Die Bombe – Höhepunkt von drei Jahrhunderten Physik

Die Bombe – Höhepunkt von drei Jahrhunderten Physik

Geschichte und Wissenschaft haben einen Sinn für bittere Ironie. J. Robert Oppenheimer, Vater der Atombombe, bekam es zu spüren.

Als 1945 in New Mexico die erste Atombombe eine neue Zeitrechnung einleitete, war ihr eigentliches Ziel bereits erreicht. Der Wettlauf zwischen den Amerikanern und Nazi-Deutschland um die militärische Nutzung der noch jungen Kernenergie war gewonnen. Ein Wettlauf, wie man in Los Alamos zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon wusste, der eigentlich nie statt gefunden hatte. Denn mit Werner Heisenberg mochte Deutschland zwar einen Physiker gehabt haben, der die Bombe wahrscheinlich hätte bauen können, zum Glück war das militärische Denken der führenden Nationalsozialisten, allen voran Hitler selbst, mit dem Bau von Raketen als Waffen erschöpft. Der Wissenschaft misstraute man bei den Nazis, Kernenergie galt manchen sogar als “Judenwissenschaft”. Diesem Umstand ist eben jene Ironie geschuldet, dass Werner Heisenberg, der wenig für die Nazis an sich übrig hatte, an einer friedlichen Nutzung der Kernenergie arbeitete, als ihn die Alliierten gefangen nahmen, während J. Robert Oppenheimer in den gleichen Wochen die Arbeit an der Atombombe vollendete und mit deren vernichtenden Potential leben musste.

Wie Heisenberg war auch Oppenheimer ein Patriot. Das Autorenduo Bird-Sherwin schildert ihn in ihrer lesenswerten Biographie gar als einen dieser überheblichen amerikanischen Patrioten, wie man sie auch heute noch auf Europareise oder – wie in Oppenheimers Fall – als Student noch heute kennenlernen kann. Es war auch dieser Patriotismus, der den ehrgeizigen Oppenheimer zum Leiter des Manhattan Projects werden ließ, an dessen Ende die Bombe stand. Eine Rolle in der Geschichte, wie sie dem Protagonisten eigentlich kaum in die Wiege gelegt war. Schildern Bird-Sherwin doch einen jungen Oppenheimer, der seine Liebe zur Wissenschaft zwar früh entdeckte, in seinen jungen Jahren aber doch fast dem Klischee eines hochbegabten Nerds entsprach, der außerhalb des Schutzraumes seines Spezialgebiets kaum lebensfähig war. Im besten Falle war der junge Oppenheimer ein unbeholfener Sonderling, zu Depressionen und Ausbrüchen neigend, soll er gar einmal versucht haben seinem Professor einen vergifteten Apfel unterzujubeln.

Über den Wandel zum charismatischen jungen Professor, der seine Studenten schon vor dem Manhattan Project um sich scharrte, können auch die beiden Autoren wie viele andere nur spekulieren. Sie entscheiden sich am Ende für die Lektüre von Marcel Proust’s “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”, wofür sie – da das Erweckungserlebnis auf einer relativ kurzen Reise durch Korsika stattgefunden haben musste – nicht nur praktische Gründe aufführen können. Tatsächlich würde es zu Oppenheimer passen, der immer für eine Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaften eintrat, und literarisch ausgesprochen versiert war.

In seiner Zeit nach Los Alamos versuchte er dies als Direktor des IAS in Princeton, einem interdisziplinären Institut, das sich auch mit Albert Einstein nach dessen Flucht aus Deutschland zu schmücken wusste, in die Praxis umzusetzen. Allerdings in einer Zeit, in der ihm die USA von McCarthy den Patriotismus wenig dankte. Seine Vor-Kriegs-Sympathien für so manche Kommunisten wurde ihm zum Verhängnis, wohl auch weil ihn seine Skrupel für eine Politik eintreten ließen, die Atomenergie einem gesamt-menschheitlichen Nutzen zuführen sollten, statt allein Macht und Einfluss der USA zu zementieren. Dabei stieß er schon früh auf taube Ohren oder erntete gar Verachtung. US-Präsident Truman, der die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki befahl, bezeichnete ihn nur noch als den weinerlichen Wissenschaftler, nachdem Oppenheimer ihm gegenüber geäußert hatte, er habe das Gefühl von Blut an den Händen. In den ersten Tagen nach den Atombomben als Held der Wissenschaft gefeiert, störte Oppenheimer zusehend das gewollte Bild, wenn er offen äußerte, man habe die Atombomben auf einen bereits besiegten Feind abgeworfen, und eigentlich die Sowjetunion damit gemeint. Solch Selbsterkenntnis war in in den ersten Jahren des Atomzeitalters unerwünscht, als man glaubte die Kernenergie wäre zur Erlösung der Menschheit von allem Übel auserkoren. Sie ist es auch heute noch, wenn fernab historischer Tatsachen von einer militärischen Notwendigkeit gesprochen wird, damit eine blutreiche Invasion Japans verhindert zu haben.

Werner Heisenberg wurde noch vor Machtergreifung der Nationalsozialisten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, nach dem Krieg wurde er eine der großen Stimmen für eine friedliche Nutzung und Gegner der militärischen Nutzung der Kernenergie.

Robert Oppenheimer blieb der Nobelpreis für Physik zeit seines Lebens versagt. Er hatte wahrgemacht, was ihm der Physiker Isidor Isaac Rabi als Alptraum prophezeit hatte. Eine Bombe mit bis dahin unvorstellbarer Zerstörungskraft war zur Krönung von drei Jahrhunderten Physik geworden. Ein Nobelpreis für ein Vernichtungswerkzeug dessen Nachfolger bis heute die Menschheit bedrohen war undenkbar.


“J. Robert Oppenheimer” von Kai Bird, Martin Sherwin – List Taschenbuch – 1. Auflage – 2010

Thomas Matterne

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.

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