Wer von sich behauptet ein Fußballfan zu sein, muss meist nicht näher erwähnen, dass er dabei für die männliche Variante dieser Sportart brennt. Frauenfußball gehört vielleicht die Zukunft, doch die Gegenwart sieht mitunter ernüchternd aus.

Als die deutsche Nationalmannschaft der Frauen 1989 als Europameisterinnen ihren ersten Titel holten, bekamen die Spielerinnen statt einer wie bei den Männern übliche Geldprämie jeweils ein Kaffeeservice geschenkt. Und als beim Ballon d’Or 2018 mit der Norwegerin Ada Hegerberg erstmals eine Frau ausgezeichnet wurde, forderte sie der Moderator auf, doch mal auf der Bühne zu „twerken“ – mit dem Hintern zu wackeln. Im Frauenfußball mag sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan haben, aber man kann wohl nicht leugnen, dass es noch ein verdammt langer Weg ist.

Dabei sind die Fortschritte durchaus enorm. Allein schon, weil in unzähligen offiziellen Fußballverbänden Frauen lange verboten war, sich in Vereinen zu organisieren und in eigenen Ligen zu spielen. Wenn damals ein Mädchen Fußball spielen wollte, war kurz vor der Pubertät Schluss, bis dahin konnte sie noch bei den Jungs mitkicken. Als sich die Fußball-Offiziellen schließlich doch dazu durchrangen Frauenfußball zuzulassen, führte man in Sorge um das weibliche Geschlecht einige Sonderregeln ein. Anfangs waren Spiele zum Beispiel kürzer, als die der männlichen Sportler.

Von diesen Zeiten sind wir inzwischen Gott sei dank weit entfernt. Auch in den mit grau-weißen Haaren gekrönten Köpfen der Offiziellen im Fußballsport, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, Fußball ohne Frauen – das wird nicht mehr lange gut gehen. In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich viel getan. Weltweite Topligen wie die englische Premier League, die Seria A in Italien oder die französische League 1 haben inzwischen ihr weibliches Gegenstück, in denen in den meisten Fällen – dank deren Finanzkraft – die Frauenabteilungen der Profiklubs den Ton angeben. Im Fußballland Deutschland gibt es noch eine Mischung von alt und neu. Zwar dominieren auch hier die Frauen von Proficlubs wie dem FC Bayern München, aber hier und da setzen die alten Traditionsvereine Turbine Potsdam oder der 1. FFC Frankfurt noch Ausrufezeichen. Reine Frauenfußballvereine, die die Liga groß gemacht haben, groß genug, um für die finanzstarken Vereine interessant zu werden. Was man durchaus auch als Nachteil sehen kann, weil dadurch auch einiges an Tradition verloren geht. Oder weil sich manchmal jetzt auch hier der Grundsatz durchsetzt, Geld schießt eben doch Tore. Man blicke nach Frankreich, wo die Frauen von Paris St. Germain dank des Geldes aus Arabien Seriensiegerinnen sind. Oder auch in Deutschland, wo sich die Frauen des FC Bayern München mit denen des VfL Wolfsburg, hinter dem wie bei der männlichen Abteilung der Autokonzern VW steht, alljährlich quasi allein um den Titel streiten. Es ist ein Fluch mit der Professionalisierung. Sie ist dringend nötig, aber sie ist eben nicht ohne Nebenwirkungen zu haben.

Deutschland mag den internationalen Frauenfußball lange dominiert haben, seine Vorreiterinnen aber kamen aus Skandinavien. In Sachen Frauenrechte immer schon einen Schritt weiter, begann die Geschichte des Frauenfußballs in Schweden und Norwegen erstmals Aufmerksamkeit zu wecken. Böse Zungen würden aber auch anmerken, dass dort die männliche Konkurrenz auch eher mau ist. Anders als etwa in Brasilien, das zwar zum Beispiel mit Marta noch immer eine der weltbesten Spielerinnen vorzuweisen hat, aber mitunter schon mal organisatorische Probleme hatte, überhaupt eine Nationalmannschaft zu stellen. Während in den traditionell ebenfalls starken USA, der Frauenfußball mit seiner männlichen Konkurrenz fast mithalten kann. Wobei Soccer und Amerikaner, das war bekanntlich nie wirklich die große Liebe.

Was aber fast alle Länder auf der Welt gemeinsam haben, sind unzählige kickende Mädchen auf den Bolzplätzen. Es mag noch reichlich Verbesserungsbedarf für die jetzt aktive Spielerinnengeneration geben, aber in einigen Jahren wird man diese zweifellos als den Türöffner für den Durchbruch im Frauenfußball bezeichnen können. Spielerinnen wie Ada Hegerberg, Dzsenifer Marozsán, Alexandra Popp, Marta und wie sie alle heißen mögen, sind heute die Vorbilder, die sie selbst noch nicht hatten. Selbst in Ländern wie dem Iran oder Afghanistan, lassen sich junge Frauen heute nicht mehr davon abhalten das Runde ins Eckige zu befördern. Der von Männern dominierte Fußball, hat sich still und heimlich zu einem Instrument der Emanzipation gewandelt. Und während sich Profi-Fußballer höchsten nach dem Ende ihrer Karriere trauen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, sind lesbische Spielerinnen kein Problem.

Und das Sportliche?

Gut, mag mancher Sportbegeisterte jetzt sagen, gesellschaftliche Rolle hin oder her, wie sieht es mit dem Sport Frauenfußball aus?

Bei aller Kritik über die Zurücksetzung der Frauen, kann man über eines nicht hinweg diskutieren. Die durchschnittliche Frauenfußballerin ist dem durchschnittlichen Männerfußballer rein körperlich unterlegen. Nur gelang es nach kurzer Zeit vielen Aktiven und Trainerinnen (meistens jedoch Trainern), gewissermaßen aus dieser Not eine Tugend zu machen. Frauenfußball ist ein taktisch geprägtes Spiel. Frauenfußball ist die Umsetzung des Mottos des legendären Muhamed Ali. „Tanze wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene.“

Die einzelne Spielerin beherrscht den Ball ebenso, wie sie weiß, dass Taktik nur mit der gesamten Mannschaft funktioniert. Führungsspielerinnen führen ihre in den Rückstand geratene Mannschaft zum Sieg, sie versuchen nicht um jeden Preis zur Heldin des Spiels zu werden, in dem sie selbst Ausgleich oder später gar das Siegtor erzielen. Während es etwa bei den Nationalmannschaften der Männer immer wieder mal Länderauswahlen gibt, die eher im Mittelfeld spielen, aber durch einen einzigen Spieler Titelchancen bekommen, ist der Star bei den Frauen tatsächlich die Mannschaft. Spielerisch brillante, aber menschlich narzisstische weibliche Versionen eines Ronaldos oder Ibrahimović sind weitgehend unbekannt. Die Taktikanweisung von der Bank, „Egal was ihr macht, gebt X den Ball“, dürfte so noch nicht gefallen sein.

Einem Frauenfußballspiel zuzuschauen ist mitunter, wie einem Schachspiel auf dem Rasen beizuwohnen. Der Ball wird gespielt, nicht gedroschen. Er segelt über die Grasspitzen zur Mitspielerin, die ihn auf ihren Füßen tanzen lässt, sich um die Gegnerin dreht, den Ball in die Höhe Richtung Tor fliegen lässt, wo die Stirn der Mannschaftskollegin ihn an der gegnerischen Torfrau vorbei ins Netz stößt. Wie geplant – zumindest oft. Auf dem Platz stehen 22 Frauen, die in ihrem bisherigen Leben nicht wenige Widerstände niederringen mussten, um genau dorthin zu kommen. Und die, wenn sie denn oben angekommen sind, statt Millionentransfers auszuhandeln, mit ihrem Arbeitgeber aushandeln müssen jeden Tag das Training besuchen zu können. Auf dem Rasen steht 22 Mal Leidenschaft, denn wer hier die Leidenschaft für den Fußball verliert, der hat kaum noch Gründe weiterzuspielen.

Fußball ist hier noch gelebte Leidenschaft

Zweifellos ist es auch die Leidenschaft, die Frauen dann doch oft härter spielen lässt als die Männer. Es mag unter Frauen zivilisierte zugehen, aber es ist nicht so, dass nicht das ein oder andere Foul den Einsatz des medizinischen Personals erfordern würde. Aber Frau kann hart im nehmen sein. Eine Körperberührung, die Ronaldo den sterbenden Schwan geben lässt, nimmt eine Alexandra Popp gar nicht wahr. Während ihr portugiesisches Gegenüber sich oscarreif auf dem Rasen bei mehr oder weniger eingebildeten Wehwehchen windet, zieht es eine Alexandra Popp lieber vor die Gelegenheit für einen Torschuss zu nutzen.

Die Fans am Spielfeldrand danken es ihr. Es ist eine kleine, aber treue Fangemeinschaft, die sich dort Woche für Woche versammelt. In Deutschland etwa ist die Besucherzahl bei Spielen der obersten Liga vergleichbar mit jenen von Männerspielen der vierten oder fünften Spielklasse. Doch was man an Quantität nicht hat, kann man an Qualität wettmachen. Der Besuch eines Frauenfußballspiels kann mitunter ein Event werden, oft für die ganze Familie. Den Heldinnen auf dem Platz ganz nah, ist der Fußballfan hier noch nicht zum Konsumenten für Eintrittskarten, Merchandisingprodukte und Pay-TV-Paketen degradiert. Er ist, was er tatsächlich sein möchte – der 12. Mann oder eben die 12. Frau.