Als bei unserer letzten Redaktionskonferenz die Frage gestellt wurde, wer das Editorial zum Thema Familie für die 3. Ausgabe von DenkZeit schreiben wird, musste ich erstmal aufzucken und ja, auch nicht lange darüber nachdenken, das es mir ein ambivalenter Herzenswunsch ist, das Thema Familie aus der Sicht des Menschen, der ich einmal bin, und nicht des Herausgebers von DenkZeit, unseren Lesern vorzustellen.


DenkZeit Podcast


Aufzucken musste ich, weil Familie mich in meinem eigenen Leben aus vielen Perspektiven heraus betroffen, bewegt, geschmerzt, gedemütigt und nur wenig echtes Glück mit auf den Weg gegeben hat. Ambivalent, weil daraus eine Attitüde gegenüber Familie entstanden ist, die bei mir bis heute Zweifel hervorruft. Und da ich mit dem Thema Familie so meine Probleme habe, entstand der Herzenswunsch mich zu äußern, denn es ist mir wichtig im Alter Erkenntnis in der Frage zu erlangen, warum alle guten Vorsätze so oft im Leben daneben gehen, ganz entgegen dem Bestreben schlimmes zu vermeiden und dem guten den Vorrang zu lassen.

Sicherlich bin ich nicht der am besten geeignetsten Autor für dieses Thema, aber genau deswegen oder gerade darum habe ich mir besondere Mühe gegeben, meine Sicht aus einer anderen Perspektive hier darzustellen.

Ich weiß nicht ob es Ihnen – liebe Leserin, lieber Leser – aufgefallen ist, dass Familie als Thema fast ausnahmslos von allen Medien, auf der ganzen Welt, egal welcher Orientierung sie sind, romantisiert wird. Da wird nur vom guten und schönen geredet, die Familie als Vorbild dargestellt und alles damit zusammenhängende romantisch beleuchtet, als ein absolutes „Ideal“, so als gäbe es in Familien kaum Streit und böses Geschehen. Ganz zu schweigen von echten Grausamkeiten.

Nicht nur in den lateinamerikanischen Ländern, nein, auch bei den Angelsachsen wird die notwendige fundamentale Grundeinheit der Familie idealisiert, vor dem Zerfall gewarnt, Friede, Glück und Zusammenhalt gepredigt, den edlen Fähigkeiten und dem Wohl und dem absoluten Hochgefühl, das man am ehesten in der Familie findet.

In meinen Augen ist das ein absoluter Realitätsverlust jenseits der Wirklichkeit im Alltag. Tatsächlich glückliche Familiengemeinschaften sind sehr selten. Und weil wir uns alle nach einem trauten Heim – Glück allein, so sehr sehnen, bekommen wir auch nichts anderes von den Medien aufgetischt. Das tägliche Leben beschert uns weit weniger glückliches familiäres Zusammenleben, als wir es uns wünschen.

In dieser Ausgabe haben wir unsere Autoren aus aller Welt gebeten, ihre Sichtweise und ihre Erfahrungen gegenüber dem Thema Familie darzustellen. Dabei hat sich gezeigt, dass Familie ein diverses Thema an sich ist. Während wir lesen, spüren wir zwischen den Zeilen Emotionen, Erkenntnisse, Schmerz, Schmutz, Trotz und Reue, Nachsicht und Wut, alles was uns das Leben mit der Familie täglich beschert. Aber vor allem auch Liebe, um die es letztendlich geht, die aber auch oft verfehlt und verwässert wahrgenommen wird. Keiner unserer Autoren hat die Familie romantisiert, so wie ich es hier zuvor geschildert habe.

Während ich trotz alle dem immer noch der Meinung bin, dass eine starke Familie, die ideale Ausgangsbasis ist für junge Menschen gewappnet und gestärkt den Enttäuschungen dieser Welt entgegenzutreten, gebe ich zu bedenken, dass es meist mehr ein Glück der Vorsehung ist, in so eine Familie hineingeboren zu werden.

PS: Unsere Beiträge beschäftigen sich auf ihre eigene Weise mit dem Thema Familie, aber vielleicht sehen Sie die Sache ja ganz anders. Teilen Sie uns das doch einfach mit. Seit einigen Tagen haben wir auf Wunsch unserer Leserschaft DenkZeit mit einer Kommentarfunktion ausgestattet. Wir freuen uns auch auf Ihre Meinung.

Kommentare

Moijn, Arthur! Um Deiner möglichen Frage vorzugreifen, ich konnte den familiären Podcast sauber und klar empfangen und Deiner Stimme lauschen.
Herzlich willkommen in 2019

Lieber Arthur,
müsste ich einen Artikel zum Thema Familie schreiben, würde ich mehr als nur aufzucken. Ich habe aktuell und in den letzten Jahren Geschichten und Geständnisse gehört, die mich entsetzt und traurig gemacht haben. Meine eigenen Erfahrungen und Geschichten haben andere Menschen entsetzt und traurig gemacht. Die allergrößten Grausamkeiten passieren in der Familie. Folgen hier: Viele Jahre Therapie, Kliniken, Medikamente, Süchte, körperliche Krankheiten. Die Familie die man sich irgendwann selbst aussucht, die Verständnis und Liebe gibt, das ist die, die ich als wahre Familie bezeichnen würde. Die Familie, in die man hineingeboren wird, kann man nur überleben. Glücklich, soll es geben, oder mit Narben gezeichnet, die man für den Rest des Lebens lernen muss zu akzeptieren.
Viele Grüße!

Liebe Silvia, vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast genau den Punkt getroffen, den ich ansprechen wollte. Nicht alles ist negativ an der Familie, aber dass, was hinter verschlossenen Tür leider immer noch zu oft passiert, muss angesprochen werden und darf nicht weiter unter den Tisch gekehrt werden. Viel Glück für dein jetziges Leben und sei gut beschützt.

Liebe Silvia,

Vielen Dank für deinen aufrichtigen Kommentar an mich. Wir wissen um die fürchterliche Dunkelziffer von schrecklichen Misshandlungen in manchen Familien im Lande. Und auch das es meistens unter den Tisch gekehrt wird. In unserer Februarausgabe gehen wir das Thema direkt an. Wir lassen eine Frau sprechen, die bis heute (Sie ist 58 Jahre alt), darunter leidet und auf ärztliche Hilfe angewiesen ist. Wenn jemand den eigenen Vater nur als „Teufel“ bezeichnet, dann spricht das Bände. Schau rein im Februar http://www.denkzeit.net bitte.

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