Als ich vor über zwanzig Jahren nach meiner plötzlichen, vollständigen Ertaubung zum Cyborg wurde, war mir der Begriff noch nicht bekannt. Erst Jahre später wurde ich in einem Buch eines anderen, technikaffinen Betroffenen aus den USA damit konfrontiert.

„Ein Cyborg (von engl. „cybernetic organism“) ist ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert ist. Damit ist er (wenn man zunächst tierische Cyborgs ausspart) eine Ausprägung des Human Enhancement. Dieses dient der Vermehrung menschlicher Möglichkeiten und der Steigerung menschlicher Leistungsfähigkeit und damit – aus Sicht der Betroffenen und Anhänger – der Verbesserung und Optimierung des Menschen. Ausgangspunkt sind kranke oder gesunde Menschen, die mit Wirkstoffen, Hilfsmitteln und Körperteilen versorgt und mit Technologien verbunden werden.“

Quelle: Wirtschaftslexikon Gabler

Um wieder hören zu können – nebenbei sei angemerkt dass der Verlust des Gehörs die Betroffenen vollständig aus dem bisherigen Leben katapultiert, die einfachsten Dinge des Alltags stellen sie vor nahezu unüberwindbare Hindernisse – entschied ich mich für die Versorgung mit einem Cochlea Implantat, einer elektronischen Innenohrprothese.

Von einer » Vermehrung menschlicher Möglichkeiten und der Steigerung menschlicher Leistungsfähigkeit« (s.o.) kann dabei nur dann die Rede sein, wenn man vom Status Quo unmittelbar vor der Implantation ausgeht und nicht vom Zustand des Menschen vor Eintritt des versorgungsbedingenden Ereignisses. Eine Verbesserung und Optimierung bedeuten hier: besser mit Implantat hören, als gar nicht hören.

Ich muss gestehen, dass ich mir zu jener Zeit keine Gedanken darüber gemacht habe, dass mir ein Implantat mit einer Menge Elektroden und einem Magneten in den Schädelknochen bis hinein in die Hörschnecke eingepflanzt wurden – eine Menge Elektronik! Damals kursierte Literatur, die von Drähten im Gehirn- einer völlig falschen Vorstellung vom Cochlea Implantat – berichtete.

Sachliche Informationen darüber zu finden, war nicht einfach und die mündlichen Erklärungen der Mediziner und Audiologen waren für mich als taube Frau akustisch nicht verständlich.

Mein Ziel war, wieder zu hören, meinen Alltag wieder in den Griff zu bekommen und zurück in meinen Job zu kehren. Es war die beste Entscheidung meines Lebens, wenngleich ich kein neuer Mensch geworden bin. Die Alte bin ich seit der Ertaubung auch nicht mehr, denn dieser Schicksalsschlag ist nicht spurlos an mir vorübergegangen.

Das neue Hören bescherte mir auch neuen Mut, Mut eine weitere Ausbildung zu absolvieren. Ich wurde Audiotherapeutin und legte meinen Arbeitsschwerpunkt auf Cochlea Implantate.

Im Zuge der Recherche für mein Buch Klänge aus dem Schneckenhaus (2008)* erfuhr ich, dass wichtige Forschungsergebnisse über die Biokompatibilität verschiedener Materialien, die Isolation von Elektroden und die Wirkung elektronischer Stimulation in den 1960er Jahren erzielt wurden. Bedeutsame Erkenntnisse über das Design kleinerer Schaltkreise entstammen der Raumfahrtindustrie.

Inzwischen haben Forschung und Entwicklung nicht nur im Bereich der Hörimplantate rasant zugenommen.

Aktuelles zum Thema finden Sie hier: https://cyborgs.cc/

Bücher der Autorin:

     

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Maryanne Becker

Maryanne Becker, Jahrgang 1952, studierte Soziologie und Geschichte an der TU Berlin, wohnt in Berlin -Spandau und schreibt Romane und kriminelle Kurzgeschichten.
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