Wikipedia definiert den Transhumanismus als eine Denkrichtung, „die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sei es intellektuell, physisch oder psychisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will“. In dieser schwammigen Definition steckt eine gewaltige Bandbreite.

Eine Gruppe argumentiert, dass es Transhumanismus bereits im alten Ägypten gab, weil Ägyptologen bei Ausgrabungen auf Bein- oder Armprothesen gestoßen sind. Diese waren zwar kein Vergleich gegenüber unseren heutigen modernen Prothesen, aber der Kerngedanke war derselbe. Von damals zu heute, gehe eine direkte Linie zu den mittels Gehirn steuerbaren Armprothesen bis zu den Cochlea-Implantaten, die Menschen zumindest Teile ihres Gehörs wiedergeben. Was diese Gruppe von den anderen unterscheidet, ist im Wesentlichen der Punkt, dass sie etwas ersetzen, ein Körperteil, oder etwas wiederherstellen, die Fähigkeit zu hören, wollen. Es handelt sich also weniger um eine Verbesserung, als um eine Wiederherstellung.

Eine andere Gruppe möchte den Menschen sozusagen ein Update verpassen. Technik soll etwa das Gehirn optimieren, um mehr Wissen zu speichern, Sprachen nicht mehr lernen zu müssen, sondern einfach hochladen zu können. Sogenannte Exoskelette, eine Art Roboteranzug, sollen Menschen Kräfte verleihen, die sonst eher die Superhelden aus den Comics ihr Eigen nennen.

Und dann gibt es natürlich noch die Visionäre. Wie Autor und Forscher Ray Kurzweil, der mit seinem von Google finanzierten Institut wesentlich weiter geht. Sein Verständnis des Transhumanismus ist tatsächlich in einer Überwindung des heutigen Menschen zu sehen, in dem er ihn sprichwörtlich unsterblich machen möchte. Da der menschliche Körper aber ein Verfallsdatum hat, möchte er sozusagen den menschlichen Geist – oder was er dafürhalten mag – digitalisieren und in die Cloud hochladen. Noch ist es allerdings nicht so weit, und wer die ganzen Server in Schuss hält, sobald alle Menschen hochgeladen sind, darüber hat Kurzweil sich wahrscheinlich auch noch keine Gedanken gemacht.

In den Ohren der meisten Menschen mag das alles nach Science-Fiction klingen, aber eigentlich handelt es sich dabei nur um Träume, die so alt wie der Mensch an sich sind. Die Erschaffung eines neuen Menschen, die Überwindung des Todes – all das ist nicht neu.

Als die Menschen in der Mehrheit noch an Gott glaubten, entstand die Legende des Golem. Ein aus Lehm gebildetes menschenähnliches Wesen, das von einem Menschen mittels Buchstabenmystik zum Leben erweckt wurde. Die Art und Weise, wie der Golem zum Leben erweckt wurde, spiegelt den Glauben der Menschen wider, wie sie selbst geschaffen wurden. Einem Glauben, dem die Aufklärung ein Ende setzen wollte. Die Wissenschaften kamen auf, Obduktionen von Leichen mussten nicht mehr heimlich durchgeführt werden, sondern das Funktionieren des menschlichen Körpers konnte offen in den Universitäten erkundet werden. Der Schluss, zu dem man kam, war erwartungsgemäß möglichst weit weg von der alten Schöpfungsgeschichte. Der Mensch wurde zu einer funktionierenden Maschine degradiert. Eine Maschine, die irgendwann den Dienst versagte und verschrottet werden musste. Oder?

Parallel entdeckten Forscher zu jener Zeit die Elektrizität. Bei Versuchen stellten sie fest, dass etwa tote Frösche oder Fische wie durch ein Wunder wieder zum Leben erweckt wurden, legte man elektrische Spannung an sie an. War also auch die Maschine Mensch wieder in Gang zu bringen?

Mary W. Shelley setzte diesem Irrglauben ein anklagendes Denkmal. In ihrer Erzählung schweigt sie sich im Wesentlichen über den eigentlichen Schöpfungsakt der von Victor Frankenstein erschaffenen Kreatur mehr oder weniger aus, den Faktor Elektrizität allerdings vergisst sie nicht zu erwähnen.

In der heutigen Science-Fiction Literatur hat Mary W. Shelley viele Nachahmer gefunden. Nach einer kurzen Phase des Optimismus in den 1960ern und 1970ern begann sich die warnende Denkweise von Autoren wie Philip K. Dick durchzusetzen. Eine Entwicklung, die bis heute anhält. Gleichgültig ob der Mensch durch eine Art Maschinenwesen ersetzt wird, oder durch Genmanipulationen verändert, so sehr uns die Wissenschaft dafür auch begeistern mag, die Literatur und mit ihr wahrscheinlich auch das Gros der Menschen, sieht die Entwicklung zum neuen Menschen hin mindestens skeptisch, in der Regel mit einem leichten Schauer oder schlichter Furcht.

Ich teile diese Skepsis. Ich sehe aber auch, dass die Beschäftigung mit dem neuen Menschen, mit Themen wie den Transhumanismus oder der Digitalisierung, zuerst einmal aber Fragen aufwerfen, die den Homo sapiens sapiens an sich betreffen. Denn wer sich die Frage stellt, was noch menschlich an einem in die Cloud hochgeladenen Gehirn ist, muss für sich erst einmal beantworten, was wir unter dem Begriff „menschlich“ verstehen. Ray Kurzweil oder all die modernen Frankensteins in der Gentechnik wollen etwas überwinden, was so richtig noch niemand verstanden hat. Den Menschen an sich. Den Menschen verstehen, das wäre doch einmal eine Herausforderung. Und sollten wir das einst geschafft haben, dann können wir entscheiden, ob es einen neuen Menschen braucht oder auch nicht.

In diesem Sinne
Thomas Matterne

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
Thomas Matterne