In Europa ist es normal dass die Jugend durch die Europäische Union reist. Die Klassenfahrten schon in jungen Jahren führen über die Grenzen des eigenen Landes hinaus, und es ist sehr häufig so, dass die Schüler diejenigen Länder besuchen, deren Sprachen sie in der Schule lernen.

Später, wenn sie in den Universitäten studieren, nutzen die Studenten die Möglichkeiten, Europa zu bereisen, entweder in kurzen Reisen oder durch ein studentisches Austauschprogramm um ein oder mehr Semester außerhalb des Heimatlandes zu verbringen. Klar, die politische und finanzielle Einheit trägt ungemein dazu bei, dass die Bewohner der EU so mobil sind, aber die Mobilität liegt auch an den kurzen Distanzen und an der vernetzten Kultur und Geschichte der verschiedenen Länder.

In Lateinamerika ist das Reisen ein Privileg einiger weniger, und die Jungend der Mittelschicht sehnen sich danach, etwas von der Welt kennenzulernen. Speziell in Chile gab es schon immer ein gewisses Misstrauen dem Reisen gegenüber. Ich glaube, das liegt an den natürlichen Grenzen, die das Land hat: auf der einen Seite, der Pazifische Ozean, der ein schier unüberwindliches Hindernis darstellt. Auf der anderen Seite die Anden, die sich bereits den spanischen Eroberern als schwer zu bezwingende Grenze darbot. Im Norden die trockenste Wüste der Welt, die Atacama-Wüste, im Süden die Eiswüste der Antarktis. Chile ist praktisch eine Insel. So verstehen zumindest die Chilenen die Geografie ihres eigenen Landes. Zusätzlich hat Chile selbst so verschiedene Landschaften zu bieten, dass es schwierig ist, das Land komplett zu bereisen. Die Chilenen reisen also, aber innerhalb der Landesgrenzen in den Norden oder Süden, meistens auf der Suche nach Arbeit, oder um in der Hauptstadt zu studieren, oder um die Familie zu besuchen, die in anderen Regionen als man selbst lebt. Doch nur wenigen trauen sich zu, die Landesgrenze zu überwinden. Und wenn sie es für längere Zeit tun, als für die Dauer eines bloßen Urlaubs, dann gehen sie wirklich. Die jungen Studenten oder Arbeitnehmer gehen nicht unbedingt, um ein Semester in Argentinien, Peru oder Mexiko zu verbringen, nein, sie gehen für das Masterstudium in die USA, bewerben sich für ein Stipendium in Kanada, Australien oder, die mehr Glück haben, in Europa. Der Alte Kontinent ist weiterhin die Wiege der dominanten Kultur in Südamerika und viele europäische Gebäude existieren länger als es die modernen unabhängigen Staaten Südamerikas gibt. Geschichte betreten, die europäische Diversität kennen lernen und gleichzeitig eigenen Identität suchen scheint ein starker Motor zu sein um das Abenteuer zu wagen, in Europa zu leben.

Ich habe Nelson in Concón kennengelernt, in der Nähe von Valparaiso, Chile, an einem Strand der für seine surfbaren Wellen bekannt ist. Schwarzes, lockiges Haar, schwarzer Bart, eine dunklere Hautfarbe und beobachtende Augen. Er wollte nicht so Recht in die Welt des Scheins der Surfer passen. Als wir uns unterhielten, erzählte er mir, dass er als Psychologe arbeitete und dass surfen ihm half, den Kopf wieder frei zu bekommen.

Ein gutes Jahr später traf ich ihn in Berlin, Deutschland.

DenkZeit: Warum hast du dich entschlossen, Chile zu verlassen?

Nelson: Seit ich klein war wollte ich raus und die Welt kennen lernen. Immer schon gefiel es mir, andere Sprachen zu lernen, andere Menschen kennen zu lernen, das hat mich schon immer bewegt. Ich glaube, dass man einen anderen Ort nicht während der Ferien kennenlernen kann, du musst eine Zeit lang dort wohnen um den Ort wirklich zu kennen.

DenkZeit: Wann hast du angefangen, diese Reise und den Umzug zu planen?

Nelson: Konkret wurden die Pläne, Chile zu verlassen, als ich in die USA reiste. Ich war in Kalifornien, und ich habe gefühlt, dass ich längere Zeit in einer anderen Kultur leben möchte.

DenkZeit: Das ist nicht wirklich dein erster Umzug.

Nelson: Nein! Ich bin in Angol geboren, und habe in Collipulli gelebt; als ich 2 Jahre alt war, sind wir nach Antofagasta umgezogen.

DenkZeit: Vom Süden Chiles in den extremen Norden…

Nelson: Ja, und dann, als ich 7 Jahre alt war, sind wir nach Los Andes umgezogen, in die Region von Valparaiso.

DenkZeit: Damit hast du den größten Teil Chiles bereits kennen gelernt.

Nelson: Ich bin in den Süden zurück, um Jura zu studieren, ich bin damals nach Temuco. Aber mir gefiel das Studium nicht und darum habe ich das Studium und die Uni gewechselt: ich habe Psychologie in Valparaiso studiert, und als ich fertig war, bin ich nach Santiago gegangen, um dort zu arbeiten. Aus Arbeitsgründen kehrte ich zurück nach Valparaiso und lebte dort zwei Jahre mit meiner Mutter und meinem jüngsten Bruder zusammen, und nun bin ich in Berlin.

DenkZeit: Magst du es, so mobil zu sein, oder würdest du lieber eine starke Beziehung zu einem konkreten Ort haben wollen?

Nelson: Es ist ein Privileg wenn du an einem einzigen Ort aufwächst, aber andererseits, diese Gefühl zu haben dass man „nirgendwo“ zu Hause ist, hilft dir auch, dich von einer einzigen Heimat oder einem einzigen Raum zu lösen, ja selbst von einer Stadt oder Freunden und Menschen. Seit ich klein bin habe ich mich an die Veränderungen gewöhnt, an die Umzüge. Ich weiß schon nicht mehr, wie viele Orte, Häuser und Wohnungen, ich ein Zuhause nannte. Waren es 16? 18? Oder gar 20? Es ist wahr, dass die Umzüge mit meiner Familie immer innerhalb Chiles stattfanden, wir sind nicht über die Grenzen hinaus, aber die chilenische Kultur ist recht unterschiedlich und ich habe in sehr unterschiedlichen Regionen gelebt. Das hat meine Gedankenwelt geprägt. Nun, und außerdem sind wir oft umgezogen, als ich wichtige Etappen in meinem Leben vollzog. Wenn du klein bist und gehst, dann verlässt du deine Freunde und dann beginnst du von vorn. Deshalb ist es für mich heute nicht besonders schwer, neu anzufangen, eher im Gegenteil, immer ist es eine positive Herausforderung, um mich selbst besser kennen zu lernen und besser zu wissen, wohin ich in meinem Leben kommen möchte.

DenkZeit: Seit wann bist du in Berlin, wie lange willst du bleiben?

Nelson: Ich bin in Berlin seit einem Monat und einer Woche, und ich plane, etwa ein Jahr zu bleiben, aber naja, ich bin kein guter Planer, ich glaube, wenn man weiter als 4 Monate voraus denkt, dann wird es schon konfus. Aber die Idee ist, ein Jahr hier zu bleiben, und dann weiß ich nicht so genau, was sein wird.

DenkZeit: Was machst du, wovon lebst du?

Nelson: Ich habe viel Geld in Chile eingespart, durch viel Arbeit, und das hat mich bisher gut über die Runden gebracht und gibt mir Ruhe. Aber hier in Deutschland habe ich auch gearbeitet, als Reinigungskraft und Maler. Wirklich alles ist anders für mich, früher war ich ein anerkannter Psychologe mit einem soliden Einkommen. Und heute ist das nicht wichtig, es zählt gar nichts.

DenkZeit: Was fällt dir am meisten auf?

Nelson: Uffff. (Nelson seufzt) Das ist so schwer zu beantworten, alles ist neu und ich fühle mich wie ein neugieriges Kind in einem Land, welches so anders ist als das meine und als Lateinamerika. Mir gefällt die Andersartigkeit der Sprache, ich frage wie ein Kind alle Leute „Was ist das?“ und bitte sie, jedes Wort einzeln zu erklären (Gelächter) und bisher waren die Berliner sehr gut zu mir.

DenkZeit: Und deine ersten Impressionen aus Berlin und Deutschland waren…

Nelson: sehr gut! Anfangs viel mir vor allem auf, wie gut das öffentliche Verkehrsnetz ausgebaut ist und funktioniert und wie billig es ist, Essen im Supermarkt zu kaufen. Auch die Einkommen und das Mindesteinkommen ist wirklich viel höher als in Südamerika. Und auch die Interkulturalität mag ich und macht mich aufmerksamer. Ich sitze also in einer S-Bahn und schaue um mich herum und sehe, dass wir alle unterschiedlich sind, ein Afrikaner, eine Asiatin, ein Deutscher, ein US-Amerikaner und ich, das ist herrlich!

DenkZeit: Welchen Satz oder welches Wort magst du im Deutschen am meisten oder von welchem Wort meinst du, das es besonders wichtig ist?

Nelson: Eines der ersten wichtigen Worte die ich lernte war „möglich“ und dann lernte ich, es zu benutzen. Und wenn die Tage ein wenig schwieriger sind, dann wiederhole ich in meinem Kopf „alles ist möglich fur mich“ (Gelächter).

DenkZeit: „Alles ist möglich für mich“.

Nelson: Ein Umlaut pro Satz ist genug! (Gelächter) Naja, und ein geniales Wort ist „Prost“ (noch mehr Gelächter). Ich habe viel Bier getrunken, und verschiedene Arten: IPA, APA, Weizen, Stout, nun ja, einfach alle!

DenkZeit: Du hast einen sehr heißen Sommer in Deutschland erlebt, da gab es nicht viele Möglichkeiten, sich abzukühlen…

Nelson: Vor allem ist meine Freundin eine Bierfanatikerin und zeigt mir die verschiedenen Geschmäcker, und ich genieße es. Mir erscheint diese Bierkultur sehr interessant, es ist der Weinkultur Chiles sehr ähnlich. Es gibt unheimlich viel Auswahl, Geschmack, Aromen, Intensitäten, Hopfen, Macharten, das ist so toll, in jeden beliebigen Späti zu gehen und eine unheimlich große Auswahl an Bieren zu haben. In Chile undenkbar. Meine Freundin zeigt mir dann ein gutes IPA-Bier oder ein starkes Stout-Bier. Und es ist schon toll, dass man ein gutes Bier wo auch immer man ist genießen kann.

DenkZeit: In Chile ist es verboten, auf öffentlichen Plätzen und Orten Alkohol zu trinken.

Nelson: Ja. Nun, in Berlin haben wir es sehr genossen in einem Park zu sitzen, die Sonne zu genießen, die Parks zu betrachten und dieses Erlebnis mit einem guten Bier zu begleiten. Aber andererseits fällt mir schon auch sehr auf wie normal es ist, betrunkene Menschen zu egal welcher Tages- und Nachtzeit in der Öffentlichkeit zu sehen. Manchmal sieht man betrunkene Menschen morgens um sieben oder acht Uhr mit ihren Bierflaschen in den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Vor kurzem war ich auf dem Oktoberfest auf dem Alexanderplatz, und nachts waren unheimlich viele Besoffene, die gegrölt haben und umherwankten, und ich war überrascht: ist das wirklich die erste Welt? Die Salonfähigkeit des Alkohols hat eine Gesellschaft erzeugt, die viel und oft diese Droge konsumiert. Naja, am Ende gibt es doch nicht so viele Unterschiede in manchen Aspekten, du siehst ähnliche Szenen in den USA, Lateinamerika oder sonst wo.

DenkZeit: Was hast du schon in Berlin gegessen?

Nelson: Was ich wirklich am meisten mag sind die Falafel, ich habe mich entschieden, vegetarisch zu essen und ich bin einige Monate dabei, darum habe ich in Berlin kein Fleisch gegessen, da könnte ich nicht so viel zu sagen.

DenkZeit: Und was empfiehlst du, in Berlin zu machen?

Nelson: Wow, ich habe so viele wunderschöne Parks kennengelernt, das ist unheimlich schön in Berlin, die Grünflächen sind gigantisch und du schaltest von der Realität und von der Großstadt ab. Ich habe auch mehrere Seen besucht, zum Baden, ich bin ja im Sommer angekommen und das war schön und erfrischend. Ich empfehle aber auch einfach die Tram, S-Bahn oder U-Bahn zu nehmen, und dich einfach zu verlieren und immer wieder eine neue interessante Ecke zu finden. Berlin hat unheimlich viele Stadtteile und es ist viel Straßenkunst zu sehen. Ich hatte das Glück, verschiedene Bereiche Berlins zu durchlaufen, und darum habe ich beide Berlinseiten gesehen, die früher durch die Mauer getrennt waren. Weißt du, ich habe den Film „Good bye, Lenin“ gesehen und in der Schule hat mich Geschichte immer interessiert, ich lernte also einiges über den Zweiten Weltkrieg und die deutschen bombardierten Städte, über die Teilung des Landes. Und die Wiedervereinigung war, in Chile, ein wichtiges Symbol für diejenigen die friedlich gegen den Diktator Pinochet vorgingen. Diese selben Straßen also zu durchlaufen ist irre, die Geschichte wird plötzlich fassbar, sie versteckt sich nicht, sie ist nicht verschleiert. Die Gedenkorte, die Erinnerungen, die Bilder und audiovisuellen Aufbereitungen, das alles ist auf der Straße, für alle erreichbar. Das erscheint mir wirklich super, aber klar, da gibt es auch diese stillschweigende Zensur, die irgendwie verhindert, dass man über den Krieg, Hitler und überhaupt über Rassismus spricht.

DenkZeit: Zumindest kann man sagen, dass es den Deutschen eine gewisse Scham bereitet, es ist ein roher und schwarzer Fleck in der deutschen Geschichte.

Nelson: Ich bin noch nicht sehr lange hier, und ich muss noch viel länger hier sein, um die deutsche Welt ein wenig zu durchdringen. Ich glaube, dass Berlin ein Ort ist, wo Multikulturalität wesentlich mehr akzeptiert ist, es gibt nicht so viel Raum für Hass und Rassismus in der heutigen Zeit. Immer hört man Kommentare gegen Türken, aber dennoch ist es eine recht offene und der Andersartigkeit gegenüber ziemlich tolerante Gesellschaft. Andererseits wird diese etwas totgeschwiegene Geschichte des extremen Nationalismus und der Diskrimination dann doch sichtbar, wie es vor Kurzem in Chemnitz der Fall war (bezogen auf die Demonstrationen der extremen Rechten am 26. August 2018, der Autor).

DenkZeit: Ein weiterer schwarzer Fleck in der aktuellen Geschichte Deutschlands. Hast du dich denn schon in Situationen befunden, in denen du dich diskriminiert fühltest?

Nelson: Nein, als Lateinamerikaner in Deutschland nicht. Aber ich habe schon das Gefühl, dass es einen gewissen Statusunterschied gibt. Alle Deutschen, die ich bisher kennen gelernt habe, denken, dass es meine Absicht ist, für immer hier zu bleiben. Es belustigt mich etwas, dass sie dieser Illusion nachgehen, dass Deutschland das große Ding ist. Schau, ich mag das Land und ich bin sehr dankbar, dass ich es kennenlernen darf, und ich bin absolut begeistert diese neue Perspektive leben zu dürfen. Aber für mich ist es unerlässlich, in der Nähe der Meeresküste zu leben, der riesige Pazifische Ozean ist für mich mehr wert als öffentliche Verkehrsmittel in hoher Qualität. Für mich ist menschliche Nähe und Wärme mehr wert als eine Gesellschaft, die ihre Gefühle versteckt. Ich habe andere Prioritäten. Ich mache ich gute Erfahrungen, aber ich habe auch das Gefühl, dass die Deutschen meinen, jeder nicht-Europäer kommt hier her, um ein Mittel und Weg zu suchen, für immer hier bleiben zu können. Und in meinem Fall ist das einfach nicht so. Ich genieße meinen Aufenthalt, ich lerne etwas Deutsch, ich laufe durch die Straßen Berlins, ich begeistere mich an so viel erlebbarer Geschichte, an der Straßenkunst und an den Museen.

DenkZeit: Da wir von Kunst reden: du magst Rap und seit langer Zeit widmest du dich auch der Musik.

Nelson: Ich mag Musik, und seit ich zehn Jahre alt bin war ich ihr immer aktiv verbunden. Mit 14 habe ich meine erste elektrische Gitarre bekommen, und dann folgte eine Suche über viele verschiedene Instrumente, habe gesucht, bin gestolpert, habe mich verirrt, Recht behalten, es gab Begegnungen, Hass und Liebe. Heute widme ich mich dem Hip Hop, seit 3 Jahren schon mit einigen Freunden und Verwandten, und arbeite mit einigen Bands aus Valparaiso und Santiago zusammen, unter anderem mit dem Nomade aus Valparaiso und den Astropoetas aus Santiago. Die Musik die ich mache, mache ich mit viel Leidenschaft und großer Hingabe, und dank meines Bruders, dem Nomade, und Mati, der die Magie der Beats beherrscht.

DenkZeit: Hattest du die Möglichkeit, in Berlin Musiker kennenzulernen, speziell Hip Hopper?

Nelson: Ja, ich habe einige Musiker in Berlin kennen lernen dürfen. Zum Beispiel Nicolas Miquea, ein chilenischer Musiker der mich empfing und mir eine seiner Gitarren gab um mich abzureagieren und die Emotionen hier in Berlin zu verarbeiten. Dabei erinnere ich mich an speziell eine Situation, ich habe einige Stunden in einem Restaurant gearbeitet und die haben mich so runter gezogen, ich bin mit Tränen in den Augen gegangen, ich hatte keine Worte, wollte singen und hatte keine Gitarre, das war echt frustrierend. Naja, die Gitarre schafft mir Erleichterung und gibt mir Energie um alles in Balance zu halten und es zu verarbeiten.


Nelson B. López / Benour:


DenkZeit: Und hattest du schon einen Auftritt?

Nelson: Ja, ich hatte meinen ersten Auftritt am Brandenburger Tor, mit Nicolas Miquea, Manolo Pez und Evelyn Cornejo, wo wir dem 11. September gedachten, um an die Ungerechtigkeiten und die Verletzungen der Menschenrechte zu erinnern und um eine Stimme zu erheben gegen die Diktaturen Lateinamerikas.

DenkZeit: Während man in Chile den 11. September mit dem Putsch im Jahre 1973 verbindet, wird dieses Datum international heute öfter in Verbindung mit den Attentaten 2001 auf das World Trade Center gebracht.

Das heißt, du hast Lateinamerikaner in Berlin kennen gelernt. Wie ist das, jemanden aus deiner Heimat oder deiner Kultur in einem fremden Land zu treffen?

Nelson: Ja, viele Lateinamerikaner, vor allem Chilenen, habe ich kennen gelernt, und ich habe auch Freunde gefunden, einen beispielsweise, mit dem ich das Musik machen teile. Es ist super, und ab und zu vermisse ich es, wie ein Chilene oder ein Latino zu sprechen. Aber es wird einem auch klar, was man an seinen Landsleuten nicht mag, naja, alles ist eben auch eine Lernerfahrung für mich.

DenkZeit: Vor einigen Tagen wurde in Chile der Nationalfeiertag „Fiestas Patrias“ gefeiert. Hast du was ganz bestimmtes vermisst, aus deinem Land oder deinem Zuhause?

Nelson: Ganz ehrlich interessieren mich „Fiestas Patrias“ nicht, ich war noch nie sehr an diesem Prozess interessiert und es ist bereits das fünfte Jahr in Folge dass ich nicht in Chile bin zu diesem Datum. Es ist einfach zu exzessiv, man verliert den Fokus des angeblichen Festes, wobei das Datum nicht wirklich die Unabhängigkeit markiert, und alles endet in einem Alkoholexzess und ich fühl mich bei sowas nicht wohl.

DenkZeit: Aber es gibt sicher etwas, was du von Zuhause vermisst…

Nelson: Ja, sicher, ich vermisse unheimlich das Meer, vor allem weil ich im südamerikanischen Sommer Peru, Ekuador und Brasilien bereiste und Wellen suchte, und das war herrlich.

DenkZeit: Und nun, willst du einen Surfspot in Europa besuchen?

Nelson: ich schaue noch, wohin ich gehen könnte um eine gute rechte Welle zu surfen, ich habe an den Norden von Frankreich gedacht und auch Portugal, oder San Sebastian in Spanien. Bisher habe ich noch keinen konkreten Plan, aber es ist wahrscheinlich dass ich Oktober oder November nach Portugal, nach Lissabon fliege.

DenkZeit: Du bist schon viel durch Südamerika gereist. Was sind die Unterschiede zwischen den Reisen in Europa und den Reisen in Südamerika?

Nelson: Ich bin wirklich oft durch Südamerika gereist. Es gibt viele Unterschiede, vor allem die finanzielle Belastung ist in Lateinamerika beachtlich viel höher als in Europa. Hier kannst du für 20 Euro von Berlin nach Rom fliegen, was auf der Strecke Santiago-Lima oder Santiago-Quito undenkbar ist. Und naja, kulturell sind wir in Lateinamerika recht ähnlich untereinander, und wir sind durch die gemeinsame Sprache unheimlich verbunden. Hier bewegst du dich wenige Kilometer und alles verändert sich, Sprache, Kultur, Essen, obwohl es natürlich auch Gemeinsamkeiten gibt, welche Europa als Ganzes dominieren.

DenkZeit: Warst du vorher in Europa? Und was hast du jetzt schon kennen gelernt?

Nelson: Nein, bisher war ich nie in Europa, das ist mein erstes Mal, aber bisher bin ich schon in Deutschland gereist, natürlich, und ich war in London (GB), Rom (Italien) und Griechenland, da war ich in Mykonos und Athen. Alles hat mir wirklich gut gefallen, sie haben so viele interessante Orte, so viel Geschichte in den Straßen, und da ich immer ein Geschichts-Nerd war, schaue ich mir alles wie ein Kind an und wundere mich über die Magie der Geschichte.

DenkZeit: Ist dir irgendetwas auch negativ aufgefallen?

Nelson: Die schönen Dinge abgesehen, sind die Engländer wirklich sehr oft sehr betrunken (wie die Chilenen, oder sogar mehr) und ich mag Betrunkene einfach nicht. Andererseits ist Rom so furchtbar voll von Menschen, dass es stressig ist. Und Griechenland, da hab ich nix anzumerken, es war einfach bezaubernd, vor allem das Meer, klar waren da keine Wellen, aber das Meer ist einfach wichtig für mich, und im Meer zu sein ist sehr bedeutungsvoll.

DenkZeit: Und die Deutschen? Meinst du, dass sie sehr strukturiert sind?

Nelson: Ehrlich gesagt, für einige Dinge ja, die Bürokratie und Dinge bei der Postbank zum Beispiel, aber alles in allem – auch wenn ich weiß, dass ich nicht von Berlin auf das ganze Land schließen kann – sind sie gar nicht so furchtbar „quadratisch“, strukturiert und verschlossen.

DenkZeit: Kannst du das genauer erklären?

Nelson: Ich finde, sie sind nicht verschlossen weil sie recht offen und kultiviert sind, sie sprechen viele Sprachen, haben Lust zu helfen. Aber irgendwie sind sie schon auch extrem strukturiert was die Arbeitsmoral angeht und sie sind furchtbar direkt bezüglich ihrer Emotionen und Gedanken.

DenkZeit: Was, glaubst du, wirst du am meisten während deines Aufenthaltes in Berlin vermissen?

Nelson: Was ich bisher am meisten vermisse sind die Wellen des Pazifik. Aber ganz ehrlich kann ich das noch nicht beantworten, ich bin zu kurz hier. Die Familie vermisst man immer, aber ich erinnere mich an sie durch die Musik, bisher war das kein großes Hindernis.

DenkZeit: Und welche persönlichen Veränderungen erwartest du? Wie, glaubst du, wird dich diese Erfahrung prägen?

Nelson: Ich hoffe, mich selbst ein stückweit kennen zu lernen, und aus der so genannten Komfortzone, die ich in Chile habe, auszubrechen. Es ist in Chile schwierig zu erkennen, wenn man privilegiert lebt, man gewöhnt sich an ein „leichtes“ Leben, indem du gut bezahlt wirst, du alles hast und du vergisst wie schwer es andere haben, nur ein bisschen von dem, was du hast, zu erreichen. Darum wollte ich mich von meinen materiellen Dingen entledigen, und ich wollte bei Null anfangen, mich allem stellen: Diskrimination, nichts zu haben, die Sprache nicht zu verstehen, etc. Ich vergleiche mich keinesfalls mit einem Migranten der aus finanzieller Not auswandert, ich wanderte aus emotionaler Notwendigkeit heraus.

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Soledad Marquez

Soledad Marquez ist Deutsch-Chilenin; in Deutschland geboren, wuchs sie in Chile und Brasilien auf, studierte in Deutschland und lebt nun in ihrer Herzensheimat Chile am Meer. Sie studierte spanische, französische und portugiesische Literaturwissenschaft und liebt Bücher. Außerdem surft sie gerne und sammelt Muscheln auf Strandspaziergängen mit ihrem Mann und ihrer Tochter.
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