Der Verein Deutsche Sprache startete im März 2019 den Aufruf „Schluss mit dem Gender-Unfug“, die Unterschriftenaktion sorgte für einiges an Diskussion.

Auch DenkZeit-Chefredakteur Thomas Matterne schrieb auf seiner privaten Webseite dazu einen Beitrag, daraus entwickelte sich über die Nachrichtenfunktion des Kurznachrichtendienstes Twitter eine Diskussion, die wir an dieser Stelle hier dokumentieren:


martin* (* Hierbei handelt es sich um ein Pseudonym, der Name des Twitterers ist der Redaktion bekannt): bzgl. deines aktuellen Artikels zur VDS-Petition gegen Gender-Unfug, ich hab ein paar Fragen (Nummerierung nicht hierarchisierend gemeint):

0) Vorweg: Ich hab vom Thema sicherlich wenig Ahnung und frage daher lieber nach, da du offenbar für deinen Artikel recherchiert hast. Meine Fragen sollen nicht verletzend oder sonst irgendwie angreifend sein, ich will tatsächlich nur verstehen.

1) arbeitest du aktuell für eine Behörde bzw. im Speziellen bei der Stadt Hannover? D.h. betreffen dich staatliche Regelungen zu Sprache?

2) Hindert dich irgendjemand oder irgendwer daran, so zu sprechen und zu schreiben, wie du es möchtest? Die Duden-Regeln waren ja erst seit 1955 für staatliche Stellen verpflichtend, bis die Regelung durch die Rechtschreibreform 1996 und den Rat für deutsche Rechtschreibung ab 2004 (?) abgelöst wurden…. Außerhalb der staatlichen Stellen kann man ja immer noch so schreiben, wie man möchte.

3) Du sprichst davon, dass in der DDR Sprache staatlich bestimmt gewesen wäre. Das stimmt sicherlich zu einem gewissen Maße, der Duden – zumindest was man darüber auf Wikipedia (jaja, ich weiß) liest – scheint aber Ost- wie West relativ konservativ das abgebildet zu haben, was in der Gesellschaft eh gesagt wurde. Dass sich Worte für staatliche Regelunge daran orientieren, wie sich der Staat ausdenkt, diese zu nennen, würde ich jetzt nicht als Eingriff in die Sprachfreiheit zählen („harzen“ ist sicherlich kein staatlicher Begriff, auch wenn er Bezug nimmt auf die entsprechenden Reformen).

4) Du schreibst: ”Weder das Gender-*, noch das Binnen-I sind eine sprachliche Entwicklung, die durch die Menschen entstanden sind, die Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache in ihrem Alltag nutzen. Sie sind das Konstrukt einer Ideologie, die durch Universitäten, weiten Teilen der Politik und vor allem einer links-grünen Elite von oben herab verpflichtend gemacht werden soll.”

Sagst du damit, dass an Universitäten, in der Politik und einer links-grünen Elite (…?) keine Sprache gesprochen wird? Bzw. Sprache außerhalb dessen Ideologiefrei sei? Und gibt es ein Gremium der Universitäten, links-grünen Elite und Politik, welches beschlossen hat, mittels Gendersternchen und Binnen-I die Sprache zu zerstören?

5) Wenn es eine Diktatur gibt, warum hat diese nicht die Petition verboten? Und wenn es uns allen freisteht, uns frei dazu zu äußern, warum ist das die Äußerung, XY sei schlecht Meinungsäußerung, und die Äußerung, die Äußerung „XY sei schlecht“ sei doof, staatliche Ideologie?

6) Siehst du einen Widerspruch zwischen deiner Äußerung, es gebe keine Institutionen, welche die deutsche Sprache alleine ändern können, und deiner Befürchtung „eine[r] den Menschen von oben herab diktierte[n] Änderung der Sprache“?

7) Falls du der Ansicht bist, dass ich …. naja… Teil dessen bin, hast du mir evtl. einen Tipp, wie ich mich davon lösen kann und besser reflektieren, wie die Welt ‚wirklich‘ ist?

matterne (Thomas Matterne, Chefredakteur DenkZeit): 1 & 2) Ich fasse die beiden Punkte mal zusammen, weil sie glaube ich auf das gleiche Thema hinausgehen. Natürlich betreffen mich Sprach- und Rechtschreibregelungen. Es mag Berufe oder Lebensentwürfe geben, in denen man darum herumkommt, groß zu kommunizieren, gerade schriftlich zu kommunizieren. Ich gehörte nicht dazu, weder als Online-/Content-Manager, noch bei meiner Arbeit für DenkZeit. Das sind beides Bereiche, in denen ich vorwiegend Texte in die Welt hinausgebe und hier bin ich durchaus auch schon mal auf das Binnen-I gestoßen. (Um es neutral und freundlich zu formulieren.)

Aber auch wenn ich glaube, dass man Rechtschreibung und gendergerechte Schreibweise nur bedingt vergleichen kann, gilt doch, dass die Einhaltung einer einheitlichen Schreibweise notwendig ist. Insofern ist doch jeder betroffen, der irgendwas zu Papier (metaphorisch gesprochen) davon betroffen, sollte sich das tatsächlich durchsetzen. Und das tut es ja auch, weil eben auch Organisationen wie Gewerkschaften (leider auch die KAB, der ich angehöre) die gendergerechte Schreibweise übernehmen, weil sie glauben, das macht man so, obwohl es ja heute faktisch der festgesetzten Rechtschreibung widerspricht.

3) „harzen“ wäre aber zum Beispiel ein Begriff, der entsteht, weil die Sprache lebendig ist. „Hartz IV“ ja auch. Das ist ja auch gar nicht das Thema. „harzen“ ist eine Bezeichnung, die ähnlich wie Jugendwörter entstanden ist, und eine weite Verbreitung gefunden hat. Und „Hartz IV“ ist eine Bezeichnung, die als vereinfachte Bezeichnung für ein Gesetzeswerk gefunden wurde. In beiden Fällen ist also etwas benannt worden, was es vorher nicht gab. Im Fall der Gendersprache soll aber etwas umbenannt werden, was sich lebendig entwickelt hat.

Und was die DDR-Sprach angeht. Ich gebe dir da in Teilen sicher Recht, etwa was den „Broiler“ betrifft, oder Begriffe, die es eben im Westen nicht gab, weil es die benannten Dinge nicht gab. Aber die Versuche den Begriff „Weihnachten“ durch „Jahresend…“ zu verdrängen, dürften mit Verlaub a) aus ideologischen Gründen von der DDR-Führung verordnet worden sein und b) in der Bevölkerung – zumindest außerhalb der Parteigenossen – wenig Verbreitung gefunden haben.

4) In Gruppen werden eigene Sprachvarianten gesprochen, das Problem beginnt, wenn eine Gruppe ihre Sprachvarianten verallgemeinert sehen möchte. Natürlich kann sich das links-grüne Milieu unterhalten wie es will, aber es kann nicht erwarten, dass alle anderen es auch tun – oder alle anderen abqualifizieren, weil sie noch so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Bei Unis ist das meiner Meinung nach ein wenig anders gelagert. Ich gehe mal davon aus, dass sich in einer Beziehung nicht viel unter Studenten geändert hat: Die Masse ist apolitisch und will studieren und das Studentenleben genießen. Wenn sie nicht gerade eine ausgeprägte bürgerliche Prägung haben, denken sie sich wahrscheinlich in der Mehrheit „was soll der Scheiß“ und setzen dann halt ihre Gender-*, weil sie befürchten, man könne es ihnen sonst negativ auslegen. Insofern spiegelt die Universität für mich eine Art Experimentierfeld wider, auf dem die lautstarke Minderheit austesten kann, wie man die eigene Ideologie auf alle ausbreiten kann.

5) Diktatur? Habe ich davon geschrieben? Nur mit Bezug auf die DDR.

6) Nein, der Duden und die beiden anderen Organisationen legen die Veränderungen ja nicht fest, sondern sie nehmen Veränderungen in der Sprache auf und machen sie sozusagen allgemeingültig. Das hat aber a) natürlich den Nachteil, dass man mit genügend Druck auf diese Organisationen trotzdem seinen Willen bekommen kann, b) können Wenige eine Sache so oft wiederholen, dass es aussieht, als seien sie viele und c) haben wir ja jetzt schon den Umstand, dass eine gegen die Rechtschreibung verstoßende Gendersprache in immer mehr Gebieten verpflichtend wird.

7) Wir sind alle Teil einer Filterblase, die die wesentlichen Punkte unserer Meinung wiederspiegelt und zurückspiegelt und dadurch verstärkt. Das schließt mich mit ein, und dich auch. Man sollte sich aber Mühe geben zumindest ab und zu den Kopf herauszustrecken und auch das andere zu sehen. Ich hoffe ich tue das, ich glaube du tust das auch. Und mag es nur sein, dass du dich mit meinen Texten auseinandersetzt.

martin: zu 3) Ich traue der DDR-Führung ja sehr viel ideologische Verblendung zu und es gab sicherlich auch Versuche, christliche Ideen zu verdrängen. Aber dass ein Wort das andere Ersetzen sollte, halte ich für fragwürdig. „Jahresend“ beschreibt halt den Zeitpunkt beispielsweise einer Bonuszahlung, ohne auf ein Fest referieren zu müssen.

zu 4) Heißt das: Gendern ja, aber die Verwaltung darf das nicht erzwingen? Das scheint ja bei Hannover zumindest ein großer Unterschied zu sein, dass sie es nicht als Empfehlung oder ähnliches rausgegeben haben, sondern als (verpflichtende) Dienstanweisung (schreibt zumindest Anatol Stefanowitsch in der Zeit). Dass sich staatliche Stellen die Sprache einer Gruppe aneignen, ist nicht so cool. Andererseits könnte man aus dem Gleichstellungsgrundsatz des Grundgesetzes argumentieren, dass man als Stadt alle Menschen ansprechen wolle. Und dass die bisherigen Formen auch einem Bedeutungswandel unterliegen – so wie niemand mehr von „Weibern“ in einer Hausarbeit schreibt – gehört denke ich an einer Uni dazu. Warum ungenauere Formen (generisches Maskulinum) verwenden, wenn ich genau sagen kann, was ich meine?

8) Mein Gesamteindruck ist bisher, dass wir von unterschiedlichen Gründen ausgehen, warum Gendersprache verwendet wird. Ich glaube, dass ein Teil der Gesellschaft es als Werkzeug verwendet, um sich auszudrücken („ich bin gender-queer und verwendet daher die Gender Gap“ … oder so) und ein Teil das auch verwendet, um bestimmte Normen zu erfüllen (staatliche Stellen, die alles „richtig“ machen wollen und daher Sprachregelungen von Kleingruppen aufgreifen und verallgemeinern). Du hältst das für ein forciertes Handeln von Gruppen. Und diese Sichtweise ist berechtigt, auch weil Teile dieser Gruppen andere darauf ansprechen, auch diese Sprechweisen zu verwenden. Ich würde argumentieren, dass sie die Angesprochenen als Teil ihrer Gruppe sehen.

Falls es Lobby dafür gab, allgemeinsprachlich Gendersternchen oder andere Schreibweisen zu verwenden, habe ich davon schlicht nichts mitbekommen.

matterne: 3) Es ist zwar tatsächlich umstritten, ob der Weihnachtsengel tatsächlich offiziell Jahresendfigur genannt wurde, aber den Versuch das Wort und damit die christlichen Ideen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen gab es so eben schon. Worte sind ein mächtiges Instrument, wenn es darum geht die eigene Ideologie zu festigen und andere Meinungen mundtot zu machen.

4) Gegenfrage: Hat man früher vielleicht nicht alle Menschen angesprochen, ehe jemand sich ausgedacht hat, das eine allgemeine Form im Maskulinum die Frauen nicht mit anspricht? Mach mal einen Versuch, sprich fünf normale Frauen an, eine Verkäuferin, Polizistin, was weiß ich, und frag sie? Das ohne Gendern eine Benachteiligung der Frau oder eines dritten Geschlechts vorhanden ist, ist pure Einbildung.

Genauso wie der „Bedeutungswandel“ von dem du sprichst nicht aus der Mitte der Bevölkerung kommt, sondern eine von der kleine Gruppe Genderisten (wie auch immer man sie nennen mag) erfundene Umformulierung der deutschen Sprache ist, die mit Verlaub vorher jetzt auch nicht gerade unkonkret war. Im Gegenteil.

Auch das Beispiel „Weiber“ greift nicht. Ja, das Wort nutzt man nicht mehr, weil es eine negative Bedeutung bekommen hat. Genauso wie niemand mehr Neger sagt. Nur wo ist der Zusammenhang mit dem Genderthema?

martin: 4) Der Zusammenhang ist, dass das Beispiel „Weiber“ zeigt, wie sich die Bedeutung von Worten ändert. Dass etwas vorher völlig richtig und normal und allgemein gemeint war, und mit der Zeit eine andere Bedeutung bekommt. Eben nicht mehr einfach nur „Frauen“ gemeint sind, sondern das einen negativen Beiklang bekommt.

Dass früher Frauen ja mitgemeint waren, damals, als Vergewaltigung in der Ehe noch erlaubt war (oder nicht existierte?) und Frauen nur mit Erlaubnis ihres Partners arbeiten durften, mag sein. Aber die Bedeutung von Worten ändert sich, so wie sich Gesetze ändern. Woher der kommt kann man durchaus diskutieren, wird aber vermutlich zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen.

Der Punkt für mich ist, warum ich einerseits das für eine nachvollziehbare Sache halte, ist, dass es eben aus einem konservativen Denken kommt. Wir haben uns mittels Grundgesetz, mittels Menschenrechten, mittels Aufklärung dazu entschieden, dass alle Menschen gleich(berechtigt) sein sollen. Das ist das, was immer gilt.

Ich glaube aber auch, und würde dir da zustimmen, dass eine städtische Verwaltung, welche ihre Mitarbeiter*innen (ja, hm) zu einer bestimmten Sprechweise verpflichtet, diesem Gedanken war zu folgen versucht, aber damit nicht das bewirkt, was sie eigentlich wollen. Eine Benachteiligung wird nicht durch Sprache aufgelöst. Es wird – vielleicht – leichter, über Benachteiligung zu reden, wenn es Worte gibt, aber …. das Unkraut wächst nicht weniger, wenn ich es anders nenne. Das zentral zu regeln, und nicht konkret sich immer wieder zu fragen, was die richtigen Worte sind, finde ich falsch. Eine Feministin aus der ehemaligen DDR wird mit Stolz sagen, sie sei bspw. Polizist, während eine Frau aus Westdeutschland im selben Beruf betonen wird, Polizistin zu sein. Sprache spiegelt wider, wie wir uns organisieren wollen – und organisieren.

Warum man eine Änderung in der Sprache mit einer …..Verschwörung (?) von „Genderisten“ erklären muss (wobei ich dir nicht unterstellen will, du würdest mit einer Verschwörung argumentieren) und nicht einfach damit, dass Akteure etwas übernehmen, was sie für nützlich halten (bspw. um sich als „modern“ oder ähnliches darzustellen), kann ich schlecht nachvollziehen. Worte verbreiten sich, weil sie Menschen nutzen. Es gibt Beispiele, wo Begriffe gesetzt werden. Klar. Aber wie dein Beispiel der Jahresendfigur zeigt, verfestigen Worte sich nicht, weil Staaten versuchen, sie durchzusetzen oder Lobbys dafür werben, sondern sie auf fruchtbaren Boden fallen. Ob „Gendersprache“ das Korn ist, welches auf Felsen fällt, oder jenes, welches auf den Boden fällt, weiß ich nicht.

matterne: Ich glaube, mit den Beispielen wie „Weiber“ oder „Jahresendzeitfigur“ diskutieren wir beide ein wenig an der Sache vorbei. Es geht ja nicht darum, dass ein Wort verschwindet, weil es eine negative Bedeutung bekommen hat, oder versucht wird ein Wort zu ersetzen, weil man die damit verbundenen Assoziationen aus der Öffentlichkeit vertreiben möchte. Was das Gendern verändern will, sind ja nur oberflächlich Worte, wie Mitarbeiter zu Mitarbeiterinnen werden zu lassen. Dahinter steckt doch letztlich eine Veränderung in der Struktur, in der Grammatik. Deshalb empfinde ich das Ganze auch als so bedrohlich, es geht um eine Umstrukturierung der Sprache an sich. Und wenn eine kleine Gruppe die Herrschaft über die Sprache von allen ausüben will, dann erzeugt das mehr als Bauchschmerzen. Mal abgesehen davon, dass ich noch immer behaupte, das hiermit vor allem ein Problem gelöst werden soll, das auch ein Großteil der Frauen so gar nicht als Problem sieht. Es ist in gewisser Weise ein In-Problem der Genderisten, das sie zu einem Out-Problem aller anderen machen. Und selbst in Sachen Gleichberechtigung gibt es nun wahrlich andere Dinge, die wir vielleicht angehen sollten. Das Frauen 20% weniger Gehalt für die gleiche Arbeit bekommen, z.B., war heute ja wieder zu lesen. Oder das ein Berufungsgericht allen Ernstes eine vorinstanzliche Entscheidung kassieren musste, in der man Vergewaltiger hat laufen lassen, weil deren Opfer nicht weiblich genug war. Gender oder Binnen-I kann man angesichts dessen doch nicht mal als Luxusproblem bezeichnen, sondern nur als Ressourcenverschwendung.

martin: Hm. a.) Sagen wir, ok, das Gender-Sternchen ist ein grammatisches Zeichen, welches darstellt, dass alle Formen von Geschlechtlichkeit hier gemeint sind. Man referiert also darauf, dass die Polizisten nicht nur Männer sein können, sondern auch Frauen, Non-binäre oder was auch immer. Ich bin mir hier unsicher, ob es nun orthografischer Natur ist oder mehr oder minder eine Interpunktion darstellt. Für beides könnte man sicherlich Argumente finden. Im einen Fall könnte man argumentieren, weil es nun Worte gibt, die genauer darstellen, was gemeint ist (nämlich Frauen sind mitgemeint) und es keine Überschneidung gibt (Polizisten, alle männlich; und Polizisten, darunter fast nur Polizistinnen). Im letzteren Fall könnte man anführen, es würde es den Leserinnen (Männer sind hier mitgemeint) erleichtern, einen Text zu verstehen. Ein Beispiel für derartige Zeichen fallen mir beispielsweise da ein, wo eine bestimmte Aussprache erzeugt werden soll, aber auch im sprachwissenschaftlichen Bereich, wo nicht-nachgewiesene Formen mit vorangestelltem Sternchen markiert werden.

b.) Mich irritiert diese Argumentationsweise, die eine soziale Veränderung unbedingt in Folge ihrer Wichtigkeit abarbeiten will. Als ob es wichtig wäre, dass wir zuerst die Gehälter angleichen und dann sprachlich Nicht-Männer sichtbar machen. Beides sind Prozesse, die begonnen werden müssen. Die Diskussion, was nun wichtiger ist, verschwendet mehr Energie und Zeit, als es die Durchführung je tun könnte. Wenn man natürlich etwas vermeiden will, ist „Wir haben ja noch andere Probleme“, zwar eine beliebte Aussage. Aber sie zeigt halt auch, dass es nicht um die Sache geht, sondern um eine akzeptable Ausrede. Dass andere Dinge als das Gendern wichtiger sind wird sicherlich jede*r dir bestätigen.

c.) Was mich irritiert, ist, dass eine verhältnismäßig kleine Gruppe – nämlich ein Verein – versucht, eine bestimmte Sprache zu erzwingen. Sollten Leute nicht reden und schreiben dürfen, wie sie das wünschen? Und dürften die viel zitierten „normalen Frauen“ sich nicht desinteressiert an allen Varianten zeigen? Zu imaginieren, eine große Masse hinter sich zu haben, ist angenehm, aber in einer Mehrheit aller Diskussionen abwegig. Weder dürfte eine relevante Bevölkerungsmasse meine Ausführungen beipflichten, noch dürfte eine große Masse hinter deinen Punkten stehen. Die Mehrheit – außer, man verzerrt durch „passende“ Fragestellungen oder ähnliches – dürfte daran völliges Desinteresse haben und je nachdem, was die größten Chancen in Ruhe gelassen zu werden andeutet, sich, sobald in eine Ecke gedrängt, äußern.

matterne: Du schreibst „… das Gender-Sternchen ist ein grammatisches Zeichen, welches darstellt, dass alle Formen von Geschlechtlichkeit hier gemeint sind“, wo ist der Unterschied zum generischen Maskulin? Ja, man kann argumentieren, dass das eine Ungenauigkeit ist, aber kann man sagen, dass sich an der Sache deshalb irgendetwas ändert.
Bei b) habe ich mich wahrscheinlich nicht konkret genug, oder sagen wir, hart genug ausgedrückt. Eigentlich bin ich natürlich der Ansicht, dass wir uns im Bezug auf das Genderthema einer Reihenfolge nach um die wichtigsten Probleme zuerst kümmern sollten. Ich würde eher sagen, wir sollten uns um die echten Problem kümmern, statt Zeit und Geld für eine Sprachumformung zu verschwenden, die eine Ideologie von oben nach unten erzwingen will, statt dem natürlichen Lauf der Sprachentwicklung die Zeit zu geben, die Sprache selbst an die gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen.

Bei c) kommen wir in eine Sackgasse. Der Verein Deutsche Sprache ist eine „verhältnismäßig kleine Gruppe“, die akademisch Gruppe, die das Thema Gender auf der Agenda hat ist aber auch eine verhältnismäßig kleine Gruppe. Es hilft uns auch nicht weiter, jene dazuzuzählen die mit der jeweiligen Ansicht offen sympathisieren. Die Petition haben rund 55.000 Menschen unterschrieben, an den Universitäten gibt es Unterstützergruppen für * und Binnen-I’s. Die breite Masse interessiert das wenig, sie ist aber betroffen, sollte sich die Schreibweise durchsetzen. Und da die breite Masse träge ist, würde ich übrigens dennoch die Theorie aufstellen – und einiges darauf wetten – dass, wenn man sie entscheiden ließe – auch mit einer neutralen Fragestellung – die Mehrheit gegen diese Veränderung votieren würde. (Was natürlich rein theoretisch ist, weil in unserer heutigen Gesellschaft eine unbeeinflusste freie Willensbildung quasi ein Ding der Unmöglichkeit ist.)

Ich möchte an dieser Stelle jetzt kein neues Fass aufmachen, aber vielleicht erklärt sich dir dadurch mein Widerstand etwas besser. Die französische Bérénice Levet schreibt zu dem Thema: „Unser Land ist den immer aggressiver werdenden identitären Forderungen zum Opfer gefallen, die daran arbeiten, es in eine Unzahl von Gemeinschaften und Individuen zu zersetzen. Die Forderung einer feminisierten Sprache ist einer dieser Ansprüche.“ Das trifft relativ gut, was ich selbst denke. Als Konservativer sehe ich durch eine Zersplitterung der Gesellschaft natürlich die Gesellschaft an sich in Gefahr. Ich sehe darin aber übrigens auch das Versagen der Linken, die damit dem Kapitalismus Tür und Tor öffnen, in dem sie den idealen Markt schaffen, der nur aus unabhängigen Individuen besteht. In der Theorie kann dann jeder für sich selbst entscheiden, die Praxis jedoch wird – man braucht nicht viel Fantasie – anders aussehen.

Ich behaupte natürlich nicht, dass das durch diese Sprachumwandlung geschaffen wird, oder dass es sich dabei um den letzten fehlenden Stein handelt, aber es ist ein gutes Stück des Weges dorthin.

martin: „Das Fass“ ist ein interessantes Thema, worüber wir gerne nochmal reden können, würde mir dazu aber nochmal gerne mehr Gedanken machen.

Zu dem Punkt, dass Gender-Sternchen keinen Unterschied zu generischem Maskulinum sei. Würde dir da – vorausgesetzt natürlich, generisches Maskulinum funktioniert wie intendiert – recht geben.

Leider verwenden wir bei generischem Maskulinum die gleiche Form, wenn nur Männer gemeint sind oder wenn Frauen dabei sind. Woher soll ich bei ‚Steinigern‘ wissen, ob auch Weibsvolk anwesend ist? Menschen zu einer genaueren Sprache zu zwingen halte ich für unsinnig (zumindest außerhalb der Wissenschaften, bei Fachliteratur erwarte ich zumindest eine Fußnote, die erklärt, ob generisches Maskulinum verwendet wird), jede*r soll sich so äußern dürfen, wie sie oder er das möchte.

Eine Petition, welche dazu dient, eine bestimmte Sprachform – weil sie eine Sprachumwandlung wäre – zu verbieten, greift aber in die Sprachentwicklung ein, oder?

matterne: Ja, natürlich ist der Versuch die Sprachumwandlung zu verhindern auch ein Eingriff. Sozusagen die Reaktion auf die Aktion, oder mit anderen Worten, beide Gruppen wollen aktiv die Sprache für die unbeteiligte Mehrheit bestimmen. Ich fürchte allerdings, wer hier gut und böse ist, ist eine Frage des Standpunktes, weil im Grunde beide Seite glauben für die gerechte Sache zu kämpfen. Allerdings – und vielleicht widerspreche ich mir jetzt ein wenig – denke ich, dass diejenigen, die eine verordnete Sprachform verhindern wollen, insofern die besseren „Wir haben recht“-Karten haben, weil sie es mit der Verhinderung einer verordneten Sprachform, der Sprache selbst überlassen, sich weiter in der unbeteiligten Masse zu entwickeln.

martin: Weder gut noch böse. Das halte ich bei der Frage auch für falsche Kategorien. Gebe dir auch recht, dass nicht eine Stadt vorschreiben sollte, wie ihre Mitarbeiter*innen zu schreiben haben (ja, hm, schwierige Position, schließlich kann man ja auch als Stadt keine Rechtschreib-Anarchie zulassen). Hatte ich weiter oben auch schonmal erwähnt. Inhaltlich hat die Petition, wenn sie darauf abzielt, zu verhindern, dass eine Sprachvariante – in Bezug auf’s Gendern – vorgeschrieben wird, recht.

Allerdings tue ich mir noch recht schwer zu sehen, wer denn die Befürworter’innen fürs Gendern sind, welche der Masse etwas aufzwingen wollen. Alle, die mir bekannt sind (also an Leuten, die das aus ideologischen oder sonstwie Gründen befürworten, dass gegendert wird), haben da eine eher moderate Position und wollen gerade nicht Menschen zwingen, so-und-so zu schreiben, sondern nur (wissenschaftlich) zeigen, dass Sprache Dinge bewirkt und auch Dinge bewirke, die wir vielleicht nicht wollen (z.B. Frauen ausblenden). Und natürlich gibt es auch die Subkulturen, die bestimmte Schreibweisen als gemeinsamen Nenner verwenden. Aber auch da würde vermutlich niemand auf die Idee kommen, dass auch ”die unbeteiligte Masse“ sich dem Anschließen soll.

Selbst Anatol Stefanowitsch äußerte sich ja unlängst in der Zeit gegen die Festlegung der Stadt Hannover.

Denkst du, dass die Petition das Ziel hat, Sprache ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen? Man könnte ihr (der Petition) auch unterstellen, dass sie ein Mittel ist, um Sprachentwicklung einzuschränken. Denn sie zeigt eben, dass eine – laute, aber immer noch – Minderheit allen, die von der ihr bevorzugten Sprachvariante abweichen, auf die Füße treten wird und sie als „totalitär“ (Stuttgarter Zeitung) und „dümmste Stadtverwaltung“ (Jouwatch) bezeichnen wird.

matterne: Natürlich sind die Kategorien „Gut“ und „Böse“ eine Zuspitzung, aber ich habe den Eindruck, dass auf beiden Seiten Vertreter sitzen, die zumindest schon in diesen Kategorien denken. Das lässt sich heute kaum noch vermeiden, oder? Das natürlich nicht alle so denken ist klar, aber diese gehören dann oft zu den nicht bestimmenden Kräften. Der klassische Nachteil an den Gemäßigten, sie neigen nicht dazu mit „Hurra!“ nach vorn zu stürmen. Die Aufmerksamkeit bekommen jene, die an vorderster Front dafür oder dagegen sind. Das reicht aber schon, um den notwendigen gesellschaftlich-moralischen Druck zu erzeugen, der z.B. auch hinter der Entscheidung in Hannover stehen dürfte. Und meine Befürchtung ist eben, dass die Schule macht, weshalb ich – gemäßigt hin oder her – in diesem Fall klar Position beziehen für sinnvoller halte.

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