Der Sprung von der Brücke

Im Norden von Bayern gibt es ein kleines Städtchen mit dem Namen Marktbreit. Es hat nie groß in der Weltgeschichte Erwähnung gefunden, wenn überhaupt dann wird es als Geburtsort von Alois Alzheimer genannt, der die nach ihm benannte Demenzerkrankung als erstes diagnostizierte.

Kurz bevor man in das kleine Städtchen kommt, führt eine hohe Autobahnbrücke über einen Fluss hinweg. Kein besonders schönes Exemplar, eine Autobahnbrücke eben. Der einzige Verschönerungsversuch sind die Blumen, die in der Mitte des Kreisverkehrs gepflanzt sind und dem Grau der Straße zumindest etwas Farbe verleihen.

An einem Freitagmorgen, es ist noch gar nicht so lange her, beschloss ein Mann von dieser Brücke zu springen. Er zog seine beiden Söhne mit hinunter in den Abgrund. Eine Radfahrerin fand die drei Toten einige Stunden später und alarmierte die Polizei und Rettungskräfte, doch niemand konnte den Dreien mehr helfen. Die Mutter blieb alleine zurück, wir wollen uns nicht vorstellen, was mit ihr seit diesem Freitagmorgen geschehen ist.

Aber lässt sich ein Ereignis wie dieses wirklich angemessen umschreiben, wenn man es „erweiterte Suizid“ nennt? 

Thomas Matterne

Es war eine bedrückende Stimmung dort. Aus meiner Zeit beim Regionalfernsehen kannte ich zufällig noch den Reporter, der die Nachricht darüber machte und auch vor Ort war. Jemand, der schon einiges gesehen hatte, selbst hier in einer Gegend des Landes, die man mit Fug und Recht als Provinz bezeichnen kann. Auch die Polizisten vor Ort, die hilflosen Sanitäter.

Ein durch einen Suizid ausgelöschtes Leben ist ebenso sinnlos, wie jedes andere mit Gewalt beendete Leben. Das ist einer der Gründe, warum ich trotz aller berechtigten Kritik an dem Wort die Bezeichnung „Selbstmord“ nicht ganz verschwinden lassen möchte. Suizid ist für mich ein klinischer Begriff, ein neutraler Begriff. Er mag beim Thema Sterbehilfe seine Berechtigung haben. Aber lässt sich ein Ereignis wie dieses wirklich angemessen umschreiben, wenn man es „erweiterte Suizid“ nennt?

Es war nicht der erste Suizid auf dieser Brücke, es wird nicht der letzte gewesen sein. Doch wenn jemand seinem Leben selbst ein Ende setzt und dabei andere mitreißt, gerade wenn es die eigenen Kinder sind, dann geht uns das unweigerlich besonders nahe. In unserer heutigen individualisierten Gesellschaft wird das Thema Suizid anders diskutiert, als zu früheren Zeiten. Die Absurdität einen Selbstmordversuch unter Strafe zu stellen ist abgeschafft, wir haben keine separaten Begräbnisstellen mehr für Selbstmörder, die nicht in heiliger Erde begraben werden sollen. Und so manch Liberaler betrachtet nicht nur das Recht auf Leben als Menschenrecht, sondern auch das Recht über seinen eigenen Tod entscheiden zu können. Aber es wird sich selbst heute niemand finden, der für einen erweiterten Suizid den Advocatus Diaboli geben möchte. Eine der wenigen ultimativen Grenzen, die noch niemand überschritten hat.

Nur was mag in diesem Mann vorgegangen sein. Welche Qualen mögen über ihn hereingebrochen sein, welche Dämonen haben ihn getrieben? Was ging in seinen Gedanken vor, dass er nicht allein den Freitod wählte, sondern in seiner eigenen Gedankenwelt seine beiden Söhne mitnehmen musste? Psychologen mögen das Phänomen des erweiterten Suizids definieren können. Es mag vielleicht sogar eine Nummer im DSM haben, dem Verzeichnis für psychische Erkrankungen. Aber eine Erklärung können auch sie am Ende nicht liefern.

Blutungen kann man stoppen, Mägen kann man auspumpen. Aber wenn der Sprung, diese letzte Grenze erst einmal überschritten ist, gibt es kein Zurück.

Thomas Matterne

Ich kenne niemanden, der von einer Brücke in den Tod springen wollte. Aber ich kenne Menschen, die sich auf andere Weise das Leben nehmen wollten. Ein Bekannter, der sich in einer kalten Winternacht mit Medikamenten regelrecht vollstopfte, um sich draußen auf einem Feld zum sterben niederließ. Der Tod wollte ihn noch nicht. Die Narben an den Handgelenken einer ehemaligen Schulkameradin, die heute selbst Mutter ist und – wie ich es ihr wünsche – glücklich. Und dennoch sind es immer wieder Brücken, die zum Ort eines Suizids werden. Man kann das an einfachen Fakten erklären. Es ist eine Art sich das Leben zu nehmen, die keine Möglichkeit bietet gerettet zu werden oder selbst in der letzten Sekunde noch nach Hilfe zu rufen. Blutungen kann man stoppen, Mägen kann man auspumpen. Aber wenn der Sprung, diese letzte Grenze erst einmal überschritten ist, gibt es kein Zurück. Es gibt nur noch den Sturz nach unten. Ob es sich anfühlt, als könne man fliegen? Als würde einem nach all dem misslungenem Leben noch einmal ein kleines Glück gegönnt? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube das Brücken auch aus einem anderen Grund oft zum Ort des Todes werden. Eine Brücke hat per Definition zwei Seiten. Man überschreitet sie, man gelangt am Ende auf die andere Seite. Vielleicht ist es ja auch dieses Bild, das jene Menschen anzieht.

Doch überschreiten sie wirklich die Brücke, gelangen sie wirklich auf die andere Seite?

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich selbst dem Suizid oder auch der Sterbehilfe kritisch gegenüberstehe. In einem Gespräch über Selbstmord, an dem auch Menschen beteiligt waren, die es bereits versuchten oder es zumindest erwägt hatten – ernsthaft, nicht so wie jeder mal in seinem Leben sagt „ich bring mich um“ – habe ich das einmal folgendermaßen ausgedrückt. Was eigene Gedanken an einen Selbstmord angeht, habe ich eine doppelte Absicherung. Ich bin katholisch und ich bin in meiner Kindheit von einer alten (ost)preußischen Großmutter miterzogen worden. Der Katholik sagt: Gott hat dir das Leben gegeben, er entscheidet auch, wann es zu Ende ist. Der Preuße sagt: Dein Leben ist ein einziger Alptraum, erfülle deine Pflicht bis es zu Ende ist. Doch das sind nur meine eigenen Gedanken, wer wäre ich, über die anderen zu urteilen?


In Erinnerung an Marco F., wir werden dich nicht vergessen.