Der Tourismus bringt Geld. Geld ist gut, damit können sich die Leute etwas kaufen. Was auch immer. Bananen. Kaffee. Erdbeeren zu Weihnachten. Grünen Spargel zu jeder Jahreszeit. Geld hat was. Alle sollten Zugang zu ausreichenden Geldmengen haben. Zu duftenden Erdbeeren, Tomaten in ihrer Vielfalt und Pracht, zu blühendem Lavendel und zu den Meeren dieser Erde. Aber über den Weg dahin, darüber sollten alle streiten und nachdenken. Manchmal auch über die Träume, die die Werbeindustrie schafft. Vielleicht haben wir ganz andere Wünsche.

Viel beworbene Postkartenidyllen sind seit den Fünfziger Jahren, als die erste Reiselust aufkam, im Massentourismus verschwunden. Ganze Landstriche und Dörfer gingen bis zur Unkenntlichkeit verloren. Die Camargue und das frühere Fischerdorf Les-Saintes-Maries-de-la-Mer leben nur noch in der Erinnerung der Menschen weiter, die vor fünfzig Jahren dort als die Ersten waren. Ja, es gibt Fotografien und Filme über die Camargue, als sie noch wild war und das Dorf mit sechshundert Einheimischen vom Fischfang und den Gitans lebte. Als die Tradition mehr war als eine Beigabe für vermarktete Folklore.

Heute ist die Camargue nicht mehr wild, und das Dorf Les-Saintes-Maries-de-la-Mer gewachsen zu einer boomenden Abfertigungsfreizeithalle mit zweieinhalbtausend Einwohnern, die stets zu Diensten alles vermarkten, was nur irgend geht. Auch sich selbst. In den Restaurants schmeckt kein Fisch mehr nach Meer, keine Muschel ist frisch. Alles ist rundherum optimiert. Und auch die Wallfahrten mit der schwarzen Sara und den beiden Heiligen Maria Kleophae und Maria Salome sind zu Attraktionen verkommen. Nur selten, dass die Gefühle, die Ehrfurcht größer sind als die Gier auf Selfies. Das Selige und Wilde ist bei den Heiligen Frauen und in der Camargue nur noch selten zu spüren. Auch wenn die schwarze Sara, die kluge Dienerin, das ganze Jahr in der alten Wehrkirche steht und die Kerzen brennen. Sie weiß mehr, sie verschenkt einen Himmelsblick, dafür wird sie von den Gitanos hinaus ins Wasser getragen mit tausend Lichtern und kommt immer wieder zurück.

Das erste Mal fuhr ich 1969 in den Süden von Frankreich. Ich wusste nicht viel von der Provence, von der Camargue. Nur von Marseille. Dort hatte ein Onkel versucht sich einzuschiffen, nach der Flucht vor den deutschen Faschisten. Sein Affidavit verfiel. Er landete in Meran, durchquerte Italien bis in den Stiefel und heiratete in Burma eine Prinzessin. Der Sohn kehrte in die Heimatstadt seines Vaters, nach Hamburg, zurück. Seine Mutter, die Prinzessin folgte einige Jahre später und wurde eine gute Hanseatin.

Ich fuhr mit einem Citroën, der Dyane. In Rot. Und die Fahrt dauerte zwei Wochen. Entlang der Mosel. Kreuz und quer. Dann entlang der Rhone, links und rechts durch die Dörfer. Im Zickzack, alles anschauend. Auch den alten Hafen von Marseille. Dann um den Etang de Berre herum. Von Miramas zum Hafen von Fos-sur-Mer mit seinen Festungen und weiter zur Mündung der Rhone. Entlang dem Fluss, durch winzige Weiler. Die Felder mit Schilf vorm Mistral geschützt. Ab und an ein Schild zu einem Hof, zu einer Cabane. Mit einem Tisch vor der Tür, Stühlen. Wer sich setzte, bekam einen kalten Krug Rosé, Brot, kleine gebratene Sardinen. Dann stellte der Patron einen Teller mit Pizza und einen mit Spaghetti in die Mitte. Danach wurde eine Platte mit gebratenen Fischen serviert. Käse, dann Kaffee. Zwölf Franc haben wir zu zweit bezahlt. Eine Flasche Rosé gab es von den Wirtsleuten noch als Geschenk und den Ratschlag, dass wir das Auto nicht verlassen sollten. Es gäbe nicht nur die wilden Pferde, sondern auch noch wilde Stiere. Und so fuhren wir durch kleine Salzfelder und Sümpfe, durch Schilf, vorbei an den Herden der Camarguepferde. Vorbei an Flamingos in allen Farben. Ab und an eine Hütte, in der Rinderhirten einen Unterschlupf hatten. Männer, die Stiere und Pferde fingen. Männer, die auf einem Feld mit Kampfstieren arbeiteten. In einer Cabane wohnte eine Frau mit Kindern. Sie kochte für die Hirten. Der Duft nach Meer, Salz und den Sümpfen, nach Sand und Sonne war unbeschreiblich. Vor uns lag der kilometerlange Strand von Beauduc. An dessen anderem Ende das Fischerdorf Saintes-Maries-de-la-Mer lag.

Wer heute von Marseille versucht diese Strecke zu fahren gerät in riesige Industrieanlagen. Die Herden der Camarguepferde sind alle bestens im Naturschutzgebiet bewacht und behütet. Wilde Stiere gibt es nicht mehr. Auch keine Männer mehr, die auf eigene Faust mit Stieren trainieren oder Pferde fangen. Alles ist in bester Ordnung, geschützt, und der Strand abgesperrt.

Damals, im Mai 1969, fuhren wir mit dem Citroën den Strand entlang, schlugen ein Zelt vor den Dünen auf. Über die vielen Kilometer verteilten sich nur wenige Autos, kleine Zelte. Gitans aus Spanien hatten aus Planen und Schwemmholz eine kleine Wagenburg gebaut. Am späten Nachmittag kamen zwei Gendarmen. Sie ließen sich die Personalausweise zeigen, erklärten, wie man im Sand Grillfeuer macht, wie man Tellines sammelt und sagten, dass wir nicht in den Dünen zelten dürfen. Die Gitans schickten zwei Kinder und die luden uns zum Essen ein. Dann rannten wir alle in die auflaufende Flut. Glück.

Am nächsten Tag fuhren wir den Strand entlang bis Saintes-Maries-de-la-Mer. Am Hafen kauften wir vom Boot Fische. In dem kleinen Supermarché Wein, Käse, Öl, Brot, Merguez zum Grillen. In der Kirche zündeten wir allen drei heiligen Frauen Kerzen an. Die Gitans sahen das gerne und luden uns am Abend wieder zum Essen ein.

Im Dorf fanden wir neben der Wehrkirche ein Kino. Von Freitag bis Sonntagnacht gab es Filme. Eine holzgezimmerte Stierarena stand hinter dem Hafen. Sehr klein. Um das Töten der Stiere ging es nicht, sondern um ein Fest. Alle waren festlich angezogen. Die Männer in schweren dunklen Anzügen und mit Hut, die Frauen trugen farbige Schleier. Die Kinder tobten. Die Stiere waren mit Blumengirlanden geschmückt. Bei dem Kampf ging es um die Kokarden zwischen den Hörnern der Stiere. Dem Mann, dem es gelang, sie zu erobern, war strahlender Sieger. Wir klatschten, er bekam Wein, er lachte. Um viva la muerte ging es nicht. Es lebe der Tod, so war und ist es in Spanien. Diese Stiere kamen danach wieder auf einen Anhänger und auf die Weide.

Das Damals war ein Abenteuer. Auch das Kino. Armee im Schatten. Ein Film von Melville. Ein Résistancefilm. Ein Film mit Lino Venturo. Die Vorstellung begann um zehn Uhr abends. Vorher wurde gegessen. Überall. In den beiden Restaurants, am Strand, bei den Gitans, am Hafen. Essen wurde getauscht. So lernte ich viele Fische, Muscheln, Seeschnecken kennen und den Geschmack von gegrilltem Huhn und Rind mit Gewürzen, die ich noch nie geschmeckt hatte. Im Kino teilten alle ihre Süßigkeiten. Niemand interessierte sich für den Film, aber alle schauten andächtig und mit einer Hingabe auf die bewegten Bilder, einer Hingabe, die ich am nächsten Tag wieder bei der Prozession erlebte.

Am 24. Mai 1969 holten die Ältesten der Gitans die heilige und hölzerne Sara aus der Krypta der Kirche. Hunderte Kerzen bogen sich in der Hitze, Kreuze wurden geschlagen. Saras Gewänder gestreichelt. Für viele der Roma, Manouches, Sinti und Jenische ist diese Wallfahrt bis heute der Höhepunkt ihres Jahres. Die großen Familien machen sich aus allen Ländern auf den Weg Ende Mai zur Heiligen Sara. Ihrer Schutzheiligen. Kolonnen von Wohnwagen.

Damals, 1969, standen die Zelte und Wagen alle an dem kilometerlangen Strand. Es gab Lagerfeuer, es wurde gekocht, getanzt, gesungen. Die Fischerboote waren ausgefahren mit Laternen. Auf dem Wasser schaukelten Bretter mit Kerzen. Die schwarze Sara.

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Die Statue der Heiligen war aus der Krypta geholt worden und stand im Mittelschiff. Nur noch ihr Kopf war zu sehen. So viele mit Stickereien geschmückte Umhänge und Tücher wurden um sie gebunden. Wer konnte, berührte Sara. Während des Gottesdienstes wurde aus der Oberkirche an Seilen eine Holzkiste mit den Reliquien der beiden Marien heruntergelassen. „Vive les Saintes Maries! Vive Sainte Sara!“ In dem Licht zahlloser brennender Kerzen versank der Schrein.

Vier Männer trugen Sara auf ihren Schultern durch das Dorf bis zum Meer. Guardians ritten voraus. Sara, die Dienerin, die Zigeunerin, die schwarze Maria wurde von Dutzenden Reitern begleitet. Die Statue wurde so weit es ging ins Meer hinausgetragen, mit Wasser benetzt, auf ein Boot gesetzt. Aus dem großem Freudenlärm wurde eine selige Stille bis Sara wieder an Land war und zurück zur Kirche getragen wurde. Ein Abendgebet und danach feierten alle bis ins Morgengrauen. Ein Lachen und Singen in den Gassen und draußen an dem langen Strand. Erst nach einer Woche war das Dorf wieder leer und leise.

Die Gendarmen fuhren den Strand entlang, schauten, ermahnten, halfen einem Paar beim Zeltaufbau, sagten, dass ein Mistral im Anzug wäre, dass unser Zelt dem nicht standhalten würde. Wir packten alles ein und fuhren nach Aigues-Mortes, die ehemalige Hafenstadt, die ehemalige Gefängnisstadt für Hugenotten, 1969 noch ein Dorf hinter mächtigen Stadtmauern. Der Mistral kam und wir flüchten nach Arles in ein Hotel. Rechts und links der Straßen waren Wohnwagen umgekippt.

1970 wurde ein Teil der Camargue zum Naturschutzgebiet erklärt, aber noch blieb der Strand, die Bucht von Beauduc frei. Wir fuhren immer wieder in die Provence, nach Marseille, in die Camargue. Bis der Strand abgesperrt war. Das Dorf sich endgültig verwandelt hatte. Aber in was?

In ein überlaufenes Touristengebiet, weil es eine Sehnsucht gibt. Nicht alle in Saintes-Maries-de-la-Mer sind glücklich, freuen sich über den kaum zu bewältigen Zustrom der Reisenden, die ihrerseits nicht finden, was sie suchen. Denn es gibt noch die Erinnerungen, wie es einmal war. Ein Fischerdorf mit zwei Wallfahrten im Jahr. Im Mai für Sara, im Oktober für die beiden Marien. Damals waren alle ärmer. Fischer und Bauern. Heute kann jeder ein Zimmer vermieten. Aber reich werden die wenigsten Einheimischen, denn das große Geschäft machen andere. Mit einem Sporthafen, Appartmentanlagen, Windsurfanlagen. Riesigen Campingplätzen.

In den sechziger Jahren wurde Les Saintes-Maries-de-la-Mer zu einem Geheimtipp der französischen „Bohème“, der europäischen Beatniks und Studenten. Ein Geheimtipp. So lange wie es dauerte. Die Gemeinde wuchs von sechshundertachtzig Einwohner auf fast dreitausend. Die Infrastruktur veränderte sich vollständig. Geblieben sind die heilige Sara und die beiden Marienreliquien, geblieben ist, dass Saintes-Maries-de-la-Mer ein religiös bedeutender Ort für die Gitans ist. Sara steht das ganze Jahr über in einem Lichtermeer von Kerzen und wird jedes Jahr ins Meer getragen. Manche haben Erinnerungen. Sie haben die Erinnerungen, weil sie ein Geheimnis entdeckten und danach verrieten, so lange bis das Geheimnis eine Postkarte geworden war. Und ein Sehnsuchtsort.

J. Monika Walther

J. Monika Walther, aufgewachsen in Leipzig, Berlin und am Bodensee, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Sie wollte immer nur eines: Schreiben. Sie lebte und schrieb u. a. in Spanien, Portugal und Israel. Sie gründete zwei Verlage Frauenpolitik und tende (zusammen mit Annette V. Uhlending). Sie schreibt Hörspiele, Hörbücher, Erzählungen und Romane wie Sperlingssommer, Am Weltenrandund Kriminalromane wie Himmel und Erde, Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht, Das schöne Dorf (2017). Seit 1966 lebt sie im Münsterland und in den Niederlanden und ist glücklich mit ihrer Wahlheimat und ihrer Familie. Seit vierzig Jahren. (Foto: Barbara Dietl)
J. Monika Walther