Filmkritik: Inferno (2016) von Ron Howard

Lass uns die Hälfte der Menschheit töten, der Umwelt zuliebe. Doch ein alter weißer Mann hat da noch ein Wort mitzusprechen.

Ein bei Bestsellerautoren zwar oft, aber selten beleuchtetes Phänomen ist die Tatsache, dass sie polarisieren. Dan Brown ist ein Paradebeispiel für diese Sorte von Autoren. Für die einen ist er ein begnadeter Thrillerautor, der nicht nur faszinierende Plots spinnt, sondern sie so gut in reale Ereignisse einzubetten weiß, dass manch Leser sie am Ende für nichts anderes hält als die Realität. Die anderen müssen ihm zwar ein Talent der akribischen Recherche zugestehen, sehen aber auch, dass er auf billige Mainstreamprovokationen setzt, die am Ende – na ja – von allzu vielen als Realität wahrgenommen wird.

In Inferno hat er zumindest das Mittel der Provokation heruntergeschraubt, was die Katholische Kirche sicher ein wenig hat aufatmen lassen. Aber natürlich lässt er, und in der Verfilmung auch Ron Howard, seinen Helden Robert Langdon (Tom Hanks) durch reichlich historische Kulissen eilen, während er macht, was ein Langdon am Besten kann, Rätsel lösen. Diesmal hat er sich Dantes namensgebendes Inferno aus der Göttlichen Komödie vorgenommen, oder besser ist gezwungen die Rätsel zu lösen. Denn von Visionen aus Dantes Hölle geplagt erwacht er ohne Gedächtnis in einem Krankenhaus in Florenz, aus dem er aber gleich mit der jungen Ärztin Sienna Brooks (Felicity Jones) vor einer schießwütigen Killerin fliehen muss. Nach und nach findet Langdon heraus, in was er dank des Autors wieder hineingestolpert ist. Er folgt einer Rätselspur an dessen Ende als Preis kein Topf Gold wartet, sondern die Chance die Hälfte der Menschheit zu retten. Denn jene auszulöschen ist das Ziel des zu Beginn Selbstmord begehenden Milliardärs Zobrist (Ben Forster).

Die Hälfte Menschen ist immer noch genug

Urkatastrophen haben eine bizarre Pointe, sie stehen am Anfang einer Blütezeit. Das gilt etwa für die großen Massenaussterben auf der Erde. Dem bekanntesten fielen die Dinosaurier zum Opfer und ermöglichten damit den Aufstieg der Säugetiere im Allgemeinen, und der Herrschaft des Menschen im Speziellen. Das gleiche Muster lässt sich auch in der Geschichte der Menschheit finden, so folgte dem Ende des 30jährigen Krieges, dem 3 bis 9 von 15 bis 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen, ein kultureller Aufstieg. Ein weiteres Beispiel ist die Pest, die in Inferno von Zobrist als Beispiel für eine darauffolgende Erneuerung hergenommen wird. (Strenggenommen ist die Schlussfolgerung, dass erst die Pest die Renaissance ermöglichte allerdings grober Unfug, aber wir wollen nicht kleinlich sein.) Also, um es kurz zu machen, Zobrist plant angesichts der fortschreitenden Umweltzerstörung die Hälfte der Menschheit auszurotten. Danach klappt es auch wieder mit der Ressourcenverteilung, weil es ja weniger Nachfrager gibt. Im Grunde Fridays for Future zu Ende gedacht. (Der Shitstorm komme über mich.) Das klingt brutal? Warum eigentlich? Gehört es nicht zum Bekenntnis dieser radikalen Bewegung für Klima auf Kinder zu verzichten? Interessanterweise weichen hier übrigens Film und Buch fundamental voneinander ab. Im Film, so viel Spoiler sei erlaubt, rettet Langdon natürlich die Welt. Im Buch jedoch wird der Virus freigesetzt, nur tötet er dort nicht die Hälfte der Menschheit, sondern macht ein Drittel unfruchtbar. Was eine Kritikerin bei Moviepilot wohl zumindest für diskussionswürdig hält. Vielleicht einigen wir uns zumindest auf die traurige Tatsache, dass ein Bertrand Zobrist in der Realität durchaus Anhänger um sich scharren könnte. (Aber vielleicht falle ich da auch nur auf die oben beschriebene Realitätsfalle von Dan Brown herein.)

Filmisch betrachtet fällt Inferno weit hinter seine beiden Vorgänger zurück. Die Geschichte zündet nur dann ein wenig, als sich der Zuschauer nicht mehr sicher sein kann, wer nun wirklich auf Langdons Seite steht. In diesem Zusammenhang ist Irrfan Kahn als Harry Sims einer der wenigen Höhepunkte, der sich als Kopf einer internationalen Organisation herausstellt, die ebenso mächtig, wie nebulös ist. Im Film von den Absichten Zobrist’s getäuscht, versucht er an Langdons Seite seinen Fehler wieder gut zu machen.

Dante dient nur der Fassade

Ansonsten kommt Inferno ein wenig daher, als würde man einem gehetzten und betont lustlos spielenden Tom Hanks durch die prachtvollen Szenen von Florenz, Venedig und schließlich Istanbul begleiten. Hanks wirkt dabei fast so gehetzt, wie echte amerikanischen Touristen, die glauben Europa durch Tagestrips in jene bekannten Metropolen kennenlernen zu können, deren Name auch jenseits des Atlantiks bekannt ist. Dante, dessen 700. Todestag wir in diesem Jahr – dank Corona weitestgehend unter dem Radar – begehen, bleibt dabei ebenso nur dem Thrill geschuldete Fassade. Insgesamt ist Inferno dann ein zumindest schnell erzählter Film, der einen gut unterhalten kann, wenn man gerade keinen besseren Film zum Streamen findet.