Ein blutiger Esel kämpft um Frankreichs Kultur

Auch in Frankreich sind Kinos und Theater wegen Covid-19 geschlossen. Doch Frankreichs Intellektuelle sind kämpferisch.

Die Coronapandemie und die staatlichen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung ringen dem Menschen in der ganzen Welt einiges ab. Die Lockdownmaßnahmen führen zu einer extremen, bisher nicht gekannten Kontaktreduktion, wegen der Soziologen und Psychologen von einem riesigen Experiment mit bisher unbekanntem Ergebnis sprechen. Das soziale Wesen Mensch muss im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus zum unsozialen Wesen degenerieren.

Nein, Kultur findet nicht statt!

Und auch die Kultur degeneriert, sie finden nicht mehr statt. Ja, ja, ich höre jetzt die Einwände. Da sind doch zig Künstler, die ihre Kunst jetzt über Zoom & Co. verbreiten. Chöre, die sich digital zuschalten, um zusammen zu singen. Das mag alles sein, aber es ist nicht die Kultur, die eine Gesellschaft ausmacht. Es sind kleine schnell wieder erloschene Strohfeuer, an denen sich zudem nur eine kleine Elite erfreuen kann. Das wir solche kümmerlichen Reste überhaupt wahrnehmen liegt wohl einzig daran, dass es auch jene Elite ist, die am lautesten auf sich aufmerksam macht, während die breite Masse abgeschnitten von ihrem bisherigen kulturellen Leben entweder ganz im Home Office vereinsamt, oder nicht mehr hat, als den täglichen Weg zur Arbeit und wieder zurück. Das ist nicht die Kultur, die gemeint ist, wenn wir zu ihren Anfängen der Höhlenmalereien zurückkehren. Schon sie waren nicht für wenige, sie waren für alle da.

Nach über einem Jahr Corona hat selbst die Politik verstanden, dass der Mensch ohne Kultur kein Mensch mehr ist. Die Lockerungen der letzten Wochen haben zumindest Museen und Galerien wieder geöffnet, zumindest bei einer Inzidenz, dem neuen Fetisch unserer Zeit, unter 100.

Auch regt sich hier und da immer wieder ein wenig Widerstand, doch die echten Protestaktionen überlässt man in Deutschland weiterhin Querdenkern. In Frankreich, dass mit einem Volk versehen ist, das traditionell dem Widerstand enger verwoben ist als die Deutschen, ist das anders. Dort sind etwa in neun Großstädten inzwischen Kinos und Theater aus Protest gegen deren Schließung besetzt. Und auch hier speist sich die Wut der Menschen auf der Suche nach ihrer Kultur, aus dem Kampf gegen einen neokapitalistischen Geist, der eher den Konsum ermöglicht als die Kultur. Während die Kinos geschlossen sind, darf man, nein, muss man, Shoppen gehen. Wie in einem Brennglas zeigt sich, dass es doch etwas gibt, was stärker ist als die Angst vor dem Coronavirus, die Angst dem Gott Mammon nicht mehr angemessen zu huldigen. Das uns die Bildung, gerade die frühkindliche Bildung, wichtiger ist, ist ja auch nichts anderes als ein Trugschluss. Schulen und Kindergärten werden nicht offengehalten, weil uns das Wohl der Kinder am Herzen liegt, die noch weit mehr leiden als die Kultur, sondern damit die Eltern weiter ihren täglichen Frondienst für den Gott Mammon leisten können.

Keine Kultur – Keine Zukunft

Doch zurück nach Frankreich, wo der Widerstand, der Kampf für die Kultur an diesem Freitag eine weitere, hierzulande untergehende, weil kaum vermeldete Aktion gebar. Bei der Verleihung des César trat die Schauspielerin Corinne Masiero zuerst in einem blutigen Eselskostüm auf, das sie ablegte und zwei auf ihren nackten Körper geschriebene Botschaften präsentierte. „Keine Kultur – Keine Zukunft!“ und „Gib uns die Kunst zurück, Jean!“ Gemeint war Premierminister Jean Castex, dem Masiero passend zurief, „jetzt sind wir nackt“!

Der Sieger des Abends war übrigens der Film „Adieu les cons“, auch das könnte man als eine Botschaft verstehen. „Auf Wiedersehen, ihr Idioten“.