Als Kind begreifst Du den Wert einer Familie noch nicht. Familie ist zumeist selbstverständlich. Sie ist immer da. Aber Kinderohren hören zu. Sie hören Geschichten. Sie lauschen, wenn Oma und Opa von früher erzählen. Oft saß ich auf dem Schoß und hörte zu. Die Geschichten waren so fern, so ungewöhnlich. Fast als würdest Du sie gar nicht glauben. Denn eine solche Zeit war nicht vorstellbar. Sie erzählte aus dem Zweiten Weltkrieg. Wo vieles anders war. Als viele Tränen flossen und Menschen sich verloren. Wo Schutt, Asche und Hunger die Melancholie nährte.

Mein Opa war Musiker. Er beherrschte diverse Instrumente. Ob Saxophone, Klarinette oder Trompete. Im Zweiten Weltkrieg zog er zunächst nicht in die Schlacht, sondern spielte im Orchester. So reiste er viel. Im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen lernte er in Hamburg seine Frau kennen. Sie verliebten sich.

Meine Oma verlies Hamburg für ihre Liebe und kam mit ins Ruhrgebiet. Mitten zu Kriegszeiten. Sie war jung, fühlte sich alleine trotz ihrer Liebe. Verlassen, vermisste ihre Familie, ihre Geschwister und besonders die Stadt Hamburg. Im Ruhrgebiet war ihr zunächst vieles fremd. Es wurde noch viel schwerer, als mein Opa immer wieder in den Krieg zog. Sie wurde schwanger und alleine. Irgendwann erreichte sie die Nachricht, dass ihr Mann vermisst sei. Irgendwo … irgendwo in Russland. Sie wartete, hoffte und hielt es irgendwann nicht mehr aus und kehrte hochschwanger zurück nach Hamburg, fand Zuflucht bei ihrer Familie. In Hamburg hagelte es zu dieser Zeit Bomben. Die Menschen kauerten mehr im Bunker als dass sie in ihren Häusern saßen. Die schwangeren Frauen wurden aus der Stadt in Sicherheit geschafft. Meine Oma landete irgendwann in Neustadt an der Ostsee. Dort sollte sie ihr Kind gebären. Nicht zwischen Schutt und Asche in Hamburg, wo ein Alarm den nächsten ablöste und nichts mehr funktionierte.

Meine Mutter wurde geboren. Nach einiger Zeit konnte meine Oma nach Hamburg zurückkehren. Ihr Mann war immer noch vermisst und vermutlich dachte sie zu diesem Zeitpunkt, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Dennoch raffte sie sich auf und fuhr wieder zurück ins Ruhrgebiet. Mit ihrem Baby zu den Eltern ihres Mannes. Dort gehörte sie hin. Vermutlich leitete sie die Hoffnung. Der Krieg war schließlich nahezu verloren und vorbei. Aber sie konnte sich einfach nicht heimisch fühlen im Ruhrgebiet. Sie sprach stets von schweren Zeiten. Tage, die einfach vorbeigingen. Sie beschrieb ihre Schwiegereltern als Fremde. Die Schwiegermutter starb dann auch noch. Die Nachkriegszeit tat vielen Menschen weh.

Nichts gab es zu erfahren über ihren verschollenen Mann. Ob sie die Hoffnung aufgab? Ich weiß es nicht. In ihren Erzählungen, wenn ich auf ihrem Schoß saß, sprach sie es nie offen aus.

Sie hielt festen Kontakt zu ihren Geschwistern nach Hamburg und zu ihrer Mutter. Ihr eigener Vater war schon lange tot.

Meine Mutter war fast zwei, als ihr Mann nach Hause zurückkehrte. Wie ein Fremder. 2 Jahre Gefangenschaft in Russland verändern einen Menschen. Das Ehepaar fühlte die Distanz – bei der ersten Begegnung mit ihrem Vater hatte meine Mutter geweint. Eine tiefe Mauer war da. Aber früher trennten sich verheirateten Paaren nicht so schnell. Man hielt sich aus. Irgendwie, weil es sein musste. Weil es sich gehörte. Vermutlich war es ein schwieriger, innerer Kampf. Der introvertierte Mann, der zwei Jahre irgendetwas in Russland erlebt hatte, jedoch nie darüber sprach. Der Tag für Tag schwieg und weder seine Frau noch Tochter registrierte. Der Einzelgänger, der sein Lachen verloren hatte. Seine Frau hielt es irgendwann nicht aus. Bei einem Disput griff sie zu dem Kleinkind und setzte sich in den Zug Richtung Hamburg. Sie konnte nicht mehr, hielt ihren Mann nicht mehr aus. Er war ein Fremder für sie.

Die Leere kann aufrütteln. Die Stille motiviert auch das Trauma oder die Apathie wieder mehr das Wesentliche zu begreifen. Mein Großvater war geschockt. Er schnappte sich sein Fahrrad und fuhr los. Sein Weg war im Kopf. Nach Hamburg. Er wollte seine Frau und seine Tochter zurückholen.

Mit dem Fahrrad. Wie auch sonst? Eine Zugfahrt kam ihm damals nicht in den Sinn. Vielleicht hatte das Geld gefehlt. Das weiß ich nicht. Jeden Tag fuhr er einige Kilometer. Irgendwie trat er in die Pedale, immer wieder. Er konnte sich nicht mehr erinnern wie viele Kilometer er bereits gefahren war. Er erzählte stets, dass das Glück ihn begleitet hatte. Er lernte einen LKW-Fahrer kennen. Sie kamen ins Gespräch. Ein Gespräch unter Männern. Schulterklopfen, Verständnis und die Einladung das Rad auf den LKW zu laden und mitzufahren. Er würde nicht ganz nach Hamburg fahren, aber immerhin sei sein Ziel kurz vor Hamburg. Irgendwo bis hinter Bremen würde die Reise gehen. Dankend nahm mein Opa an. Die restlichen Kilometer zu seiner Frau radelte er wieder ab.

An der Haustür hatte es geschellt. Meine Großmutter war bei ihrer Mutter untergekommen mit der rund dreijährigen Tochter. Sie öffnete die Tür. Vor ihr stand ihr Mann. Abgekämpft. Spuren der letzten Tage. Alles war so unwirklich. Sie sah in seinem Gesicht die Erlebnisse der letzten Jahre und die Traurigkeit in den Augen. Seine Worte: „Ich will Dich zurückholen“, hallten durch den Flur.

Stille! Das brauchte keine weiteren Worte mehr. Vermutlichhatten sie sich nun wieder in die Augen sehen können. Familie. Sie sind eineFamilie. Das Erlebte stand daneben, aber es war vorbei. Zu dritt reisten siemit dem Zug wieder zurück. Seit diesem Tag waren sie weiter vereint, bekamennoch ein zweites Kind und feierten ihre goldene Hochzeit. Mein Großvater hatteviele Jahre wieder als Berufsmusiker gearbeitet. Immer wieder haben sie mirihre Geschichte erzählt. Neugierig habe ich zugehört. Als Kind klang es wieeine Geschichte aus einem Buch. Nicht vorstellbar. Erst später, als ich älterwurde begriff ich die Tiefe ihrer Lebensreisen und das was ein Krieg mitMenschen macht.

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