Unter Nachbarn grüßt man sich höflich im Vorbeigehen, wenn man sich sieht. Das ist üblich in Deutschland. Mit gefälliger Geste werden ein paar Floskeln gewechselt, dann geht jeder seines Weges. Der Deutsche will ja nicht „neugierig“ sein. Im Treppenhaus tratschen, das ist hierzulande verpönt.

Kürzlich begegnete ich meinem Nachbarn mal wieder im Treppenhaus. Er heißt Franz. Seit einiger Zeit duzen wir uns und reden uns mit Vornamen an. Ich ihn mit „Franz“ und er mich mit „Arthur“. Wenn wir uns sehen, plaudern wir auch manchmal; aber eher selten. Meist ganz kurz. Dabei rede ich stets mehr als er. Franz hört lieber zu.

Franz und ich – ein typisch deutsches Nachbarschaftsverhältnis.

Seit zehn Jahren wohnen wir Tür an Tür. Bisher war ich der Meinung, einiges über das Leben von Franz zu wissen. Was man halt so weiß, wenn man zehn Jahre Tür an Tür wohnt. Zum Beispiel das Franz Single ist. Seine Zeit viel zu Hause verbringt. Ach ja und er ist etwas wortkarg. Er scheint keinen Lebenspartner – keine Familie zu haben. Wer nie Besucher bei sich zu Hause empfängt, hat wahrscheinlich auch keine Familie. Oftmals dachte ich so für mich: Klar, ein sympathischer Eigenbrötler, einer der nie im Leben in den Hafen der Ehe eingefahren ist. Das ist nichts Besonderes. So etwas gibt es öfters.

Die sonst so kurze Begegnung im Treppenhaus war heute anders und sie dauerte ein klein wenig länger. Ich spürte, dass Franz etwas plagte, das er loswerden wollte. Darum entschied ich mich stehen zu bleiben – ihm zuzuhören. Ich tat, was wir viel zu wenig tun untereinander, ich schenkte meinem Nächsten ein wenig von meiner Zeit.

Und siehe da, ich habe etwas über meinen Nachbarn erfahren, das mich sehr überrascht hat.

Familie – wenn du sie hast, halte sie fest.

„Familie – das ist ein zu kleines Wort für eine so große Bedeutung. Pflichten – Freuden – Zusammenhalt. Alle für einen – einer für alle. Bis das der Tod uns scheidet. Diese Versprechen sind nicht immer leicht aufrecht zu erhalten. Familien sind heute vielfältiger, schwieriger aber manchmal auch zum Auslaufmodell geworden. Unverzichtbar? In den meisten Fällen schon! Da entstehen Krisen, die nicht lange auf sich warten lassen. Wer Familienkrisen aus dem Weg geht und glaubt es sei ja doch alles zu kompliziert um es bewältigen zu können – wer Ablenkung sucht, weil er das Gras auf der anderen Seite grüner sieht, als zu Hause im heimischen Stall, den hat die Pest bereits am Wickel“.

Klingt nach Lebensweisheit, dachte ich. Mein Nachbar hatte mich mit seiner Aussage zum Sinnieren gebracht. Das ich ihn dabei mit fragenden Augen ansah, war mir selbst gar nicht bewusst. Ich muss ziemlich verwundert gekuckt haben. So spontan wie Franz dieses Thema aus dem Stehgreif heraus an mich herantrug, ohne jegliche Vorwarnung. Ich fragte mich schon, auf was ich mich da einließ?

Die Akustik zwischen den Treppen war schlecht und ich konnte nicht alles verstehen, was mein Nachbar gerade sagte, weil die Sätze, die er vor sich hinhauchte, schwach und frequenzlos geblieben waren. Bevor all seine Worte an mein Ohr dringen konnten, verhallte das meiste im Treppenhaus. Gerade noch grüßten wir uns im Vorbeigehen freundlich, so wie immer und dann auf einmal das: Die Pest, was meinte er damit? Jetzt war meine Aufmerksamkeit ganz bei ihm. Ich fasste mich ans Kinn und sah ihn weiterhin fragend an. Er schien meine Körpersprache zu verstehen und die Antwort lag ihm bereits auf der Zunge: „Die Pest ist jene Lust und Leidenschaft, die dich von deiner Familie entzweit“, murmelte er vor sich hin, so als hätte er geahnt, warum ich so verwunderten Blickes da vor ihm stand. Der kann Gedanken lesen, rührte sich eine Stimme in mir, die schon wieder von ihm unterbrochen wurde: „Lust und Leidenschaft sind auch eine Familie“, sagte er. Dabei schaute er mir direkt in die Augen und trat etwas näher. Auf einmal wurde seine Stimme ganz laut. Ich musste unwillkürlich zusammenzucken. Sein Blick – mein Gott, wie erschreckend – dieser Blick durchbohrte mich und fuhr mir durch Mark und Bein. Und dieser welke, rechte Zeigefinger den er mir belehrend entgegenhielt. Franz kam jetzt näher zu mir, dabei schwang er den Finger auf und ab wie ein warnendes Pendel. Wie bedrohlich das aussah. Irgendwie erinnerte mich dieser Zeigefinger an das Pendel eines Metronoms und seinen monoton-markanten tickenden Takt; das hatte etwas potentiell Explosives, ähnlich einer Zeitbombe. Ich wurde nervös, er hingegen gefühlsbetonter. Was ein Auftritt. Franz hatte es geschafft, unser Treppenhaus in eine surreal-anmutende Kulisse zu verwandeln. Eingeschüchtert und beängstigt stand ich da und rätselte, was sollte ich tun?

„Die Pestfamilie der Lust und der Leidenschaft ist ohne Bestand. Stell dir vor, die haben sogar Kinder. Viele“, schimpfte er sich jetzt in Rage: „Ihr ältestes Kind wurde im Rausch gezeugt. Es heißt Hemmungslosigkeit. Hemmungslosigkeit hat jede Menge Geschwister. Auch sie wurden alle in einem emotionellen Zustand der Ekstase unter manischen Umständen gezeugt. Sie heißen: Haltlosigkeit, Erregbarkeit, Lüsternheit, Sinnlichkeit, Unbändigkeit, Erotik, Undiszipliniertheit Ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen, so zahlreich sind diese Bengel vertreten. Sie kommen immer dann, wenn sie genau wissen, dass man sie eigentlich gar nicht haben will, aber dennoch still und heimlich nach ihnen lüstern tut. Sie sind die Antifamilie mit dem Puppengesicht, das am Ende immer zur Fratze wird, wenn du erst einmal in ihre Fänge geraten bist“.

Was für ein Monolog. Jetzt wollte ich ihm nicht mehr zuhören, aber irgendwas in mir ließ es nicht zu, unhöflich zu sein, während er weiter darauf bestand, auf mich einzureden: „Ich habe nie festgehalten und darum verloren – was nicht verloren hätte gehen müssen. Viel habe ich darüber nachgedacht. Zu spät Erkanntes bereut. Das Dazugelernte im Leben wertgeschätzt – mich im Alter der veränderten Lebenswirklichkeit angepasst. Es nützt nichts zu hadern mit dem, was nicht mehr zu ändern ist“.

Ein Feuerstein ohne Zünder.

Meine Körpersprache schien ihn weiter anzuregen. Er ließ jetzt alles was in ihm aufgestaut war sprudelnd aus sich heraus. Wie gelähmt hörte ich ihm weiter so lange zu, bis seine Stimme erneut leiser und schwächer geworden war. Er war fast siebzig. Sein Blick schien leicht entrückt. Traurig und ein wenig versteinert. Tiefe Falten markierten sein verkümmertes Gesicht. So wie jetzt hatte ich ihn noch nie gesehen. Franz der traurige Junggeselle? Dass er tatsächlich schon einmal verheiratet war, eine junge Familie hatte und sie eines Tages verließ, erfuhr ich zum ersten Mal in diesem Moment. Ich war berührt von den Wortfetzen seiner erneut schwächer werdenden Stimme. Wieder tat ich mir schwer ihn zu verstehen. Empathie regt die Vorstellungskraft an. Da begann ich, mir ein Bild in meinem Kopf zu malen, über den Seelenzustand meines Nachbarn. Plötzlich signalisierte mir ein blitzender Gedanke klar und deutlich das Wort „Sehnsucht“.

Mein Nachbar hang gefangen, in einem schmerzhaften Spalt der Sehnsucht nach zuteilwerdender Wärme. Jener besonderen Wärme, die nichts anderes kennt, als wohlwollende Herzlichkeit. Eine Herzlichkeit, mit der Wirkung eines Feuersteins an dem sich der Funke entzündet, welcher das Gefühl der Gemeinschaft entfacht. Sein Zünder heißt „Familie“. Und genau das vermisste mein Nachbar. Er war ein „Feurstein ohne Zünder“ geworden. Franz hatte keine Familie!

Jetzt war mir vieles klar. Das sind starke Emotionen, dachte ich, langte mir an den Kopf und musste erst einmal schlucken. Eine solche Dramatik kann niemand improvisieren. Plötzlich war alles klar. Mein Nachbar ist nicht nur ein emotioneller, kluger Mensch, in seiner Brust schlagen auch zwei Herzen. Das eine Herz liebt die ungehemmte Freiheit und das andere sehnt sich nach Wärme und Geborgenheit. An der Zusammenführung dieser beiden Elemente ist er zerbrochen. Auch wenn er sagte, er habe sich mit seinem Leben arrangiert und wolle nicht hadern, seine Gestik war nicht überzeugend.

Ich war froh, dass ich nicht unhöflich geworden war und mir die Zeit nahm, meinem Nachbarn im Treppenhaus für einen Moment mein Ohr zu schenken. Geduldig hörte ich weiter zu und dachte dabei an ein Erlebnis, das ich vor vielen Jahren hatte. Es berührt mich immer noch, denn es handelt von Familie, Müttern und Söhnen und der unglaublichen Sehnsucht nach wohlwollender Wärme – der Liebe, die von Müttern ausgeht. Es handelt aber auch davon, wie sehr wir das, was wir noch haben und jederzeit verlieren können, oft viel zu spät erkennen und schätzen.

Etwa so wie mein Nachbar, der den steinigsten aller Wege nahm, um viel zu spät daraus zu lernen. Bevor es so weit kommt, haben wir immer wieder eine Chance, uns für oder gegen etwas zu entscheiden. Manchmal aber, werden wir nicht gefragt und das Schicksal nimmt uns etwas ganz besonders Wertvolles abrupt weg. Ein Kind, eine Mutter einen Menschen, den wir besonders lieben.

Kann man ungehemmte Freiheit überhaupt leben, wenn man die Wärme und Geborgenheit der Familie dabei riskiert? Oder ist Familienglück auch unter den Bedingungen der eingeschränkten Freiheit möglich? Wenn dem so ist, dann ist echtes gelebtes Glück in der Gemeinschaft einer Familie an und für sich schon ein seltenes doppeltes Glück, das den größten Lotteriegewinn aller Zeiten bei weitem übertrifft.

Vielleicht finden wir die Antwort bei einem Zitat von Albert Schweitzer, der einmal gesagt haben soll: „Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt“. Ich frage Sie, liebe Leser, wo sonst, wird mehr geteilt (und ja – auch darüber gestritten), als in einer Familie? Dennoch – wenn wir sie haben, sollten wir gut darüber nachdenken, bevor wir den Bestand der Familie aufs Spiel setzen. Wir wissen nicht, wann wir sie für immer verlieren könnten?

In den folgenden Zeilen erzähle ich ihnen von zwei Begebenheiten, aus dem wahren Leben. Sie zeigen uns, warum es wichtig ist, Familie und Mitmenschen unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein Erlebnis in Lourdes

Es war im Mai 2008 und ich war wieder einmal in Lourdes. Die Stadt präsentierte sich diesmal anders als sonst: hektisch, voll und aufgeregt. Kein Wunder, denn man feierte das 150. Jahresjubiläum der Mutter Gottes, wie sie der Heiligen Bernadette einst erschienen war. Meine amerikanische Pilgergruppe, die ich am Tag zuvor übernommen hatte, bestand wie üblich vorwiegend aus älteren Frauen und nur wenigen Männern. Sie hatten eine beschwerliche Anreise hinter sich und waren müde. Nur wenige hörte man sprechen und sich unterhalten. Zwei von ihnen aber schienen die Strapazen der Reise nichts ausgemacht zu haben. Es war ein seltsames Paar. Sie, eine ältere gepflegte Dame, sprach mit ruhiger Stimme und einem nicht enden wollenden Lächeln, voller Güte. Er hingegen, ihr Sohn, wie ich später erfuhr, war ein diskussionsfreudiger, ja streitlustiger Mensch. Er war groß und dunkelhaarig, und seine grauen Schläfen leuchteten regelrecht. Er war hager, seine Nase spitz und seine Silberrandbrille machte einen intellektuellen Eindruck. Er war schätzungsweise Mitte vierzig, lächelte wenig und führte mit seiner Mutter ein scharfes verbales Florett. Sie unterhielten sich unentwegt – so kam es mir zumindest vor – wenn auch leise und dezent. Meist verwickelte Jim, so hieß er, seine Mutter immer wieder in langwierige Diskussionen, so dass sie bereits nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit der gesamten Reisegruppe auf sich gezogen hatten. Jim, ein Literaturprofessor, wie ich später hörte, schien sich mit seiner Mutter fortgesetzt zu streiten. Mal flüsterten sie, mal gestikulierten sie heftig – so oder so, es machte auf mich einen beunruhigenden Eindruck. Zwei Tage lang schaute ich mir diese Tête-à-Têtes an, bevor ich mich entschloss, die beiden anzusprechen. Als wir vor der Rosenkranzbasilika standen, und ich mich bemühte, zu erklären, was es damit auf sich hatte, fielen sie erneut in einen Streit. Ich nahm beide sacht an den Armen und fragte sie flüsternd: „Sie sind Mutter und Sohn, nicht wahr?“ „Ja, wieso?“ fragten beide etwas genervt.

„Entschuldigen Sie, es geht mich ja nichts an, aber ich beobachte Sie schon seit gestern, wie häufig Sie sich miteinander streiten.“ „Dürfen wir das nicht?“ fragte der Sohn leicht gereizt. „Doch natürlich, aber Sie sollten auch mal daran denken, was für ein Glück es ist, dass Sie beiden sich noch haben.“ Sie schauten mich ein wenig verständnislos an. „Wissen Sie, es gibt auch ganz andere Mutter-Sohn-Beziehungen.“ „Soso, woran denken Sie denn dabei?“ „Ach, erst vor zwei Tagen habe ich etwas erlebt, das ich Ihnen am besten mal erzähle, damit Sie verstehen, was ich meine. Warten Sie noch einen Moment.“ Nachdem wir die Basilika besichtigt hatten, ergab sich eine kleine Pause, in der wir uns zu einem Gespräch in ein Café setzten. „Wie soll ich anfangen? Also es handelt sich um zwei Menschen wie Sie, um Mutter und Sohn, aber lassen Sie mich von Anfang an erzählen. Es war vorgestern, am Freitag, als ich frühmorgens zum Flughafen fuhr. Ich war schon sehr früh auf den Beinen. Bald nach fünf Uhr in der Frühe stellte ich leicht genervt den piepsenden Wecker ab und schwang mich müde aus dem Bett. Um 7:00 Uhr sollte mein Flieger nach Paris abgehen, und ich musste noch ein paar Dinge regeln. Frühstücken konnte ich ja im Flugzeug, aber ein paar E-Mails mussten noch beantwortet und meine Reisetasche vervollständigt werden. Während ich noch im Stehen eine Tasse Kaffee trank, sah ich schon, wie das für 5:45 Uhr bestellte Taxi fast lautlos vor meinem Fenster hielt. Ich winkte dem Fahrer, schloss meine Haustür, ging hinunter, und wir fuhren los. Kurz nach 6:00 Uhr betrat ich die Abflughalle in Frankfurt, checkte ein, ging zum Gate und sah, dass das Boarding bereits in vollem Gange war. Ich brauchte mich nicht zu beeilen, denn mein Platz, ausgerechnet ein Fensterplatz, lag diesmal ganz vorn, in der fünften Reihe. Als einer der letzten Passagiere betrat ich die Maschine und sah schon von weitem, dass jemand in meiner Reihe saß. Es war eine ältere vornehme Dame. Sie saß auf dem Gangplatz, sodass ich sie bitten musste, aufzustehen, um mich meinen Platz einnehmen zu lassen. ‚Entschuldigen Sie‘, sagte ich, ‚darf ich Ihnen vielleicht meinen Fensterplatz anbieten?‘ Sie hob ihren Kopf und nun sah ich erst ihr dunkles volles Haar, das sie in eine sehr vornehme Form gebracht hatte. Ich sah aber auch den Ausdruck in ihrem Gesicht und ihren Augen. Schmerz und Trauer las ich darin, Entrücktheit sowie den Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Es dauerte einen Moment, bis sie antwortete: ‚Vielen Dank‘, sprach sie schleppend, ‚aber ich sitze lieber hier am Gang.‘ Während ich mich an ihr vorbeizwängte, konnte ich sie näher betrachten. Sie mochte wohl um die 75 Jahre alt sein, ihre Kleidung war von zeitloser Eleganz, vornehm, aber nicht unbedingt teuer. Insgesamt eine Erscheinung, die man heutzutage in Flugzeugen, wo es von jungen Leuten und Geschäftsreisenden nur so wimmelt, selten antrifft. Ich nahm also Platz am Fenster und – ja, ich muss es gestehen – war etwas betrübt, die Hoffnung auf ein meine Neugier stillendes Gespräch durchkreuzt zu sehen. Wir starteten, frühstückten und schwiegen Der Platz zwischen uns schien einen Kilometer breit zu sein. Kein Blick ihrerseits, keine versuchte Anknüpfung meinerseits. Nach einer knappen Stunde begann der Landeanflug auf ‚Charles de Gaulle‘, und ich beschäftige mich bereits mit meinem Anschlussflug nach Lourdes, wo ich Sie, also Ihre amerikanische Pilgergruppe gegen Mittag übernehmen wollte. Die Maschine rollte noch auf ihre Halteposition, da standen bereits die meisten Passagiere und öffneten die Staukästen, um ihre Taschen und Mäntel herauszunehmen. Als auch ich Anstalten machte, aufzustehen, schaute sie mich kurz an und gab mir den Durchgang frei. Meine kleine Tasche hatte ich in der Hand und stand nun neben ihr. Wir warteten wie alle anderen darauf, dass sich die Türen öffneten und jeder von uns hinausstürzen könne, um weiterzukommen. Die Hoffnung auf ein Gespräch mit ihr hatte ich längst aufgegeben und sagte beiläufig: ‚Ich bin ein wenig in Eile. Ich darf meinen Anschlussflug nicht verpassen. Ich muss in zwei Stunden in Lourdes sein.‘ Und dann fügte ich noch ein Sätzchen an, das den Stein ins Rollen brachte: ‚Müssen Sie noch weiterfliegen?‘ Sie schaute mich mit versteinerter Miene an und sagte dann: ‚Ja, ich muss heute noch nach Südamerika, nach Bogotá, zu meinem Sohn.‘ Sie machte eine kurze Pause, während ich ihr direkt in die Augen schaute. ‚Mein Sohn liegt im Sterben. Es ist meine letzte Reise zu ihm.‘ Ganz spontan ergriff ich ihre Hände, drückte sie fest und sagte zu ihr: ‚Sie müssen jetzt stark sein. Möchten Sie mir von ihrem Sohn erzählen?‘ Und nun, in den folgenden fünf Minuten, so lange dauerte es, bis das Aussteigen begann, sprudelte es aus ihr heraus, als wäre ein Damm gebrochen. Sie komme aus Mainz, und 1982 sei einer ihrer beiden Söhne nach Kolumbien ausgewandert. Er wollte damals unbedingt Pilot werden, sah aber dazu in Deutschland keine Chancen. Ein Studienkollege ihres Mannes hatte in den fünfziger Jahren schon in Bogotá Fuß gefasst und er, so hieß es, könne einen Kontakt herstellen zu AVIANCA Airlines, der größten Fluggesellschaft Kolumbiens. Doch dann kam alles ganz anders. Sein Plan, Pilot zu werden, zerschlug sich recht bald und stattdessen gründete er ein Elektronikgeschäft, das rasch florierte. Er heiratete, bekam Kinder und wurde ein angesehener und schon bald wohlhabender Geschäftsmann. ‚Unser Sohn hat uns, so oft er konnte, besucht. Mal kam er allein, mal brachte er seine Familie mit. Wir hatten das Gefühl, es gehe ihm gut und er führe ein glückliches Familienleben. So war es ja auch. Er war groß und sportlich, lebte gesund. Es lief eigentlich alles bestens, bis …‘ Hier machte sie eine Pause, aber sie wollte jetzt ihre Geschichte zu Ende bringen, das merkte ich, und so fuhr sie fort: ‚Bei einer Routineuntersuchung stellte ein Arzt vor sieben Monaten ein Lymphom bei ihm fest.‘

Lymphom ist eine Sammelbezeichnung für eine Erkrankung des Lymphdrüsengewebes. Es gibt beinahe zehn verschiedene Varianten dieser Krankheit, von harmlos bis tödlich. ‚Seine Ärzte gaben Entwarnung‘, so erzählte sie nun rasch weiter. Es sei nicht bösartig und mit einer Tablettenkur könne er rasch wieder gesund werden. ‚Mein Sohn verließ sich auf die Einschätzung der Ärzte und nahm die Krankheit nicht so ernst. Aber‘ – und hier stockte sie für einen Moment, ‚er hatte leider eine ganz bösartige Form dieser heimtückischen Krankheit erwischt.‘ Sie ließ nun wieder ihren Kopf hängen. Sie hatte gesagt, was sie sagen wollte, und nun war es raus. Sie schwieg, innerlich stark bewegt. Ich aber konnte jetzt nicht schweigen und griff wieder nach ihren Händen. ‚Sie haben jetzt eine schwere Aufgabe vor sich. Vielleicht die schwierigste in ihrem Leben. Sehen Sie es doch als Privileg, Ihren Sohn in seiner wichtigsten, seiner schwersten Stunde zu begleiten. Ihr Sohn braucht Sie jetzt!‘ Ich umarmte sie und fuhr fort: ‚Ich bin sicher, wenn alles vorbei ist, wenn Sie wieder zuhause sind und getrauert haben, wird sich Ihr Sohn in irgendeiner Form wieder bei Ihnen melden. Aus dieser Trauer, da bin ich mir ganz sicher, wird sich etwas Wundervolles entwickeln. Ich weiß nicht, ob sie gläubig sind, aber gehen Sie vertrauensvoll mit Gott.‘ Ich weiß bis heute nicht, woher ich diese Eingebung hernahm, aber sie klang so überzeugend, nicht nur für mich, sondern auch für sie. Ihre Augen verloren mit einem Mal ihre stumpfe Entrücktheit. Sie war wieder angekommen in der Realität. Sie drückte mir nun beide Hände und bedankte sich überschwänglich für meine Anteilnahme. Dies alles geschah, ich schwöre es, in nicht einmal fünf Minuten. Sie waren jetzt erst vergangen, und wir begannen mit dem Ausstieg. Als wir die Gangway verlassen hatten und sich unsere Wege trennen sollten, gab ich ihr meine Karte und sagte zum Schluss: ‚Ich werde für Ihren Sohn und für Sie an der Erscheinungsgrotte in Lourdes beten und dort eine Kerze entzünden. Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihren Sohn.‘ So gingen wir auseinander.“ „Das ist ja schrecklich.“ Es war die Mutter von Jim, die als erste ihre Sprache wiederfand. „Gern würde ich erfahren, was aus ihr geworden ist. Sie sollten unbedingt Kontakt mit ihr aufnehmen, wenn Sie wieder in Deutschland sind“, sagte sie zu mir. Jim, der sprachgewaltige Intellektuelle, verfiel in Schweigen. Offenbar hatte ich erreicht, was ich wollte. Beide verhielten sich in den kommenden Tagen nun ganz anders. Sie waren zurückhaltend und freundlich und gaben sich sichtlich alle Mühe, den Eindruck, den sie von sich erweckt hatten, zu revidieren. Aber wie es so ist, wenn man sich einmal kennengelernt hat, man geht irgendwie vertrauter miteinander um, und so wunderte es mich überhaupt nicht, dass ich mich in den nächsten Tagen mit Jim und seiner Mutter häufig unterhielt. Sie erzählten mir von ihrem Zuhause und Jim von seiner Arbeit. Ich erzählte ihnen, womit ich die Sommermonate verbringe und so kamen wir uns näher. Als wir uns nach einer Woche trennen mussten, tat es uns leid, und wir verabredeten, im Kontakt zu bleiben. Beim Abschied sagte Jim zu mir: „Arthur, sobald Sie wissen, was mit der Frau und ihrem Sohn im Kolumbien passiert ist, müssen Sie mir eine E-Mail schicken.“ Und damit gab er mir seine Karte. Wir verabschiedeten uns herzlich, und ich versprach ihnen, mich zu melden. Ich flog zurück nach Frankfurt und hatte in den nächsten Tagen sehr viel zu tun, dachte aber immer wieder an diese Reise nach Lourdes. Am 15. Juni, also drei Wochen später, bekam ich eine E-Mail von der Dame aus dem Flugzeug. Sie heißt Marlies Köhler und sie schrieb dies:

Lieber Herr Pahl, haben Sie noch einmal ganz herzlichen Dank für das so wichtige Gespräch damals im Flugzeug und dafür, in Lourdes eine Kerze für uns zu entzünden. Die Begegnung mit Ihnen war ebenso gut wie ein Gespräch mit einem Priester, dass ich mir an diesem Tag so gewünscht hätte. Ich bin nun erst wenige Stunden wieder in Deutschland, und meine erste E-Mail gilt Ihnen. Ja, mein Sohn ist tot! Es ist schmerzhaft, es auszusprechen. Er starb in der Nacht von Sonntag auf Montag, den 9. Juni. Es war nicht leicht für mich, aber Ihre lieben Worte haben mir für die schwerste Aufgabe, die eine Mutter im Leben zu erfüllen hat, sehr geholfen. Mein Mann konnte nicht dabei sein, was ihn sehr betrübt hat, aber er ist selbst an Krebs erkrankt und befindet sich immer noch in der Reha. Ich weiß nicht, wie sehr der Tod unseres Sohnes seinen Heilungsprozess beeinträchtigen wird, befürchte aber Schlimmes. Natürlich ist meine Trauer groß, ja bisweilen unerträglich, und immer frage ich mich: Lieber Gott, warum ich? Drei Tage nach mir schaffte es auch mein jüngerer Sohn, nach Bogotá zu kommen. Mit vereinten Kräften gelang es uns, den todkranken Achim nach Hause zu bringen, so dass er seine letzten Tage im Kreis seiner Familie verbringen konnte. Tag und Nacht bin ich nicht von seiner Seite gewichen, aber es half alles nichts. Er starb immerhin friedlich und mit sich im Reinen. Drei Tage später haben wir ihn beerdigt. Leben Sie wohl, und wenn Sie mal Zeit haben, rufen Sie mich in Mainz an. Ihre Marlies Köhler

Inzwischen habe ich sie schon angerufen, und wir haben uns lose verabredet, dass ich sie und ihren Mann im Herbst einmal besuche, wenn ich mehr Zeit habe und sie ihre Trauer schon ein wenig überwunden hat. Noch am gleichen Tag, als ich diese Mail von Frau Köhler erhalten hatte, hielt ich mein Versprechen und sendete diese E-Mail mit ein paar erklärenden Worten von mir weiter an Jim, der schon ein paar Stunden später antwortete.

Lieber Arthur, haben Sie vielen Dank dafür, dass Sie Ihr Versprechen so schnell gehalten haben, aber ich muss gestehen, dass ich mir angesichts des Inhalts gewünscht hätte, Sie hätten es nicht getan. Wir waren sehr, sehr traurig. Meine Mom und ich, glauben Sie mir, waren wie paralysiert. Stundenlang saßen wir beieinander, tranken Tee, schwiegen, schauten uns betreten an und versuchten, das zu verarbeiten, was sich schon in Lourdes abgezeichnet hatte: Die Tatsache, dass wir uns so richtig bewusst geworden waren, was es bedeutet, seine Mutter bei sich zu haben und für eine Mutter, Ihren Sohn gesund und munter zu erleben. Glauben Sie mir, wir sind durch die Begegnung mit Ihnen andere Menschen geworden. Für Sie war es vielleicht nichts Besonderes, aber für uns hat sich vieles verändert. Haben Sie dafür vielen Dank. Wir werden Ihnen das nicht vergessen.


Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen und ich bin wieder nahezu pausenlos unterwegs. Doch von jeder Reise bleibt eine kleine Erinnerung, ein Körnchen davon zurück in meinem Herzen. Meist sind es Menschen, denen ich begegnet bin und Schicksale, die sie mir anvertraut haben, die ich für alle Zeit in mir verwahre. Ab und zu aber ist Gott so gütig, mir den einen oder anderen von ihnen zu Freunden zu geben. So wie mein Nachbar Franz. Seit dem Gespräch im Treppenhaus, hat sich einiges zwischen uns verändert. Wir sind uns nähergekommen. Wenn ich ihn sehe, dann gehe ich nicht mehr gewohnheitsmäßig an ihm vorbei, mit einer freundlichen Floskel auf den Lippen, nein, ich bleibe stehen, strecke ihm meine Hand aus und lächle ihn an. Ich frage ihn, ob er Zeit hat für eine Tasse Kaffee und lade ihn ein. Wenn er nickt und ja sagt, dann gehe ich voran, öffne meine Wohnungstür, bitte ihn einzutreten und biete ihn an im Wohnzimmersessel Platz zu nehmen. Das passiert jetzt öfters. Ja, Franz und ich sind Freunde geworden. Dabei ist mir aufgefallen, dass er gar kein so großer Eigenbrötler ist, wie ich immer gedacht habe.

Freunde, sind wie eine Familie, genauso wertvoll und wichtig. Manchmal, so wie jetzt bei meinem Nachbarn und mir, kann Freundschaft ein wertvoller Substitut werden für die Familie, die man aus welchen Gründen auch immer nicht hat. Was zählt ist der Mensch und sein Wille zu tun was richtig ist, damit wir uns gegenseitig helfen das Glück, nachdem wir alle streben, untereinander zu verteilen.


Als ich diese Geschichte zum ersten Mal in meinem Buch „Verschlungene Wege“ 2009 veröffentlich habe, konnte auch ich einen positiven Beitrag zur Trauer von Frau Köhler beitragen. Mein Text, das hat sie mir am Telefon gesagt, war bei ihrer Trauerarbeit auch ein Trost der ihr sehr geholfen hat, bei dem Versuch den Schmerz einer Mutter zu überwinden.

Wie schön kann doch das Leben sein, denke ich nun hin und wieder, wenn man mit einem Gespräch an der richtigen Stelle oder mit einer kleinen Geste, Mitmenschen ihre Trauer erleichtert oder ihnen ins Bewusstsein rückt, wie schön es ist, nicht allein auf der Welt zu sein.

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