Eine Institution im Spannungsfeld zwischen Politik, Moral, Traum und Trauma. Ein Essay von Maryanne Becker.

»Ehe und Familie stehen unter besonderem Schutze der staatlichen Ordnung.« So steht es festgeschrieben im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 6, Absatz 1. (Mai 1949). Doch gehen wir zunächst ein Stück zurück in die Geschichte:

Der Begriff Familie, wie wir ihn heute interpretieren, ist relativ neu. Bis zur Industrialisierung Westeuropas – und teilweise bis ins frühe 20. Jahrhundert – war die Familie in erster Linie eine Wirtschaftseinheit. Weder bei der Partnerwahl, noch bei der Aufzucht der Kinder ging es um Liebe. Im Handwerk und in der Landwirtschaft, auch meist im Handel, waren den Familienmitgliedern feste Aufgaben und Rollen zugewiesen, denen sie sich nicht entziehen konnten. Frauen und minderjährigen Mädchen oblag die Haus- und Hofwirtschaft, während Männer und Söhne ihren Beruf ausübten, sei es als Handwerker, Bauer oder Kleinhändler. Das Gesinde, Dienstboten, Gesellen und Knechte galten ebenso als Angehörige des »Ganzen Hauses« wie Großeltern und ledige oder verwitwete Tanten. Dieser Begriff stand für die eigentliche, verwandtschaftlich definierte Familie und für die – innewohnenden – Arbeitskräfte. Die Frau war dem Ehemann untertan und hatte die ehelichen Pflichten zu erfüllen. Kinder gab es automatisch dazu. Es mussten viele geboren werden, weil die Kindersterblichkeit hoch und die Altersversorgung der Eltern zu sichern waren.

Erst im Zuge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Verstädterung änderte sich nach und nach die Einheit hin zur Kernfamilie. Genau wie zuvor hatte die Frau dem Mann und die Kinder den Eltern, in letzter Instanz dem Vater zu gehorchen. Kinder galten als kleine Erwachsene, die frühzeitig diszipliniert werden mussten.

In Bürgertum und Adel unterschied sich die Rolle von Ehefrau und Kinder nicht wesentlich. Auch hier ging es um Gehorsam und Unterordnung und um die Erziehung zu Zucht und Ordnung. Anders als bei (Klein-)Bauern, Handwerkern und Industriearbeitern wurde in den oberen Schichten der Bildung – vor allem der Söhne – große Bedeutung beigemessen.

Erst spät, Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich neue pädagogische Ansätze, die die positiven Emotionen innerhalb der Familie und insbesondere den Kindern gegenüber betonten. Und es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich diese Ideen durchzusetzen begannen.

Seitens der Politik wurde die Familie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein instrumentalisiert. Es ging um Bevölkerungspolitik und mehr oder weniger ausgeprägte Unterdrückungsmechanismen: Was der Soldat im Zweiten Weltkrieg letztendlich nicht für »Führer, Volk und Vaterland« als Pflicht leistete, nahm er für bzw. zum Schutze seiner Familie in Kauf.

Nach 12 Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und sechs Kriegsjahren sollte und musste sich in den drei Westzonen Deutschlands eine demokratische Entwicklung vollziehen. Eine Aufgabe, die in Ermangelung progressiver und demokratieerfahrener Fachleute mit weißer Weste nur schwer zu bewältigen war.

So oblag die Familienpolitik in den 1950er Jahren dem eigens errichteten Familienministerium unter dem erzkonservativen Minister Dr. Franz-Josef Wuermeling, der das Leitbild der Familie aus der Mitte des 19 Jahrhunderts mit möglichst vielen Kindern propagierte und Frauen ebenso wie die Nationalsozialisten an Heim und Herd sehen wollte. Damit unterstützte Wuermeling die Vorstellung des damaligen christdemokratischen Bundeskanzlers Adenauer, dass eine langfristige Zunahme der Geburten für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands erforderlich sei. Helfen könne nur eines: Stärkung der Familie und dadurch Stärkung des Willens zum Kind, sagte Bundeskanzler Adenauer in seiner Regierungserklärung vom 20.Oktober 1953 (Der Spiegel 38 / 1954 Wuermeling, Des Papstes Garde).

Der staatlichen Familienpolitik ging es um die Zunahme der Bevölkerung und damit um die Interessen des Staates. Die Maßnahmen der Familien- sprich Geburtenförderung waren mehr als dürftig, insbesondere dürften sie nicht geeignet gewesen sein, mehr Kinder als eigentlich erwünscht in die Welt zu setzen. Drastischer wirkte sich das gesetzliche und moralische Verbot der Geburtenkontrolle, insbesondere des Schwangerschaftsabbruchs aus. Unerwünschte Kinder, ausgebeutete Frauen und mitunter wirtschaftliche Not waren die Folge.

Das Idealbild der Familie der 1950er Jahre: Vater, Mutter, Kinder, Großeltern, Onkel, Tanten. Es entsprach in weiten Teilen der Würmeling’schen Definition – wenngleich die Realität, vor allem hinsichtlich des glückseligen, intimen, der »Ordnung« entsprechenden Mikrokosmos, oft anders aussah: Unterdrückung, Gewalt, Scheidung, uneheliche bzw. außereheliche Kinder.

Was, wenn Kinder dem Ideal Bild nicht entsprachen, in der Schule nicht die Familienangehörigen namentlich aufzählen konnten? Wenn das Schicksal der „Moral“ zuvorgekommen war?

Über der Vergangenheit lag der Mantel des Schweigens. Dass vor nicht allzu langer Zeit ein schrecklicher Krieg stattgefunden und in fast jeder Familie Opfer gefordert hatte, wussten schon die Erstklässler. »Gefallen«, »vermisst« lauteten die Begriffe, die das Nimmerwiedersehen, den Tod umschrieben, ein Fünkchen Hoffnung verbarg sich, zumindest bis 1956, als die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion heimkehrten, hinter der Aussage »in Gefangenschaft«. Das Kürzel »KZ« geisterte durch das Vokabular der Erwachsenen, begleitet von einem unsichtbaren Erschauern und hinterließ bei Kindern ein verstörendes Gefühl von einem schrecklichen Geschehen, das einem absoluten Tabu unterlag.

»Mein Vater ist gefallen«, erklärte das 1950 geborene Mädchen auf Befragen der Lehrerin, die daraufhin ihre Stirn kräuselte und das Kind mit einem seltsamen Blick bedachte. Wenn die Mutter mit der Vierjährigen sonntags auf dem Weg zur Kirche war, wechselten die Dorfbewohner die Straßenseite. Der Dorfchronist witzelte in einer Büttenrede, dass eine namentlich nicht genannte Dame mittels Fernzeugung schwanger geworden sei: Der (seit 10 Jahren vermisste) Ehemann habe seinen Samen per Feldpost aus Russland geschickt, der Brief sei Jahrelang unterwegs gewesen. Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Den Bewohnern des kleinen Dorfs war klar, wer gemeint war. Der betroffenen Frau ebenfalls.

Lottchen, das Nachbarkind war zwei Jahre älter. Sie hatte drei ältere Geschwister. Genaugenommen Halbgeschwister! Auch Lottchens Vater sei gefallen, hieß es. Ihr Bruder nannte sie Bastard und schlug sie. Gegen die Mutter aufzubegehren, traute er sich nicht – und die Mutter versagte Lottchen, dem lebenden Beweis ihrer moralischen Verfehlung, den Schutz.

Kriegswitwen sollten in Sack und Asche gehen, für den Rest ihres Lebens auf Liebe und Sex verzichten, wenn sie nicht das seltene Glück hatten, einen der wenigen überlebenden ledigen Männer für sich einzunehmen und von ihnen zum Traualter geführt zu werden.

Ein Quäntchen Glück gab es in kurzen oder längeren Beziehungen mit verheirateten Männern – und dieses Quäntchen blieb selten folgenlos. Diejenigen, die das Glück hatten, weiterhin als Familie vollständig beisammen zu sein, rümpften die Nase und hatten die Moral auf ihrer Seite.

So kam es zu den Mutter-Kind-Familien der Nachkriegsjahre. Den Kindern die wahre Herkunft zu verschweigen und auf den gefallenen Vater zu verweisen, erschien lange als die nächstliegende Lösung. Bis die Kinder ein Alter erreichten, in dem sie sich der fatalen Lüge bewusst wurden und in peinliche Sprachlosigkeit fielen.

Dramatisch war die Lage der Frauen, deren längst totgeglaubte Ehemänner nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten und ein Kind eines neuen Liebhabers vorfanden.

Selbst Frauen, die auf der Flucht Opfer von Vergewaltigungen und in deren Folge schwanger geworden waren, galten oft in den Augen ihrer Ehemänner als schuldig oder beschmutzt, die Kinder als Stigma.

Diese Männer, die unbestreitbar lange Jahre gelitten und gedarbt hatten, sahen den Anspruch des Mitleids auf ihrer Seite und waren nicht willens oder in der Lage, ihren Frauen Mitgefühl oder auch nur Verständnis entgegenzubringen.

Auf dem Arm von Theas Vater war eine Nummer eintätowiert. Es sei seine Telefonnummer, antwortete er, wenn Theas Spielkameraden nach der Bedeutung dieser Zahlen fragten. Thea wusste es besser: Der jüdische Vater war Häftling in Auschwitz gewesen, seine erste Frau und alle Angehörigen waren umgebracht worden. Lediglich sein Sohn, den er als Kleinkind in die Obhut einer katholischen Familie gegeben hatte, überlebte: Theas Halbbruder. Ihre Mutter war dem Jungen eine treusorgende und liebende Stiefmutter, die ihn genauso behandelte wie ihre leibliche Tochter.

Der Vater, ein extrovertierter, eloquenter Egozentriker hatte schnell Fuß gefasst im Heimatort seiner neuen Frau. Er gab gern Heldengeschichten von sich zum Besten. Irritierend für Thea, die als Kind das Trauma der im Hintergrund schwebenden Geister der im Holocaust Ermordeten – alle Verwandten von Vaters Seite – mit jedem Atemzug einsog. Thea wäre gerne ein Kind wie alle anderen gewesen, ohne die unsinnigen Verbote des Vaters, dessen uneingestandenes Trauma sich in der entwicklungshemmenden Überbehütung seiner Tochter niederschlug.

Christine wuchs in einer vollständigen, wohlhabenden Familie mit zwei jüngeren Brüdern auf. Auch sie mit einem extrovertierten Vater, mit egozentrischen und gleichzeitig außerordentlichen sozialen Charakterzügen. Als fünfzehnjähriger Soldat hatte er bei seinem Heimaturlaub das elterliche Haus nach einem Angriff der Alliierten vollständig zerstört vorgefunden, die Eltern und Schwester unter den Trümmern begraben. Dieses traumatische Erlebnis ließ ihn nie los, es loderte in ihm wie in einem Dampftopf, der jederzeit explodieren und die Familie in Angst und Schrecken versetzen konnte.

Alljährlich wenn der Tag, an dem er vor seinem zerstörten Elternhaus gestanden hatte, sich jährte, überkam ihn eine fürchterliche Depression, die sich wie ein schwarzer Mantel über Frau und Kinder legte und ihnen die Lebensfreude buchstäblich aus der Seele schnitt.

Familie ist nur selten die heile Welt, die uns vorgegeben und vorgegaukelt wurde. Erst die von den Kriegsenkeln erzeugte Öffentlichkeit zog das wissenschaftliche Interesse an der transgenerationellen Weitergabe belastender und traumatischer Erlebnisse auf sich, sodass heute, 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, Auseinandersetzung, Klärung und Verarbeitung der Vergangenheit unserer Eltern- und Großelterngeneration mit psychotherapeutischer Hilfe möglich ist.

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Maryanne Becker

Maryanne Becker, Jahrgang 1952, studierte Soziologie und Geschichte an der TU Berlin, wohnt in Berlin -Spandau und schreibt Romane und kriminelle Kurzgeschichten.
Maryanne Becker

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