Wat wär et schön, man man sich gezz sehen könnte!“, war einer der Standardsätze meiner Oma, wenn wir in den späten 1980ern von Stuttgart (ich) auf die schwäbische Alb (sie) telefoniert haben.

Sie hing am damals in bundesdeutschen Haushalten üblichen orangefarbenem, wahlweise spinatgrünem Telefon mit Tastatur und zwei Meter langem Kabel. Das Teil hatte das kackgrüne Modell mit Wählscheibe abgelöst und stand wie sein Vorgänger auf der aus Eichenholz gedrechselten Telefonbank. Telefonbank! Ein extra Möbelstück für Telefonate!! Wenn ich das meinen Kindern erzähle, schauen sie mich mit tellergroßen Augen an. Über ihren Köpfen erscheint eine Denkblase. Drin steht: „Wovon labert die?“, gefolgt von: „Mama kommt aus der Steinzeit.“

Man setzte sich damals, wenn der Apparat klingelte. Man nahm sich Zeit für das Gespräch. Und man konnte sich nicht sehen. Unsere Whatsapp-Nachrichten waren Postkarten. Wir simsten mit kleinen Zettelchen, die wir uns quer durchs Klassenzimmer durch die Reihen der Mitschüler zustecken ließen. Unser facetime hieß: aus dem Fenster runter brüllen, wenn wer geklingelt hatte. Tinder hieß, sich an der Telefonzelle (yeah! Gab es mal! Kenne ich noch!) zu treffen. Parship fand bis 22 Uhr in der Tanzschule statt. Dann wurde man vom Vater abgeholt und der Traum vom heimlichen Kuss mit dem Schwarm platzte wie heutzutage die Bitcoin-Blase. Mein Instagram war mein Poesiealbum, die Likes der User konnte ich an den für mein Büchlein geopferten Stickern (die damals noch ‚Aufkleber‘ hießen) hochrechnen.

Meine Omi würde in ihren ostpreußischen Schlappen hintenüberkippen, wenn sie heute noch einmal auf dieser Welt sein dürfte. Wir sind nur einen Klick weit davon entfernt, Internet mit Geruch zu haben, jeder ist immer mit allen vernetzt und es gibt mittlerweile Prothesen aus dem Drei-D-Drucker. Früher nannte man das ‚Stock‘.

Möchte ich zurück nach 1910, als meine Großmutter das Licht der Welt erblickte in einer Welt, die den meisten damals dank Eisenbahn und Telegrafie schon zu schnell erschien? Vermutlich nicht. Plumpsklo und das Essen auf Eisblöcken kühlen… wäre nicht mein Ding. Möchte ich voraus in eine Welt, in der Roboter die Pflege alter Menschen übernehmen und in der man per im Handgelenk eingepflanzten Chip im Supermarkt bezahlt? Nö. Ich bin ein Kind meiner Zeit. Und die beginnt in den 1970ern.

Ich kenne noch Clementine aus der Werbung, die die Hände nicht in Spülmittel, sondern im ach so feinem Pril badete. Für mich war Meister Propper ein Superheld. Der Glatzkopf wischte jeden Boden blitzeblank. Und ‚Western von gestern‘ war mein Straßenfeger. Die Bundesrepublik war streng von der CDU regiert. Die Mauer zum anderen Teil Deutschlands gehörte irgendwie dazu.

Meine Kinder wischen sich auf dem Smartphone von Youtuber zu Influencer zu Instagramstar. Müssen Honecker und Konsorten mühsam im Geschichtsbuch nachblättern und haben gnädige 80 Jahre Abstand zum Holocaust. Ihnen kann man kaum mehr eine Erbschuld anhängen.

Irgendwann wünsche ich mir, werde ich im von meiner Mutter geerbten Ohrensessel sitzen und mein erstes Enkelkind in den Armen halten. Was werde ich ihm oder ihr erzählen? Dass früher alles besser war?

Noch einmal: nö. Früher war alles – anders. Ich freue mich auf die neuen Generationen, für die es selbstverständlich ist, sich beim chatten in die Augen zu blicken. Die dank des Internets Informationen in Bruchteilen von Sekunden bekommen, für die wir mühsam im Brockhaus blättern mussten. Tauschen aber möchte ich nicht mit den neuen Menschen. Die Welt wird immer digitaler. Unser Herz aber ist ein analoges Gebilde. Unsere Seele sowieso. Um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Scheijn, dass de anrufst. Scheijner wär, wenn de an mejnem Tisch sitzen würdest.“ Bei ostpreußischen Sperjek´ll un‘ Spellchjen. Das will erst mal von Google gefunden werden. Mahlzeit.

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Silke Porath

Silke Porath lebt mit ihrem französischen Mann in der gemeinsamen Wahlheimat Balingen am Rande der schwäbischen Alb. Die 1971 geborene Mutter dreier Kinder arbeitet als freie Journalistin und Schreibtrainerin. Die ausgebildete Redakteurin und PR-Beraterin ist Mitglied bei den 42erAutoren, im Verband deutscher Schriftsteller und der Gruppe 48.
Silke Porath

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