Die dörfliche Welt verändert sich und verschwindet in ganz Europa. Darüber schrieb der Niederländer Geert Mak eindringlich. Langsam verschwindet diese Welt. Von Generation zu Generation verändern sich Arbeit und Gebräuche.

In manchen Dörfern leben nur noch wenige Familien, alte Menschen. Niemand mehr zu Hause. Alle weggegangen. Voller Hoffnung auf Arbeit. Anderswo. Im Herzen den Verlust der Heimat. Die Fluchten finden zuerst innerhalb der Regionen und Länder statt. Erst dann richtet sich der Blick über die Landesgrenzen. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung verlangt nach Geld, viel Geld und Mehrwert, um zu überleben. Heimat wird verwertet als Sehnsucht. Oder gerät zur nationalistischen Phrase. Ernst genommen wird Heimat von der Politik selten. Weder in der Stadt noch auf dem Land.

Wie die Dörfer verschwinden, was bewahrt werden kann, wie die Luft duftet, was bleibt, ob noch der letzte Baum mit Mostbirnen gefällt wird, ob die Kirchturmspitze wieder in der Sonne glänzen kann wie früher, was die Menschen verbindet, was sie fühlen und worauf sie stolz sind – diese Geschichten sind überall unterschiedlich. Auch die Nöte. Und die Versuche, die Dörfer zu retten. Für eine Zukunft.

Die Verletzungen sind seit Generationen groß. Immer gilt das, was die da oben und was die Stadtmenschen sagen. Aus Dörfern werden Baugebiete (vielleicht), im besten Fall Naherholungszonen oder sie sind lästig: ein Bus, Fahrdienste, Gemeindezentrum, eine Umgehungsstraße kosten. Der Kindergarten: Kosten. Die Grundschule: Lohnt nicht mehr. Neues Gewerbe siedelt sich nicht an. Und wenn, wird der Firma das Dorf zum Fraß vorgeworfen, weil nur nach den Gewerbesteuern geschielt wird.

Ein Dorf ist ein Dorf ist ein Dorf. Le Pouget in Frankreich, in der Region Okzitanien; Hiddingsel in Deutschland, im Münsterland; und Ee bei Dokkum in den Niederlanden. Sie haben alle ungefähr die gleiche Einwohnerzahl. Der Ausgangspunkt in den guten Zeiten war bei allen gleich. Aber nur ein Dorf hat eine neue Balance gefunden.

In Hiddingsel gab es in den guten alten Zeiten, nehmen wir die 50er Jahre: eine Post, eine Tankstelle, zwei Werkstätten, sieben Kneipen für Trinkschnaps, vier Restaurants, Kneipen mit Bier und Essen, eine Seilerei, einen Laden für Pferdegeschirr, eine Metzgerei mit Schlachtung, eine bekannte Kornbrennerei mit viel Landbesitz und Stallungen voller Rinder. Mehrere kleine Brennereien. Ein Bekleidungsgeschäft, eine Bäckerei. Mehrere Läden hatten ihr Auskommen. Zwei Malerbetriebe. Zahlreiche Handwerksbetriebe. Einen Priester, vier Nonnen. Ein Pfarrhaus. Eine Schule. Das Leben der Bauernfamilien. Das Dorf wurde inzwischen eingemeindet, hat also keinen eigenen Bürgermeister mehr. Von den Kneipen blieb eine Einzige. Eine Bäckerei mit kleinem Angebot hat überlebt und ein Dorfladen. Eine Werkstatt mit Tankstelle. Eine Lackiererei. Die rückläufige Einwohnerzahl konnte bei sechzehnhundert gestoppt werden, durch Neubaugebiete. So wurde auch die Schließung der Grundschule verhindert. Das Pfarrhaus ist vermietet, einen eigenen Priester gibt es nicht. Die vielen täglichen Gottesdienste auch nicht mehr. Sehr wenigen der alten Handwerksbetriebe ist es gelungen in die neue Zeit zu kommen und sich zu entwickeln, sodass sie bestehen können. Ein Klavierhaus hat sich angesiedelt und ein Anbieter für Reisemobile. Der Versuch aus dem alten Prachtbau der pleitegegangenen Brennerei ein Hotel auf Dauer zu halten, endete in einer großen Betrügerei und einem Gerichtsverfahren. Ein Altenheim gibt es. Eine Ärztin. Die Einwohner leben und arbeiten nicht mehr im Dorf, sie pendeln nach Münster und ins Umland. Es gibt Einheimische und Zugezogene. Der Lebensmittelpunkt ist für viele nicht mehr das Dorf. Für die meisten Dinge muss in die Stadt gefahren werden. Noch gibt es eine Balance zwischen der Geschichte, einigen Traditionen und Erinnerungen und dem modernen Leben.

Im niederländischen Fryslân liegt das Dorf Ee mit seiner historischen Skyline, die staatlicherseits beschützt und beworben wird. Immerhin, auch sonst gibt es Bemühungen wie Straßenbau, neue Kantensteine, neue Lampen, aber das Dorf hat keine Infrastruktur mehr, außer den eigenen guten Willen das Beste aus der rapide abnehmenden Einwohnerzahl zu machen. Als ich das Dorf vor fünfzig Jahren kennenlernte und ein altes verfallenes Knechtshaus für sechstausend Gulden kaufte, wussten sich viele der Dörfer nicht mehr anders zu retten, als Darlehen zu geben, damit die leerstehenden Häuser gekauft wurden. In den siebziger Jahren ging es mit der althergebrachten Bauernwirtschaft rapide bergab. Neben mir lebten ein Kleinbauer und seine Frau mit sieben Kühen, wenig Land, ohne Gas. Ein einziger Wasseranschluss im Vorraum. Ölradiatoren zum Heizen. Aber im Vergleich zu heute gab es noch eine Vielfalt an Leben und Geschäften im Dorf. Bäcker, Schuster, Malergeschäft. Ein Friseur, der auch Rum verkaufte. Einen evangelischen und einen katholischen kleinen Supermarkt. Einen evangelischen und katholischen Schlachter. Ein Restaurant. Eine Schule. Tulpen wurden angebaut. An jeder Ecke wurden selbst gemachter Bauernkäse und Gemüse verkauft. Eine Tankstelle mit Werkstatt lief. Mehrere Bootswerften hatten ihr Auskommen. Es war ein kleines Paradies, bescheiden, dessen Ende abzusehen war, da konnte auch Gott nichts mehr ausrichten. In Ee leben noch siebenhundert Einwohner, die Talfahrt konnte nicht gestoppt werden. Ein Geschäft nach dem anderen schloss. Der katholische Laden, der katholische Schlachter. Es blieb der protestantische Laden, der auch Ware ausfuhr, die Post annahm und verteilte. Irgendwann war nicht nur die Kirche und die Turmspitze renovierungsbedürftig, sondern auch der letzte Laden beendete seine Geschäftstätigkeit, der Briefkasten verschwand. Die Kneipe wurde nicht weitergeführt. Die Bank verriegelte ihre Pforten. Der evangelische Schlachter gab auf. Es war vorbei.

Die Schule blieb. Irgendwann wurde die Tankstelle mit Selbstbedienung wiedereröffnet. Eine Spedition siedelte sich an, die von Rotterdam nach Berlin und in den Osten fuhr. Aber während früher die Lkw-Fahrer mit dem Dorf lebten, die Kneipen rundum belebten, blieb Ee ein Standort. Einige kleine Handwerksbetriebe überlebten. Nach Gas wurde gebohrt. Im nächsten Dorf, in Anjum, gibt es einen Coop und einen Schlachter. Sie halten sich, weil eine große Feriensiedlung an der Lauwerszee gebaut wurde. Jachthäfen wurden angelegt. Ein paar Imbissbuden mehr stehen rundum für die Touristen bereit. Das Dorfleben hat sich aufgelöst. Step by step. Immer mehr Häuser stehen leer, bleiben unverkäuflich. Und doch ist Ee eine Heimat. Bräuche sind lebendig. Aber die Pendler und Alten werden immer mehr. Für alles muss gefahren werden. Die Stimme des Dorfes ist sehr leise geworden, auch wenn die Kirchturmspitze wieder renoviert ist und weithin über die Felder glänzt. Weil der späte und gierige Kapitalismus seine Geschäfte wahrhaft anders abwickelt als zu bäuerlichen Zeiten, wirkt die Kolonialisierung durch die Städte bis heute. In dem ehemaligen winzigen Bankgebäude in Ee ist jetzt ein Gemeinschaftstreffpunkt. Apotheker bringen die Medikamente, Dorfbewohner verteilen sie. Das Dorf hält zusammen und löst sich gleichzeitig auf. Ein schönes Dorf. Aber wie darin überleben? Wie die Heimat behalten und in der Zukunft ankommen?

  

Le Pouget liegt im Hérault. Das langsame Sterben in den achtziger Jahren konnte bei neunhundert Einwohnern gestoppt werden. Heute leben in diesem Dorf zweitausend Menschen. Viele der leerstehenden und verfallenden Häuser sind wieder restauriert und bewohnt. Le Pouget liegt über Weinbergen auf fünf Hügeln. Ein Dorf mit Festungsmauern, einer alten gotischen Kirche, einem Blick über das weite Tal bis in die Cevennen. Ein bescheidener Tourismus hilft beim Überleben. Arbeitsplätze gibt es ringsum und in Montpellier. Le Pouget hat   ein Bürgermeisteramt, einen Gemeinderat. Le Pouget hat nicht nur einen Kindergarten, sondern auch eine Vorschule und eine Grundschule. Dazu kommt noch ein Jugendzentrum, das die Erwachsenen aufgebaut haben. Viele Dorfbewohner sind im Kindergarten und im Jugendzentrum engagiert. Ein Tennisplatz, ein Boulodrome, ein Platz für Basketball und ein Fußballplatz wurden angelegt. Eine Mediathek wurde eingerichtet. Die vielen kleinen Läden haben es nicht einfach, aber es gibt sie: Bäcker, Friseur, Schlachter, ein kleiner Supermarkt, ein Gemüseladen. Auch zwei Restaurants überleben und ein einfaches Hotel. In der Brasserie treffen sich die Einheimischen. Eine Weinhandlung ist für das Dorf und die Touristen da. Kebab gibt es bei einem der Gemüsehändlerinnen. Die kleine Bankfiliale hat an drei Tagen geöffnet. Das Gesundheitszentrum wird vom Staat gefördert. Mehrere Ärzte arbeiten im Dorf, darunter auch eine Kinderärztin. Ein Rettungswagen ist in Le Pouget stationiert. Ein Heim für Menschen mit Alzheimer und für Tagespflege ist eingerichtet. Eine Altenpflegerin arbeitet im Ort, von der Gemeinde bezahlt. Weitere Gesundheitszentren mit Krankenabteilungen und Ärzten sind in den Orten rings um Le Pouget zu finden. Der Pfarrer hat jeden Tag zwei Stunden Sprechstunde. Le Pouget – ein dörfliches Paradies?

Nein, auch diese Einwohner, diese Läden und kleinen Handwerksbetriebe ringen Tag für Tag um eine Zukunft für ihre Heimat, aber sie alle haben einen Pakt geschlossen. Sie bestellen ihr Brot beim Bäcker. Auch die Touristen halten sich an die Regel: Brot, Kuchen vorher bestellen. Die Dörfler kaufen bei ihrem Schlachter. Sie feiern ihre Feste im Dorf. Sie gehen in ihren Supermarkt. Sie engagieren sich für die Jugend und die älteren Leute. Sie lassen ihr Geld und ihre Zeit, soweit es geht im Dorf. Sie trinken ihren eigenen Wein. An einer entscheidenden Stelle hatten sie die Chance und haben gemeinsam den Kurs Richtung Zukunft genommen. Der Staat hat geholfen, aber anders als in Ee, nicht mit neuen Straßen und Bürgersteigen, sondern mit Hilfen zur Infrastruktur, zur Selbstversorgung im Dorf.

Sterbende Dörfer gibt es überall und erst langsam begreift die Politik, dass es mit Abreißen und Verwalten nicht getan ist. Dass es Kostenrechnungen gibt, die nicht aufgehen. Dass Dörfer gefördert werden müssen. Nicht mit neuen Laternen oder Blumenkübeln, sondern durch Unterstützung des Dorflebens, durch Zuhören. Die Bürgerinnen und Menschen wissen besser, was sie brauchen, damit ihr Dorf Heimat bleiben kann. Und nicht zu einem Heimatzoo oder einer Leerstelle verkommt.

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J. Monika Walther

J. Monika Walther, aufgewachsen in Leipzig, Berlin und am Bodensee, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Sie wollte immer nur eines: Schreiben. Sie lebte und schrieb u. a. in Spanien, Portugal und Israel. Sie gründete zwei Verlage Frauenpolitik und tende (zusammen mit Annette V. Uhlending). Sie schreibt Hörspiele, Hörbücher, Erzählungen und Romane wie Sperlingssommer, Am Weltenrandund Kriminalromane wie Himmel und Erde, Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht, Das schöne Dorf (2017). Seit 1966 lebt sie im Münsterland und in den Niederlanden und ist glücklich mit ihrer Wahlheimat und ihrer Familie. Seit vierzig Jahren. (Foto: Barbara Dietl)
J. Monika Walther