Die Haut ihrer Opfer ließen sich die Sieger zu Reiterhosen schneidern, das menschliche Fett schmierte die Räder ihrer Wagen. Die Rache der Revolution war so blutig, wie sie gnadenlos war, die Guillotine, die sie noch zu Anfang des Krieges in die Vendée gebracht hatten, war ihnen zu milde geworden.

Man hätte es ahnen können. Jeden 14. Juli feiert Frankreich die Erstürmung der Bastille als Heldentat im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die historische Realität war weniger glorreich, statt hunderte politischer Gefangener zu befreien, kamen vier Betrüger, zwei Geisteskranke und ein eingesperrter Aristokrat, bei dem es sich der Legende nach um den Marquis de Sade gehandelt haben soll, frei. Der Besatzung der Bastille versprach man freies Geleit, keiner der sich ergebenden Soldaten sollte das Ende des Tages erleben.

Über die Grenzen Frankreichs hinaus steht die Französische Revolution heute für einen Gründermythos der freiheitlichen Demokratie, wenn auch freilich schon einige Jahre zuvor bereits die Vereinigten Staaten von Amerika das Licht der Weltgeschichte erblickt hatten. Entsprechend unpopulär ist es, in Frankreich und bei glühenden Anhängern der Aufklärung auf die dunklen Seiten hinzuweisen, die bekanntlich noch so gut wie jede Revolution hervorgebracht hat. Zu jenen dunklen Seiten, die nach 1789 Frankreich verdunkelten, gehörte nicht nur die Terrorherrschaft der Jakobiner an sich, sondern auch der vielleicht erste moderne Genozid in der europäischen Geschichte.

„O Freiheit, welche Verbrechen geschehen in deinem Namen!“

Madam Roland

Noch heute gelten die Bewohner des unterhalb der Bretagne am Atlantik liegenden Departements Vendée, zusammen mit zwei angrenzenden Departments, in Frankreich als besonders konservativ und katholisch. Zu Zeiten, in denen man im fernen Paris König, Königin und Andersdenkende den Kopf abhackte, war es nicht viel anders. Es brauchte nur einen Zündfunken, und den lieferte die sich zunehmend radikalisierende Revolutionsregierung 1793. Die europäischen Mächte hatten sich gegen die Revolution verbündet und die wusste sich nicht anders zu behelfen, als mit der Wehrpflicht ein Massenheer aufzustellen. Die Franzosen würden schon zu den Waffen greifen und den Feind gemeinsam zurückschlagen. Und die Franzosen in der Vendée beschlossen zu den Waffen zu greifen, allerdings gegen die Republik, gegen Paris und gegen die immer mächtiger werdenden Jakobiner.

In Frankreich diskutiert man nach wie vor, ob es sich bei den bis ins Jahr 1800 andauernden Massakern um einen Genozid handelt, zumindest aber bezeichnet man dort die Geschehnisse als Guerre de Vendée, als Krieg, die deutsche Geschichtsschreibung spricht gerne verharmlosend von einem Aufstand oder Bauernaufstand. Wenn dieser Krieg, der eigentlich aus drei durch Friedensphasen unterbrochenen Kriegen bestand, denn überhaupt zur Sprache kommt.

Und zuerst sah es gut für die Konterrevolution aus, das Volk lief zu ihnen über, gar manche Frau zog sich Männerkleider an, um für König und Gott zu kämpfen. Die republikanischen Truppen waren zahlenmäßig unterlegen, im einheimischen Adel fanden sich Offiziere mit militärischer Erfahrung. Immer wieder eilte man von Sieg zu Sieg, manchmal so schnell, dass man nicht recht wusste, was der nächste Schritt sein sollte. Sollte man nach Paris marschieren und den 9-jährigen Kronprinzen befreien, für die Aufständischen bereits als Ludwig XVII ihr rechtmäßiger König? Wie sollte man die eroberten Städte halten? Sollte man sich mit den Aufständischen Chouans in der Bretagne verbünden?

Die Jakobiner in Paris nahmen ihnen die Entscheidung ab, der Nationalkonvent beschloss, die Vendée auszulöschen. Und wer den Blutdurst von Männern wie Danton, Marat oder Robespierre kannte, der wusste, die Rache der Republik würde gnadenlos sein.

„Wir müssen alle Männer vernichten, die zu den Waffen gegriffen haben und sie mit ihren Vätern, ihren Frauen, ihren Schwestern und ihren Kindern zerschlagen. Die Vendée soll nichts anderes sein als ein großer nationaler Friedhof.“

General Louis-Marie Turreau

Dass Historiker über die Frage des Genozids streiten, hat mitunter auch mit der Frage der Opferzahl zu tun. Manche sprechen von 600.000 Opfern, die der Krieg in der Vendèe gekostet haben soll. Glaubwürdiger sind allerdings eher Zahlen, die sich rund um 115.000 Opfer gruppieren, hatte das betroffene Gebiet zu jener Zeit doch nur rund 800.000 Einwohner. Letztlich dürfte die Frage, ab wie vielen Opfern man von einem Völkermord sprechen kann, aber eher etwas für die zynischeren Vertreter unter den Historikern sein. Unbestritten ist hingegen die Grausamkeit, mit denen man den Bewohnern der Vendée die Segnungen von „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ bringen wollte. Irgendwann jedoch erschien es selbst dem Wohlfahrtsausschuss der Jakobiner als unmöglich, die Ideale der Revolution bei den Bewohnern der Vendée zu verankern, folgerichtig ließ man das Volk von Soldaten vertreiben und durch „guten Sansculotten“ ersetzen. Seit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien nennen wir ein solches Vorgehen „ethnische Säuberungen“. Wie ein Fanal wirkt dagegen das Verhalten der Vendéens selbst, die immer wieder gefangene Soldaten in die Freiheit entließen, und ihnen einzig das Versprechen abnahmen, nicht wieder gegen sie zu kämpfen.

„Tötet die Frauen, weil sie die fruchtbare Scholle sind; tötet die Kinder, weil sie künftige Briganten sind; und tötet die Blauen [Anhänger der Republik], denn ihr werdet keine Zeit haben, sie von den konterrevolutionären Weißen zu unterscheiden.“

Anweisung des Wohlfahrtsausschusses

Der Krieg in der Vendée ist noch heute ein Thema, das man in Frankreich besser nicht bei einem freundlichen Abendessen ansprechen sollte. Er ist zum Symbol geworden, wenn sich Regionalisten mit Zentralisten streiten, Konservative mit Linken und Katholiken mit Laizisten. Die Verbrechen von damals sind zum Spielball der Gegensätze der Moderne geworden, sei es, indem man sie gegen die die Revolution noch immer als „Heiligen Gral“ verehrende Linke instrumentalisiert, oder indem man sie als notwendige Maßnahmen eines Staates gegen eine aufständische Region bezeichnet, um jegliche Befleckung der Revolution durch das Blut der Opfer zu vermeiden. Zweifelhaft dürfte aber sein, dass etwa der Name eines General Louis-Marie Turreau noch heute eingemeißelt am Arc de Triomphe zu finden ist, obwohl zumindest seine Taten historisch unbestritten sind. Schließlich rühmte er sich selbst der „republikanischen Taufe“ in Nantes, hinter der freilich nichts anderes stand, als das Ertränken von Männern, Frauen und Kindern im Hafen der Stadt. Nicht minder zweifelhaft aber auch der Versuch, der von den Nationalsozialisten geschaffenen Vichy-Regierung die Vendée als eigenen Gründungsmythos zu vereinnahmen.

„Es gibt keine Vendée mehr. Sie ist mit unserem Säbel der Freiheit niedergemacht worden, mitsamt Frauen und Kindern. Ich habe sie in den Sümpfen und Wäldern von Savenay begraben. Man kann mir keine Gefangenen vorwerfen. Ich habe alles ausgelöscht.“

General Francois- Joseph „Metzger der Vendée“ Westermann

Während im Rest von Frankreich noch gestritten wird, ist in der Region selbst die Erinnerung an den Kampf für Gott und König, für die Freiheit, welche die Religionsfreiheit in sich trägt, lebendig. Sei es durch Denkmäler an jenen Orten, an denen Siege errungen wurden, oder an denen ihre Helden fielen. Und auch so manche Kirchen kündet davon, die selbst für die katholische Vendée wie eine grotesk zu groß geratene Kathedrale wirken. Sie entstanden in der Zeit der Restauration, als Ersatz für die von Republikanern niedergebrannten Gotteshäuser.

Und noch heute zeigt das Wappen des Departement das mit einer Krone gekrönte Doppelherz in Blutrot, umrandet von den sich mit einem stilisierten Schloss abwechselnden Lilien der Bourbonen, die einst auf Frankreichs Thron saßen.

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