Wege, sie sind ähnlich wie Brücken und dennoch sind sie anders. Manchmal stellt ein Weg eine direkte Verbindung her, aber oft verläuft sich ein Weg auch einfach nur ins Leere.

Das ist bei Brücken eigentlich nie der Fall. Brücken sind überschaubar, sie sind zuverlässige Verbindungspunkte von A nach B, ihnen kann man vertrauen, zumindest so lange, wie sie nicht alt und brüchig geworden sind. Wege hingegen erweisen sich oft als undurchsichtige Anschlussstellen. Wenn man sich erstmal darauf begeben hat, kann es sein, dass sie sehr lang, unübersichtlich, gar gefährlich werden. Das macht es so schwer sich auf den Weg zu machen, weil man nicht immer weiß, wo er hinführt und wie er sich am Ende auf das Dasein auswirken wird.

Lebenswege bleiben unvorhersehbar. Sie orientieren sich an schicksalhaften Umständen des Individuums und entwickeln dabei ihre eigene Dynamik. In Konklusion liegen wir richtig, wenn wir sagen dass jeder Mensch seinen persönlichen Lebensweg geht. Selbst wenn jemand in einer Gemeinschaft lebt, wird er am Ende dennoch seinen Weg selbst und möglicherweise sogar ohne die Hilfe von außen meistern müssen. Wer das Leben im Alltag aufmerksam betrachtet, kann nur schwer zu einem anderen Schluss kommen. Somit ist es richtig zu behaupten, dass niemand dem ihm vorgeschriebenen Lebensweg entkommt, egal ob er es weiß oder nicht. Es ist wie ein Gen, das bei der Geburt mit in die Wiege gelegt wurde und das erst dann verschwindet, wenn der Mensch seinen Odem aushaucht. Wege können verschlungen sein. Wie sich Wege auf das Leben unserer Autoren aus aller Welt ausgewirkt haben und weiterhin auswirken, erfahren Sie in dieser Ausgabe von DenkZeit. Und darauf dürfen Sie sehr gespannt sein.

Um mit einem Beispiel voranzugehen, will ich es wagen, ihnen liebe Leserinnen und Leser, zwei Lebenswege zu schildern, an denen ich persönlich, zu einer Zeit als ich noch jung war, Anteil genommen habe. Es zeigt, wie steinig Wege werden können, aber auch wie mächtig und einflussreich sich ein Lebensweg entwickeln kann. Das zu beurteilen liegt mir fern. Ich will einfach nur erzählen, um zu zeigen wie krass das Leben manchmal spielt.

Meine zwei besten Freunde aus meiner Kindheit – wir haben uns die drei Musketiere genannt – leben heute in völlig verschiedenen Welten und wir drei haben auf Grund unserer unterschiedlichen Wege im Leben leider keinen Kontakt mehr zueinander.

Hubert, Bernd und Arthur haben miteinander Fußball gespielt, sind auf Ruinen geklettert, haben Kirschen direkt vom Baum des Nachbarn geklaut und den ersten Kuss im Leben von ein und demselben Mädchen ergattert. Wir haben die Schule miteinander geschwänzt, auf der Kirmes den Achterbahnkassierer zur Weißglut getrieben, ihn seinem Karussellgeld hinterherlaufen Lassen und in der Straßenbahn sind wir schwarz nach Hause gefahren. Wir nannten uns die 3 Musketiere und niemand im Viertel konnte uns etwas anhaben. Unsere Mütter waren befreundet und während sie am Nachmittag beim Kaffeeklatsch saßen, haben wir draußen im Hof den Tank vom Bayers Sepp seiner nagelneue BMW 600 Maschine mit weißem Zucker vollgestopft. Wer das war, hat der Bayers Sepp bis zu seinem Tod nie erfahren.

Es ergab sich, dass eines Tages unsere Mütter von einer berühmten Wahrsagerin gehört haben. Ich erinnere mich gut, sie hieß Rothgeb. Frau Rothgeb war schon lange in aller Munde. Die Zeitung hatte über sie berichtet, wie sie bei einem Mordfall die Polizei auf die Spur des Täters brachte und auch sonst wurden Frau Rothgeb absolut zuverlässige Voraussagungen nachgesagt. Also gingen unsere Mütter gemeinsam dorthin. Man muss jetzt dazusagen, dass keine unserer Familien reich war. So gesehen stammte ich aus der finanziell stabilsten Familie in unserem Freundeskreis. Mein Vater war der Cheffahrer des Oberbaudirektors des Freistaates Bayern in Würzburg. Er hatte einen sicheren Arbeitsplatz und eines Tages auch eine sichere Rente. Huberts Vater war Straßenkehrer. Ehrbar aber arm. Und Bernds Vater arbeitete manchmal und manchmal musste er krank zu Hause bleiben. Der Krieg und der daraus entstandene Kummer machten seiner Seele und seinem Körper zu schaffen. Bernds Mutter putzte ihr halbes Leben lang in Gaststätten. Eine gute und rechtschaffene Frau, die alles tat für ihre fünf Kinder. Huberts Mutter stammte von einem Bauernhof und sie war fleißig und ebenso arm. Wenn die drei Frauen sich beim Kaffeeklatsch trafen, dann fast immer bei uns zu Hause. Den Kaffee kaufte meistens meine Mutter.

Kurz und gut, die drei Mütter gingen gemeinsam zur Frau Rothgeb, um sich ihre Zukunft voraussagen zu lassen und siehe da, der Kaffeeklatsch in der darauffolgenden Woche drehte sich nur um ein einziges Thema, nämlich was die Frau Rothgeb jeder Einzelnen unserer Mütter prophezeit hatte.

Meiner Mutter wurde gesagt, dass sie eines Tages Witwe sein werde. Das war kein großes Ding, denn die Wahrscheinlichkeit dazu war groß. Wo ich meine Ohren auftat, war als die Frauen über uns Jungs und über unsere Zukunft sprachen. Alles frisch a la „Rothgeb“. Ich sollte einmal ein großer berühmter Schriftsteller werden und ins Ausland gehen. Das mit dem Ausland war richtig, das mit dem großen Schriftsteller stimmte nicht so ganz. Hubert würde mal ein Busfahrer, Vater von sechs Kinder werden. Und dann hatte Huberts Mutter noch ganz leise etwas dahingewispert. Das war aufregend! Hubert würde nach Amerika gehen und dort ins Gefängnis kommen. Und Bernd, würde ein reicher Kaufmann sagte Bernds Mutter. Ich sehe sie noch heute vor mir wie sie lacht und abwinkt und sagt: „Hör mir auf mit der Rothgeb. Ich muss putzen bis ich umfalle “.

Erinnern Sie sich, wir reden von Wege, Lebenswege.

Als ich Hubert das letzte Mal gesehen habe, war er fünfzig. Ich war ihm auf der Straße begegnet. Er war schneeweiß im Gesicht und hatte keine Zähne mehr im Mund. Ich habe ihn gegrüßt und wollte mit ihm reden. Er lief an mir vorbei wie ein fahler Strich und ich hatte den Eindruck, dass er keinen Lebenswillen mehr in sich trug. Später erfuhr ich das er in den USA zehn Jahre lang im Gefängnis saß. Man hat ihn nach Deutschland deportiert und dort war er ein Pflegefall geworden.

Bernd hingegen ist heute einer der hundert reichsten Menschen in Deutschland. Allem Anschein nach hat er einen starken Lebensweg eingeschlagen, von dem ich sehr wenig weiß. Aber die Firma, die er gegründet hat ist so bekannt, man muss nicht viel über ihren Gründer wissen, um annehmen zu können, dass das FORBES Magazin richtig liegt, wenn es die Summe seines Milliardenschweren persönlichen Vermögens in die Öffentlichkeit hinausposaunt.

Mein Lebensweg als dritter im Bunde, war auch nicht von schlechten Eltern. Aber als Herausgeber von DenkZeit nehme ich mir die Freiheit, mir das aufzuheben für die Zukunft, damit ich Ihnen noch eine Zeit lang viele schöne Geschichten aus dem Leben erzählen kann.

Wege, Sie sehen, wie die sich unterscheiden. Lesen Sie bitte jetzt was wir sonst noch darüber veröffentlicht haben. Viel Spaß.

Arthur Pahl

Arthur Pahl wurde in Gladbeck/Westfalen geboren und wuchs in Würzburg auf. Nach einer Ausbildung im Hotelfach, absolvierte er ein Praktikum in der Schweizer Nobelgastronomie, arbeitete als Steward auf einem Ozeandampfer, lebte in den USA, Kolumbien, Kanada und Brasilien, war abwechselnd Reisbauer, Smaragdhändler, Taxifahrer, Grabsteinverkäufer und Börsenmakler, bevor es ihm gelang in Deutschland einen halbwegs sicheren Hafen anzusteuern, von dem aus er seither als Reiseleiter für internationale Reisegruppengruppen tätig ist. Arthurs Lebensmotto ist: „Schreiben ist Leben – lesen ist Leben verstehen.
Arthur Pahl

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