Filmkritik: Die Poesie des Unendlichen (GB/IND 2015)

Matt Brown erinnert mit seinem Film an das Mathematikgenie S. Ramanujan, dessen in Zeiten des 1. Weltkriegs entstandene Gleichungen heute genutzt werden, um das Verhalten von Schwarzen Löchern zu erklären.

Kennen Sie den Namen S. Ramanujan? Dann sind sie wahrscheinlich Mathematiker, vielleicht auch noch Physiker, denn der bereits mit kaum über 30 Jahren verstorbene Inder dürfte einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sein. Dabei gehört er zweifelsohne zu den großen Genies des vergangenen Jahrhunderts, der es wert ist in einem Atemzug mit Zeitgenossen wie Albert Einstein genannt zu werden. Während sich im Kopf von Albert Einstein die Relativitätstheorie zu formen begann, kniete S. Ramanujan in indischen Tempeln und kritzelte mathematische Formeln auf den Fußboden.

Die Poesie des Unendlichen ist aus der Sicht eines anderen großen Mathematikers erzählt, G. H. Hardy (Jeremy Irons), der in Cambridge auf den jungen Ramanujan (Dev Patel) aufmerksam wird, und ihn gegen die Widerstände seiner Professorenkollegen nach England holt. Der im Umgang mit Menschen nicht gerade begabte Hardy kennt manch Schwierigkeiten, auf die der junge Inder im britischen Mutterland am Vorabend des 1. Weltkrieges stößt, vielleicht noch aus eigenem Erleben. Er entstammt selbst keiner Akademikerfamilie, hat aber anders als Ramanujan zumindest eine akademische Ausbildung durchlaufen. Auch deshalb erkennt er das Hauptproblem an dessen mathematischen Formeln. Sie scheinen revolutionär zu sein, aber ihnen fehlen die mathematischen Beweise, die Herleitungen, die sie überprüfbar machen. Die Formeln mögen wie ein Kunstwerk in den Augen der Mathematiker wirken, aber der Mathematiker muss sein Werk, anders als ein Gemälde, doch herleitbar machen. Eine Formel steht nicht für sich allein.

Für Ramanujan jedoch stehen seine Formeln für sich allein, weshalb er zunächst nicht begreift, warum sein Wunsch sie zu veröffentlichen gerade von seinem neuen Mentor gebremst werden. Und auf der anderen Seite steht der Atheist Hardy, für den es unbegreiflich ist, dass jene Formeln von Ramanujan göttliche Eingebungen sein sollen.

Regisseur Matt Brown hat Die Poesie des Unendlichen nicht nur in den beiden Hauptrollen gut besetzt. In einer Nebenrolle glänzt nicht nur Toby Jones als Mathematiker John Littlewood, auch Stephen Fry prägt den Film trotz kurzer Auftritte als mit ein wenig Nachhilfe seines indischen Buchhalters zum Förderer Ramanujans in Indien gewordener Kolonialbrite. Insgesamt verzettelt er sich allerdings hier und da in Nebensächlichkeiten, etwa wenn er die Konflikte zwischen Ramanujans in Indien verbliebener junger Ehefrau und deren Schwiegermutter zeichnet. Während erstere unzählige Male bei einem Schreiber, sie selbst kann weder lesen noch schreiben, Briefe an ihren Ehemann schreiben lässt, lässt die Mutter aus Angst, ihr Sohn könne seine Frau nachholen und würde dann nicht mehr nach Indien zurückkehren, verschwinden. Das Ramanujan allerdings neben seiner Liebe zu Zahlen, die auch für ihn an erster Stelle steht, dennoch auch die Liebe zu einer Frau spürt, lässt ihn hingegen noch stärker als Antipoden seines Mentors Hardy wirken, dem letzteres nicht vergönnt zu sein scheint. Man verzeiht Brown jedoch schnell das er hier ab und zu ins Kitschige abdriftet. Vielleicht war ihm dabei ein wenig der wesentlich erfolgreichere Film über die jungen Jahre von Stephen Hawking vor Augen, Die Entdeckung der Unendlichkeit, an dessen Titel er sich auch orientiert zu haben scheint. Dort heißt er The Man Who Know Infinity, der Mann, der die Unendlichkeit kennt.

Die Entdeckung der Unendlichkeit vermeidet jedoch die Fehler es auf einen Kassenschlager anzulegen, dazu wäre S. Ramanujan der Öffentlichkeit wohl auch zu unbekannt gewesen. So ist es ein ruhiger Film geworden, allerdings nicht nur unbedingt für Freunde oder gar Liebhaber der Mathematik.