Hannah schreibt, sie habe gerade „Night Will Fall“ Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen gesehen, und es habe sie große Anstrengung gekostet, dem Unfassbaren bis zum Ende zu folgen. Einmal mehr habe sie sich gefragt, wie es ihr Vater ertragen konnte, als junger amerikanischer Soldat am Eingang der Hölle zu stehen, verzweifelt unter den halb toten Überlebenden der Konzentrationslager nach bekannten Gesichtern suchend, während seine Hoffnung mit jedem Kilometer Befreiung schwand.

Peter Blum war ein deutscher Jude und gerade 22 Jahre alt, als er beginnen musste zu begreifen, dass keiner seiner Lieben dieser Hölle entkommen war.

Peter Blums Spuren führen zurück zu dem Haus, in dem ich damals wohnte, als die erste E-Mail von Hannah kam. Aus San Francisco. Das war im April 2012. Sie habe im Nachlass ihres Vaters Briefe aus den 30er Jahren gefunden, die den Absender meiner Straße und Hausnummer – Wullenweberstraße 12 in Berlin – tragen, abgeschickt von Arnold Blum, ihrem Großvater, und anderen Verwandten.

In der Anlage ein Foto, das ihre Großmutter vor eben diesem Haus zeigen könnte, das vorher hier gestanden haben musste. Offensichtlich wurde es im Krieg zerstört und ist durch eine dieser schmucklosen Bauten ersetzt worden, wie sie im Berliner Aufbauprogramm der 50er Jahre entstanden.

Hannah, Peters Tochter und Belas und Arnolds Enkelin, kann es nicht mehr genau rekonstruieren, denn ihr Vater ist vor einigen Jahren gestorben und hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen.

An dem Tag, als ich die E-Mail von Hannah erhielt, waren gerade Stolpersteine am Eingang meines Nachbarhauses verlegt worden, neun an der Zahl. Ich schrieb Hannah, wie viele es davon hier gibt, in Berlin Moabit, wo ihre Familie lebte; wo vor 1933 eine blühende jüdische Gemeinde existierte, mit Gemeindezentrum, Schule, Krankenhaus und einer Synagoge, die mit ihren 2000 Plätzen zu den größten Berlins zählte.

Ich ging los und machte Fotos, von den Stolpersteinen und vom Mahnmal an der Ecke Levetzowstraße, wo einst die Synagoge stand. Dort mussten sich die Moabiter Juden einfinden, bevor man sie durch die Straßen des Viertels trieb, in dem sie wohnten und Nachbarn hatten, die nun weg schauten und nicht wissen wollten, wohin man sie brachte.

Am anderen Ende des Bezirkes, auf dem Güterbahnhof an der Putlitzstraße, standen die Züge bereit, um sie nach Osten in den Tod zu bringen, die meisten nach Auschwitz.

Ein Jahr nach Hannahs erster E-Mail stehen wir gemeinsam vor dem riesigen eisernen Monument an der Levetzowstraße. Ich erzähle ihr von der Moabiter Bürgerinitiative „Sie waren Nachbarn“, die im Jahre 2011 begonnen hatte, das Schicksal der jüdischen Bewohner ihres Stadtteils dem Vergessen zu entreißen.

Der Himmel strahlt blau hinter den ausgestanzten Daten, Zahlen und Orten. Das macht den Moment noch unerträglicher.

Hannas Blick verweilt beim Transport Nummer 30: es ist der 26. Februar 1943, an dem ihre Großeltern Bela und Arnold Blum mit Sohn Rolf, dem damals 15jährigen Bruder ihres Vater, nach Auschwitz deportiert wurden, zusammen mit 1000 anderen Berliner Juden.

Wir gehen gemeinsam um die Ecke in die Tile-Wardenberg-Straße, zum Haus Nr. 13., nur eine Querstraße von der Wullenweber entfernt. Vermutlich hatten die Blums dorthin zwangsumziehen müssen, bevor ihre Briefe den Absender Knesebeckstraße 86 trugen, vermutlich die letzte Anschrift vor der Deportation.

Hannah erzählt mir, dass sie angefangen habe, die über 200 Briefe, die zwischen 1934 bis zur Deportation der Blums zwischen Berlin und Pennsylvania hin- und hergingen, übersetzen zu lassen. Eine mühevolle Arbeit, die alten deutschen Schriftzüge zu enträtseln. Hannah versucht ein Puzzle zusammen zu setzen, von dem sie weiß, dass die meisten Teilchen wahrscheinlich nie auffindbar sein werden.

Ihr Vater, Peter Blum, hat lange geschwiegen. Zwar ist er mit ihr, als sie noch ein Kind war, in Lübeck gewesen, wo er geboren wurde, aber mehr erfuhr sie damals nicht.

Erst als sie sich entschied, den Beruf des Konditors zu erlernen und damit nicht nur in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, sondern eine Familientradition fortzusetzen, begann er zu reden. Zaghaft, bruchstückweise, unvollständig…

„Es ist traurig, dass so vieles verloren gegangen ist, aber ich weiß, dass es schwer war für ihn, zu sprechen. Ich vermute, dass er sich schuldig fühlte, sich der Ohnmacht schämte, nichts getan haben zu können.“

Die Eltern schickten ihren Sohn Peter 1934 in die USA, nach Pennsylvania, zu entfernten Verwandten. Mit dem ersten Schiff, das jüdische Kinder aus Deutschland in Sicherheit brachte. „Er soll mit Steinen nach einem Nazi-Offizier geworfen haben, und daher entschieden meine Großeltern, dass er schnell verschwinden müsse. So hatte es mein Vater mal meiner Mutter erzählt, in einem dieser seltenen Momente, in denen er über diese Zeit sprach.“ Ob das wirklich so war, weiß Hannah nicht. Ebenso wenig, ob sich ihre Großeltern zu diesem Zeitpunkt bewusst waren, welches Ausmaß die Verbrechen der Nazis annehmen würde. Sie weiß auch nicht, ob ihnen Geld oder Gelegenheit fehlten, Deutschland zu verlassen. Die Briefe jedenfalls, die sie ihrem Sohn schickten, sind Hilferufe und werden im Laufe der Jahre immer verzweifelter. Hannah erschließt sich mit jeder neuen Übersetzung, dass die Großeltern wohl alle Hoffnung in ihren Sohn setzten, ihnen ein „Affidavit of Support“ zu besorgen, eine Art Bürgschaft, mit denen Verwandte oder Freunde die Immigration in die USA ermöglichten. Das Land zeichnete sich damals noch durch eine großzügige Flüchtlingspolitik aus, verlangte jedoch gewisse Garantien.

„Mein Vater ist doch noch ein Kind gewesen, gerade 13, als er in den Staaten ankam. Ich glaube, dass ihn diese Verantwortung völlig überfordert hat“, sagt Hannah.

Der Übersetzer, der sich der Briefe aus Berlin angenommen hat, bemerkt, dass die Schriftzüge der Großeltern immer kleiner und unsicherer werden, je näher das Grauen kommt.

Nachdem Hitlerdeutschland am 23. Oktober 1941 schließlich ein Ausreiseverbot erlassen hatte, begannen die systematischen Deportationen der Juden in die Ostgebiete.

Nun gab es auch für die Blums kein Entrinnen mehr.

Peters Großmutter Flora war die erste; sie musste sich am 25.08.1942 zum Transport 1/51, einem der sogenannten Alterstransporte nach Theresienstadt, einfinden, sie war 83. Über die Deportation von Peters Schwester Hildegard Hanna existieren widersprüchliche Angaben, aber ihr Schicksal war wohl das gleiche.

Am dritten Oktober trat Peters Schwester Hildegard Hanna den gleichen schweren Weg ins gleiche Vernichtungslager an.
Schließlich wurden Peters Eltern Bela und Arnold Blum zusammen mit dem 15jährigen Bruder Rolf nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft starben.

Peter meldete sich zur Ausbildung bei den ‚Ritchie Boys‘; so wurden die Absolventen des Military Intelligence Center der US-Army (‚Camp Ritchie‘ in Maryland) genannt, junge deutsche und österreichische Emigranten jüdischer Herkunft, ausgebildet für Spezialeinsätze in Deutschland. Sie spürten Kriegsverbrecher auf, verhörten Gefangene und Deserteure, um die US-Army und ihre Alliierten mit wichtigen Informationen zu versorgen. Auch über die Konzentrationslager und die Verbrechen, die dort von den Nazis begangen wurden. Peter Blum war bei der Befreiung einiger dieser Lager dabei.

Obwohl die ‚Ritchie Boys‘ wesentlich zum Sieg über die Nazi-Herrschaft beigetragen hatten, war lange Zeit wenig über sie bekannt. Die meisten Dokumente über ihren Einsatz lagen im US-Nationalarchiv in St. Louis, von denen 80 % bei einem Feuer 1973 verbrannten.

Erst der gleichnamige Dokumentarfilm von Christian Bauer, entstanden im Jahre 2004 in Koproduktion mit ARD-Sendeanstalten und 2005 im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt, setzte den jungen mutigen ‚Ritchie Boys‘ ein Denkmal.

„Mein Vater war 22, als er mit den ‚Ritchie Boys‘ nach Deutschland kam. Er musste nicht nur spionieren und Nazi-Offiziere verhören, sondern auch all das Entsetzliche verkraften, das er zu sehen bekam.“

Und zurückkehren mit der Gewissheit, dass niemand seiner Lieben das Grauen überlebt hatte.

Die Recherchen des Yad Vashem Remembering Center in Jerusalem bestätigten schließlich ihren Tod.

Im Oktober 2015 wurden vor dem Haus Knesebeckstraße 86 in Berlin-Mitte die Stolpersteine zum Gedenken an die Familie Blum verlegt. Ich durfte dabei sein.

Ich lernte Hannahs Familie kennen, ihren Mann, Sohn chinesischer Emigranten, ihre Kinder, die Tochter ihres Bruders. Es waren bewegende Momente.

Hannah schreibt: „Die Geschichte meines Vaters lässt mich nicht los. Ich lese jetzt „Sons and Soldiers“ von Bruce Henderson, ein Buch über die ‚Ritchie Boys‘, das 2017 herausgegeben wurde. Der Name meines Vaters erscheint im Index.

Auch wenn ich nie alle Lücken werde schließen können, weiß ich doch, wer mein Vater war und warum er nie müde geworden ist, sich für ein Miteinander und ein friedliches Zusammenleben aller Menschen einzusetzen, egal woher sie kommen und welchen Glaubens sie sind.“

Gabrielle Wojtiniak

Gabriela Wojtiniak hat zahlreiche Dokumentarfilm-Projekte in vielen Ländern dieser Welt vorbereitet, begleitet und realisiert, Grenzen überwunden und ‚Brücken gebaut', um Vertrauen möglich zu machen. Dabei musste sie immer wieder ihr Weltbild in Frage stellen und Wahrheit neu definieren. Freunden, Kollegen und vielen Menschen rund um den Erdball verdankt sie einzigartige Erfahrungen, die sie in der Überzeugung bestärken, dass uns mehr verbindet als uns trennt.
Gabrielle Wojtiniak

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