Es heißt ja, Blut sei dicker als Wasser. Die Menschen meinen damit, dass Familienbande oft wichtiger und stärker sind als etwa Freundschaftsbande. Da mag es dran sein, aber es ist keine pauschal richtige Aussage, was alle Arten von Beziehungen betrifft.

Lass mich Dir eine Geschichte erzählen. 1994 begann ich mein erstes Studienjahr. Ich besuchte ein örtliches College, weil ich mich in einigen der Musikgruppen dort engagieren wollte. In diesen Gruppen traf ich viele erstaunliche Menschen, von denen sich einige zu lebenslangen Freunden entwickelt haben. Einer der Menschen, mit denen ich im ersten Jahr meines Studiums zusammenkam, war jemand, mit dem ich eigentlich nicht viel Zeit verbringen wollte. Zu sagen, dass ich es nicht ertragen konnte, mit ihr im selben Raum zu sein, war noch eine Untertreibung. Mit ihr in diesen Musikgruppen zu sein, konnte manchmal ärgerlich sein, aber da es sich um ziemlich viele Menschen in der Gruppe handelte, war es erträglich. Stell dir meine Erleichterung vor, als genau diese Frau im nächsten Jahr ein anderes College besuchte. Aber dann … im Herbst 1996 war sie zurück … ugh!

Wenn ich etwas in diesem Leben gelernt habe, ist es, dass das Leben voller Überraschungen ist. Und Überraschung, Überraschung, ich lebte in derselben kleinen Stadt wie diese Frau, die ich nicht ausstehen konnte. Eines Tages beschloss ich, ein besserer Mensch zu sein, als ich sein wollte, und lud sie ein, eine Weile mit mir abzuhängen. Diese eine winzige Entscheidung hat mein Leben verändert – und ihres. Bevor wir uns versahen, waren wir unzertrennlich. Sie wurde in kurzer Zeit meine beste Freundin und ist bis heute eine der wenigen Menschen, mit denen ich ganz ich selbst sein kann. Sie ist immer noch ein bisschen gekünstelt und rechthaberisch, aber ich liebe sie trotzdem.

Aber leider geht es in diesem Aufsatz nicht wirklich um meine Freundschaft mit ihr. Warum schreibe ich über meine beste Freundin, wenn es um die Familie geht, weil sie für mich zur Familie geworden ist. Und dabei geht es nicht einmal darum, wie sie zu einer Schwester für mich wurde, sondern eigentlich geht es um unsere Kinder.

Ich habe drei Töchter, sie hat zwei Söhne. Sie sind alle im Alter nahe beieinander. Diesen August wurden sie 20, 19, 18, 17 und 16 Jahre. Die geradzahligen Kinder sind meine Töchter, und die ungeradzahligen Kinder sind ihre Söhne.

Als sie klein waren, hatten sie keine andere Wahl, als Zeit miteinander zu verbringen, weil ihr Mutter und ich Zeit miteinander verbrachten. Wir wussten, dass sie aus praktischen Gründen und Nähe immer Bekannte sein würden, aber wir erwarteten nicht, dass sie selbst Freunde werden würden. Aber es ist passiert. Das Schönste an meiner Beziehung zu meiner besten Freundin ist die Beziehung, die unsere Kinder zueinander haben. Sie sind einander Beschützer, Vertraute und sichere Zufluchtsorte. Sie haben sogar ihren eigenen Hashtag, der unsere beiden Nachnamen kombiniert, und sie scherzen, dass sie, wenn einer von ihnen jemals heiratet, den Mash-Up-Namen auf ihrer Ehelizenz verwenden müssen.

Die Beziehung, die diese Kinder haben, besteht nicht aus Blut, sondern aus Wasser. Sie teilen vielleicht nicht die DNA, aber das Wasser ihrer Beziehungen hält sie über Wasser. Wenn man das Gefühl hat, zu ertrinken, heben die anderen sie aus dem Wasser heraus. Wenn einer von ihnen einen Anstoß braucht, werfen die anderen ihnen Wasser ins Gesicht, um sie herauszureißen. Wenn einer von ihnen etwas erreicht, hüpfen die anderen vor Freude in der feuchten Welt ihrer Freundschaft.

Ist Blut dicker als Wasser? Vielleicht. Aber diese Kinder – sie brauchen kein Blut, um eine Familie zu sein. Was sie haben, ist besser als das, was viele Familien haben, weil Familien in Beziehung zueinanderstehen. Diese Familie wurde aus Freundschaft geboren? Es ist eine Familie nach Wahl. Und in diesem Fall ist Wasser eigentlich dicker als Blut.

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Ivy Schulz

Ivy Schulz ist Pastorin einer lutherischen Kongregation im ländlichen North Dakota, USA. Sie liebt es zu reisen, mit ihrer Harley Davidson zu fahren und mit der Familie campen zu gehen. Der Glaube bestimmt ihre Weltanschauung, schränkt sie aber nicht ein. In der Tat öffnet der Glaube ihr die Begegnung mit dem Göttlichen an den unvorstellbarsten Orten und mit den unwahrscheinlichsten Menschen.
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