Die vielen Karrieren des Peter Lorre

Peter Lorre zählt vielleicht zu den besten Schauspielern überhaupt. Er spielte in Filmen mit, die als die besten aller Zeiten gelten. Bekannt ist er aber nur wenigen.

Eigentlich hätte Peter Lorres Karriere mit einem Drama Enden können, das viele gute Schauspieler getroffen hat. Die Rolle seines Lebens stand am Anfang seiner Karriere, und er spielte sie so gut, dass er für immer darauf festgelegt wurde. In Peter Lorres Fall wäre es ein Kinderschänder gewesen, den er in Fritz Langs Meisterwerk M – Eine Stadt jagt einen Mörder spielt. Und zwar so meisterhaft, dass allein seine Darstellung diesen Film zu vielleicht einem der besten machte, die jemals in die Kinos kamen. Die Weltgeschichte sorgte auf tragische Weise dafür, dass es anders kam und Lorre eine zweite Karriere in Hollywood bevorstand.

M endet damit, dass es ausgerechnet die Verbrechersyndikate von Berlin sind, die den Kinderschänder vor ein „Gericht“ stellen, dem sie selbst vorsitzen. Wer die Szene kennt, könnte versucht sein Regisseur Fritz Lang zuzuschreiben, er hätte die Volksgerichtshöfe der Nationalsozialisten vorhergesehen. Wie Lang verließ auch Lorre früh nach Hitlers Machtergreifung Deutschland. Lorre hatte noch einen anderen Grund, 1904 im damals noch österreich-ungarischen Rosenberg geboren, stammte er aus einer jüdischen Familie.

Seine zweite Karriere begann für Peter Lorre über Umwege, über eine Station in Paris und einer Arbeit für Alfred Hitchcock in London, hatte er Deutschland zwar bereits 1933 verlassen, wagte aber erst zwei Jahre später den Sprung nach Hollywood. Trotz seinem schauspielerischen Können war er dort zuerst wenig gefragt. Er erhielt Rollen, aber kaum eine davon war erwähnenswert und niemand hätte wohl damals vermutet, dass Peter Lorre bald in drei der vielleicht bekanntesten Hollywoodklassikern überhaupt mitspielen würde.

Der Umschwung kam mit der Rolle des Mr. Moto, in der Peter Lorre in die Rolle eines japanischen Interpol-Detektivs schlüpfte. Der Europäer Lorre spielte den Japaner Kentaro Moto so überzeugend, dass es ab 1937 insgesamt acht Filme gab. Sie dauern allesamt nur rund eine Stunde, weshalb es auch nicht überrascht, dass Mr. Moto-Filme quasi im Akkord gedreht wurden. Tatsächlich wurde der letzte Film bereits 1939 abgedreht, danach wurde Mr. Moto in den Ruhestand geschickt. In gewisser Weise hatte die Weltpolitik ein zweites Mal zugeschlagen, um Lorres Karriere eine neue Wendung zu geben. Die zunehmenden Spannungen zwischen die USA und Japan, die 1941 mit Pearl Harbour zum Eintritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg führten, ließen einen japanischen Helden in Filmen nicht mehr opportun erscheinen.

Was folgte war Peter Lorre in einer Nebenrolle in dem Film-Noir-Klassiker schlechthin, Die Spur des Falken. Ein Jahr später, 1942, spielte er erneut an der Seite von Humphrey Bogart in dem Film, der heute als Synonym für Klassiker gilt: Casablanca Und 1944 folgte seine Rolle als Doktor Einstein in Arsen und Spitzenhäubchen.

Zur gleichen Zeit engagierte sich Peter Lorre gemeinsam mit anderen Exil-Deutschen wie etwa Heinrich Mann oder Berthold Brecht im Kampf gegen Nazideutschland. Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück und drehte mit Die Verlorenen einen Film im Stile des Film Noir, der die Täterschaft der Deutschen unter den Nationalsozialisten thematisierte. Diese dritte Karriere blieb im versagt, die Deutschen wollten so kurz nach dem Krieg nichts von diesem Thema wissen. Peter Lorre kehrte enttäuscht in seine Wahlheimat zurück, spielte am Broadway und blieb seiner Geradlinigkeit im Kampf gegen totalitäre Systeme treu. In der McCarthy-Ära gehörte er zu den wenigen Stimmen, die den Kampf gegen den Kommunismus dieser Zeit als das darstellten, was er war: eine Hexenjagd.

Die Zeit am Broadway gilt heute als eine seiner glücklichsten, tatsächlich erfüllte er sich damit einen langen Traum. In Filmen trat er noch gelegentlich auf, zum Beispiel in 20.000 Meilen unter dem Meer an der Seite von Kirk Douglas. In Casino Royal der basierend auf den gleichnamigen Bond-Roman von Ian Fleming als eigentlich erster James Bond-Film zählen sollte, ehe mit Sean Connery die eigentliche Bond-Filmreihe begann, spielte er den Bösewicht. Doch diese dritte Karriere dauerte nicht lang, ein Schlaganfall machte ihr 1959 ein Ende. In der Folge geriet Lorre in Geldschwierigkeiten, was folgte waren eine ganze Reihe von B-Movies. Wobei mit Der Rabe zum Beispiel auch der ein oder andere B-Movie darunter war, der es zum Kultklassiker schaffte.

1964 starb Peter Lorre nach einem weiteren Schlaganfall in Los Angeles.


Titelbild: Peter Lorre als Mr. Moto (Screenshot)