmal sind diese Wege besonders seltsam und sie verdienen es erzählt zu werden, so wie diese Geschichte, die vor mehr als 15 Jahren in Brasilien ihren Anfang nahm. Aber lesen Sie selbst, auf welch unglaubliche Weise hier ein kleines Taschenbüchlein eine Reise um die Welt machte.


Werbung

Ein Brasilianer in Berlin (suhrkamp taschenbuch)

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch schon einmal so ergangen ist wie mir, Sie haben sich zu Weihnachten ein Buch gewünscht. Kein gewöhnliches, nein, eins das nicht sehr leicht zu finden ist, weil es in einer fremden Sprache in einem fremden Land publiziert wurde – und Sie wollten es unbedingt in der Originalfassung lesen. Tatsächlich haben Sie das Buch dann auch als Weihnachtsgeschenk unter dem Christbaum vorgefunden.

Nach einiger Zeit taten Sie etwas mit dem Buch, von dem Sie immer schon wussten, dass man es niemals tun sollte: Sie haben es jemanden geliehen, den Sie nicht besonders gut kannten. Wider besseres Wissen, das man Bücher nicht verleiht, weil sie meist verloren gehen, haben Sie sich davon überzeugen lassen, dass Sie es ja sowieso wiederbekommen, und dann … dann war das Buch auf einmal verschwunden!


Die Geschichte dieses Büchleins, das mir so viel Freude aber auch so viel Kopfzerbrechen bereitete, beginnt in der Heimat des Buches – in Brasilien. An einem sonnigen Samstagnachmittag spazierte ich über die Rua Bernardino do Campo, im Stadtteil Brooklin von Sao Paulo, und blieb vor dem Schaufenster des deutschen Buchladens stehen. Welche der ausgestellten Titel mir ins Auge fielen, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war ich interessiert und betrat den Laden.

Die Besitzerin, eine stattliche Dame mittleren Alters, aus München stammend, zeigte mir das in deutscher Sprache verfasste Buch des brasilianischen Schriftstellers Joa Ubaldo Ribeiro – ein Buch, das unter dem Titel „Ein Brasilianer in Berlin“ Anfang der neunziger Jahre erschienen war. Ribeiro, Mitglied der brasilianischen Akademie der Sprache, folgte damals einem Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) nach Berlin, wo er sich mit seiner Familie ein Jahr lang aufhielt und Kolumnen für diverse Zeitungen verfasste. Während dieser Zeit erlebte er Lustiges, dass er unterhaltsam zu Papier brachte.

Da die portugiesische Auflage – wie mir die stattliche Dame versicherte – vergriffen war, kaufte ich das bei Suhrkamp erschienene Buch in der deutschen Übersetzung und verließ die Buchhandlung. Noch am selben Abend begann ich zu lesen. Schnell hatte ich die einhundertzwölf Seiten mit amüsanten Kurzgeschichten durch – und wollte jetzt unbedingt die Originalfassung auf Portugiesisch haben.

An den darauffolgenden Tagen suchte ich im Internet nach dem Buch. Aber niemand hatte es vorrätig. Bei einem Internetbuchhandel entdeckte ich endlich ein Exemplar – doch es war gebraucht und der Preis überstieg den der Neuerscheinung um das Dreifache. Da ich es unbedingt haben wollte, kontaktierte ich den Anbieter, ein mir unbekannter Verkäufer ohne Referenzen aus Rio de Janeiro. Die Lieferung erfolgte nur nach Vorauszahlung. Ich erfüllte meinen Teil der Vereinbarung und wartete eine Woche, doch erhielt kein Buch. Eine zweite Woche verging. Nichts. Nach der dritten Woche kontaktierte ich den Verkäufer erneut und dieser teilte mir mit, dass er das Buch schon längst abgeschickt habe. Er könne nicht begreifen, warum es nicht angekommen sei. Nach der vierten Woche, einen Tag vor meinem Rückflug nach Frankfurt, wurde mir klar: Ich war einem Betrüger auf den Leim gegangen.

Den ganzen Tag über versuchte ich, den Verkäufer zu erreichen. Ein Anruf bei der Telefonauskunft in Rio ergab, dass Nummer und Adresse des Teilnehmers bereits vor einer Woche abgemeldet worden waren.

Ärgerlich.

Wie hatte mir, dem Weitgereisten, so etwas Dummes passieren können?

Immer, wenn mir etwas durch die Lappen geht, dass ich mir besonders wünsche, bricht bei mir der Jagdinstinkt aus und ich verbeiße mich nur noch mehr in den Gedanken, das Objekt meiner Begierde zu fassen zu kriegen.


Wieder in Deutschland stöberte ich monatelang bei Amazon.de und Amazon.com in Portugal herum – außerdem bei Buchantiquariaten und speziellen Buchhandlungen, die versprachen, dass ihnen nichts unmöglich sei … solange man nur bereit sei, den entsprechenden Preis für das Buch, das einem so am Herzen liege, zu bezahlen.

Nach einer Weile – des Suchens endlich überdrüssig – entschloss ich mich, zu warten. Ich hatte bereits viel Zeit investiert, mehr als fünfzig Euro ausgegeben und war meinem Ziel noch kein Stückchen nähergekommen.

Dann kam Weihnachten. Ja … – und das Buch … das Buch von Joa Ubaldo Ribeiro lag unter dem Tannenbaum. Das Original.

Meine Mutter hatte den Titel über ein Antiquariat in Würzburg aufgetrieben.

Leider hatte ich nicht sehr lange meine Freude daran, da ich es eben leichtsinnig verlieh, womit sein Schicksal besiegelt war. Es war zum Haare raufen.


In der darauffolgenden Sommersaison betreute ich auf meinen Reisen immer häufiger Brasilianer. Jetzt hätte ich Ribeiros Buch gut gebrauchen können. Nichts eignet sich besser zur Unterhaltung (auf den langen Fahrten von Köln nach Hamburg oder von Berlin nach Frankfurt) als eine Lesung aus einem Buch, das voll ist mit amüsanten Erlebnissen eines ihrer brasilianischen Landsleute.

Erneut begab ich mich auf die Suche. Und wurde fündig.

Gegenüber der Hamburger Sankt Michaeliskirche, nahe den Landungsbrücken, befindet sich ein Buchantiquar, der mich bei einem vormaligen Besuch bereits einmal sehr überzeugt hatte: Ein kleiner, älterer Mann mit langen grauen Haaren, buschigen Augenbrauen und einer Stirnglatze, hinter der sich so viel Wissen über Autoren und ihre Bücher verbarg … Hertha Müller hatte gerade den Nobelpreis für Literatur erhalten und der Antiquar konnte mir natürlich alles über diese besondere Schriftstellerin und ihren Werdegang erzählen. Natürlich wusste er auch, wer Joa Ubaldo Ribeiro war. Wo allerdings das Buch, das ich suchte, zu finden war, das wusste er nicht. „Geben Sie mir ein paar Tage Zeit“, sagte der Antiquar. „Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich das Buch gefunden habe.“ Er klang so überzeugt und siegesgewiss wie ein Karibikpirat, der zielsicher die Kanone auf den Bug eines Handelsschiffes ausrichtet. Ich war sicher, dies war der einzige Buchhändler in Deutschland, der fähig war, mir das Buch zu besorgen.

Und ich hatte Recht. Drei Wochen später erhielt ich eine Mail:

Habe Ihr Buch ausfindig gemacht. Es kostet € 30,00. Wenn Sie damit einverstanden sind, dann bestätigen Sie mir das hiermit schriftlich und wenn Sie wieder in Hamburg sind, können Sie das Buch bei mir abholen.

Dreißig Euro entsprachen in etwa der Summe, die ich in Brasilien in den Sand gesetzt hatte. Es war mir egal. Schließlich hatte ich es mit einem seriösen Buchhändler zu tun. Ich bestätigte und vier Wochen später konnte ich das Buch bei ihm abholen. Bis heute habe ich es nie wieder ausgeliehen.

Aber das ist noch nicht alles.


Sechs Monate später reiste ich mit einer kleinen Gruppe aus Sao Paulo durch Deutschland. Unter meinen Gästen befand sich ein Herr – Mitte siebzig – der mir sofort auffiel. Sein Name war Joao Gomez. Ein hoch gewachsener Mann, offensichtlich europäischer Abstammung, wegen der hellen Haut und den einst blonden, jetzt aber ergrauten Haaren. Joao Gomez‘ Blick – dieser typische Akademikerblick, der durch Geheimratsecken einen gewissen Charme bekommt – vermittelte mir sofort, dass er sehr belesen sein musste. Im Bus hielt er auch stets ein Buch in der Hand. Immer wieder las er, legte das Buch zur Seite, hörte mir zu, schloss die Augen, dann schlug er das Buch wieder auf. Egal wo wir uns befanden, er war nie ohne ein Buch in der Hand anzutreffen. Ich entschloss mich, ihn darauf anzusprechen.

Auf meine Frage, ob er immer viel lese, antwortete er: „Ja. Schon von Kindheit an faszinieren mich Bücher. So sehr, dass ich kurz nach meinem Studium in Sao Paulo meinen ersten Buchladen eröffnete. Heute besitze ich eine Buchhandelskette, die in ganz Brasilien vertreten ist.“nWährend der Reise kamen wir uns bald etwas näher. Wir tauschten uns über große Schriftsteller aus, verrieten einander die Namen unserer Lieblingsautoren und kommentierten ihre Werke. Eine gewisse Vertrautheit kam auf und wir fingen sogar an, miteinander zu scherzen. Der Mann mit dem Akademikerblick zeigte Humor.


Nachdem wir in Hamburg an den Landungsbrücken zu Mittag gegessen hatten, besuchten wir die Michaeliskirche. Einige meiner Gäste nahmen den Aufzug, der zum Turm hochfuhr. Joao war unten in der Kirche geblieben und sah sich das neu renovierte Kirchenschiff an. Wir trafen uns am Eingang der Hauptkirche, noch bevor die anderen vom Turm zurückkehrten.

Joa Ubaldo & Arthur Pahl

Das Antiquariat, in dem ich die so teuer gewordene Ausgabe von „Ein Brasilianer in Berlin“ schließlich erworben hatte, lag direkt gegenüber. Ich hatte das Büchlein dabei und zeigte es Joao.

Er blätterte darin.

„Woher hast du dieses Exemplar?“, fragte er.

„Aus dem Buchladen da drüben; der Besitzer hat es mir besorgt. War nicht leicht … “

„Hm. Zeig her.“ Wieder blätterte er mit zwei Fingern die Seiten durch. Sein Zeigefinger blieb schließlich regelrecht an einem kleinen Etikett auf der zweiten Seite kleben, während er mich ungläubig anstarrte.

„Brincadeira“, sagte er, „das ist ein Witz“, und er lachte. Aufgeregt nahm er die schwere Sony Kamera von der Schulter und machte ein Foto vom Etikett.

Ich verstand gar nichts mehr.

„Hier lies“, befahl er, „lies doch!“

Ich las und verstand immer noch nichts. „Livro um presente inteligente Livraria Aeroporto SSA- Bahia. Phone: (71) 3377-6899.“ (Ein intelligentes Buchgeschenk aus dem Buchhandel des Flughafens von Salvador de Bahia. Telefon: (71) 377-6899).

„Und …?“ fragte ich verwirrt.

„Das ist einer meiner Buchläden. Komm, ich will den Besitzer da drüben sofort kennen lernen.“

Werbung

Ein Brasilianer in Berlin – Um Brasileiro em Berlim: zweisprachige Ausgabe portugiesisch-deutsch

„Wie bitte?“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf, während Joao mich schon über die Straße zerrte, hinein in die Buchhandlung vor der Hamburger Sankt Michaeliskirche. Der Besitzer kam uns bereits entgegen.

Joao stellte sich sofort neben ihn, drückte mir seine schicke Kamera in die Hand und befahl mir ein Foto von ihm und dem Antiquar zu machen, während dieser immer wieder von mir verlangte, ihm zu übersetzen, was der fremde Mann eigentlich von ihm wollte. Jetzt waren wir alle aufgeregt und ich hatte Mühe, die beiden Männer zu beruhigen. Schließlich gelang mir die Verständigung.

Da standen wir nun: drei Büchernarren, für gewöhnlich durch tausende Meilen voneinander getrennt und doch vereint, im Bewusstsein eines Glücks, das uns nur ein Buch vermitteln kann. Wie schön, dachte ich, dass es noch Menschen gibt, denen Bücher etwas bedeuten und die ganz spontan ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Arthur Pahl

Arthur Pahl wurde in Gladbeck/Westfalen geboren und wuchs in Würzburg auf. Nach einer Ausbildung im Hotelfach, absolvierte er ein Praktikum in der Schweizer Nobelgastronomie, arbeitete als Steward auf einem Ozeandampfer, lebte in den USA, Kolumbien, Kanada und Brasilien, war abwechselnd Reisbauer, Smaragdhändler, Taxifahrer, Grabsteinverkäufer und Börsenmakler, bevor es ihm gelang in Deutschland einen halbwegs sicheren Hafen anzusteuern, von dem aus er seither als Reiseleiter für internationale Reisegruppengruppen tätig ist. Arthurs Lebensmotto ist: „Schreiben ist Leben – lesen ist Leben verstehen.
Arthur Pahl

Letzte Artikel von Arthur Pahl (Alle anzeigen)