Als ich in Leipzig auf die Welt kam, war alles vorbei. Der Krieg und die Familiengeschichte. Was begann, war die Suche nach sauberem Wasser, Fett, Holz, nach Mehl. Nach Überlebenden und Erinnerungen, nach Besitzstücken auf Dachböden und im Garten vergrabenem Silber, Porzellan. Nach neuen Lebensläufen. Nach der Wahrheit im Vergessenen. Nach einer Legende für das Weiterleben. Nach dem Frühlingsgelb in den Trümmern und der Herbstbläue im Blick.

Anschauen mochten die Menschen mit ihren grauen Gesichtern einander selten. Selbst einem Kind sahen sie nicht in die Augen. Irgendetwas gab es immer zu verbergen. Von früher und zwischen den Trümmern. Auf dem Dachboden. Kleine gezischte Sätze. Schweig über das Lager. Die Uniformjacke wird verbrannt. Stopf sie in den Herd. Die Ehrennadeln. Das Bild muss weg! Um Himmels willen halt den Mund! Mein Kampf! Der Mythos ist vorbei! Das Silber bleibt unter der Erde! Und die Chanukkaleuchter erst recht. Idastraße 1945. Die einen und die anderen. Überleben war angesagt.

Auch die Erinnerungen an das Leben und Glück vor 1933 blieben tief in den Seelen vergraben. Was nach 1933 geschehen war, darüber schwiegen alle Erwachsenen eisern. Wir Kinder erfuhren nur, was wir entdeckten. Was ist das für ein gelber Stern? Auf Fragen gab es keine Antworten. Gelegentlich eine Ohrfeige oder eine Kopfnuss. Sei still. Sitz gerade. Geh gerade. Und manchmal weinten die erwachsenen Menschen. Sie saßen in den Küchen, zwischen Spülstein und Herd und weinten. Schauten wir Kinder um die Ecke, reckten sie ihre Köpfe. Aus den Mündern kamen neue Anordnungen. Holt Kohlen. Also stiegen wir mit den Eimern in den dunklen Keller. Fürchteten uns, waren aber tapfer.

Wir Kinder gingen krumme Wege: Zuhause und quer durch die Trümmer. Dort versteckten wir uns und erfanden Abenteuer. Zwischen den Hundeblumen, deren Blätter wir kauten. Wir waren Piraten, Königinnen. Sahen wir sowjetischen Soldaten, bettelten wir. Tobten und waren lieb. Wir waren Herrscher und schlichen in den Kellern herum. Wir waren klein und groß. Meine Tante Elisabeth und ich, wir brachten die Überraschungen ins Haus. Sie tauschte Sterlingsilber, Bestecke, ausgegraben im Garten neben der Laube, gegen Kartoffeln und Mehl. Und ich, als ich laufen konnte, brachte ich ihr Kaffeebohnen. Eine Handvoll. Sie schimpfte und lachte. Und dann drehte sie die Kaffeemühle, langsam und atmete den Duft. In dem Kaffeesatz röstete sie Kartoffelscheiben, dünn geschnitten. Meine Mutter war irgendwo. Ich weiß bis heute nicht, wo sie von 1945 bis 1947 war, wen oder was sie suchte. Als ich zwei Jahre alt war, tauchte diese Frau, die ich nicht kannte, auf. Ich war nicht begeistert. Tante Liesel, ihre Halbschwester, auch nicht.

Später dann, aber das dauerte bis ins nächste Jahrtausend, begriff ich: Es gibt keine Gräber, an denen ich trauern kann. Ich steckte fest zwischen den mir unbekannten Toten, ihren Geschichten und den schweigenden Lebenden. Alle hatten Spuren hinterlassen. Zettel, Fotografien, Tagebücher. Hingeworfene Worte. Halbe Sätze. Ach Kind, das verstehst du nicht. Nein, darüber rede ich nicht. Sie vererbten Taschenuhren, einen silbernen Siddur, Porzellan, einen Säbel, Nähtisch. Eine Damastdecke, deren Länge Tische bedecken konnte, wie sie sonst nur in Filmen zu sehen sind. Später begriff ich auch, Tante Liesl.

Später dann gab es mich (das erwachsen und alt gewordene Mädchen), die diese Erbstücke aus den Nachlässen, diese Notizbücher, Bilder, Zettel auf einem langen Holztisch ausbreitete und Karton für Karton sortierte. Las, schaute. Lebensläufe rekonstruierte. Weinte und wegwarf, was ich nicht mehr vor Augen und auf der Seele haben wollte. Wie die Liste der Orte, die ich in meiner Kindheit alleine durcheilte. Eine Liste mit den Daten. Dagegengestellt in einer anderen Spalte, die Länder und Orte, in denen meine Mutter und ihr Mann während dieser Zeit waren. Waren da eine Frau und ein Mann auf der Nachkriegsflucht? Vor dem Kind? Weswegen das immer wieder in Züge gesetzt, versetzt wurde. Und dann wurden Daten und Orte notiert. Und während das Kind auf der Erdkugel nach links fuhr, reiste das Paar nach Norden. Oder die Frau nach England und der Mann ins Elsass. Fuhr das Kind nach Hamburg, ging es nach Berchtesgaden oder nach Liverpool. Als das Kind in Liverpool und im Lake District war, reisten die anderen von Friedrichshafen in die Schweiz. In die Berner Alpen. Jungfraujoch. Das Kind nach Weingarten oder Immenstaad, nach Gernsbach, die Frau nach Baden-Baden oder Österreich. Alle Reisen über fünfzig Jahre lang notiert, wer wo war. Von mir, dem Kind, wussten sie ab dem zwanzigstens Lebensjahr nicht mehr, wohin ich wann und wie lange fuhr, aber ich reiste herum. Spanien, Portugal, ein Jahr. Israel zu Schiff und durch die Wüste. Peru, Frankreich. Das Elternhaus lag hinter mir, ohne dass ich wusste, was geschehen war. Ich hatte die Tage gezählt, bis ich von Zuhause fortkonnte. Seit meinem sechsten Lebensjahr zählte ich. Mit sechzehn dachte ich, vielleicht ist Verlobung und Heirat ein Ausweg. Ein älterer Kapellmeister vom Theater. Aber in letzter Sekunde sträubte sich alles in mir. Ich wollte die Schule zu Ende bringen. Ich wollte in die Welt. Das Abiturzeugnis in der Tasche, ein Koffer. Weg. Nach Westfalen. Nach Münster. Hatte ich nie hingewollt. Kannte ich nicht. Ich sehnte mich und wusste nicht wonach. Ich lebte in Zwischenräumen und in keiner Heimat. Es ging nicht zurück nach Leipzig, da war die Mauer; nicht zurück an den Bodensee oder nach Hamburg; das war Vergangenheit und es ging nicht vorwärts. Dazu hätte ich das Ziel kennen müssen. Ich hätte mir eine eigene Kindheit und eigene Vorfahren erfinden müssen. Vorbei. Und Konjunktive nützen nichts. Erst mit den Jahren fühlte ich, dass ich im Drosteland und in den Niederlanden ein Zuhause gefunden hatte. Mit fünfundsechzig Jahren saß ich an diesem langen Holztisch, gekauft in Fryslân, in Dokkum, und las die Zettel. In winziger Schrift erst das Datum. Von bis. Dann die Orte, dann die Personen. Zettel für Zettel. Beginnend mit dem Jahr 1947. Die ersten zwei Jahre meines Lebens passte Tante Liesel auf mich auf und schaukelte mich durch den Mariannenpark.

Die geerbten Dokumente und Notizen, die Briefe und Fotografien ergaben neue Lebensläufe, offenbarten Lügen. Das Falsche im Wahren und das Wahre in den Legenden. Ich wusste immer weniger, woher ich kam. Als hätte mir jemand die Hose heruntergezogen. Eine Perücke aufgesetzt. Kam ich aus einer Holzkiste? Gezimmert aus Kriegsbrettern. War ich das Pechkind mit Mutter? Oder das Glückskind mit einer Großmutter, die ich nie gekannt hatte? Die mit dem Kolonialwarenladen. Deren erster Mann in Frankreich im 1. Weltkrieg gefallen war. Die mit dem Mann vom Leipziger Hauptpostamt? Dem zweiten, viel älteren Mann.

Da saß ich, schaute von oben über den Garten. Die vielen Rosenbüsche, blühender Mohn. Der uralte Apfelbaum. Die beiden Teiche. Seidenhühner und Laufenten. Krickenten. Ich schaute hinunter und in Minuten wurden die jahrzehntelang erzählten Geschichten zu Gerede mir unbekannter Leute. Absurd, grotesk. Die Leben, die Lügen, einige der vollgeschriebenen Notizbücher. So wenig wie sich manche der Zettel nicht zusammenkleben ließen, weil die Ränder zu schmal waren, so wenig fügten sich die Bruchstücke der Leben zu einer erzählbaren Familiengeschichte. Ich musste mich neu zusammensetzen. Ich barg in mir Erinnerungen, die aus dem Schmerz, den Lügen und Legenden anderer bestanden. Wie in einem Kofferraum versteckt aufgewachsen. Nie unter den Menschen dazugehören. Keine Heimat. Wie eine Schlafwandlerin zwischen den Orten. Solche Sätze dachte ich, während ich an dem Holztisch saß und Karton für Karton öffnete. Las und schaute. Ich war nicht in Sicherheit. Ich hing an den Gedankenfäden der Familie über Abgründen, aber diesmal wollte ich nicht abstürzen. Ich sitze ganz ruhig und sortiere. An meinem Tisch. Draußen Rosen und Mohn. Teiche und Enten. Der Rasen geschnitten. Ich bin Zuhause. Ich lebe.

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