Filmkritik: M (1931)

Fritz Langs vor der Machtergreifung veröffentlichter Film ist eine ungehörte Warnung vor dem Nationalsozialismus.

Als die Nationalsozialisten 1934 seinen Film M verboten, hatte sowohl Fritz Lang und sein Hauptdarsteller Peter Lorre Deutschland längst verlassen. Sowohl Verbot als auch die Flucht ins Exil der Künstler kurz nach er Machtergreifung Hitlers waren wohl unvermeidlich gewesen, denn Lang hatte die Bedrohung durch die Nazis nicht nur früh geahnt, sondern auch in seinem Werk vorweggenommen. Noch ehe der erste Volksgerichtshof durch die Nazis errichtet wurde, hatte er ihn in M bereits filmisch in Szene gesetzt. Auch an diesem Volksgerichtshof steht das Urteil bereits fest, ehe das Gericht zusammengetreten ist. Und auch dieser Volksgerichtshof wird von Verbrechern geführt, von den Ringgruppen – Syndikaten – in einer großen deutschen Stadt, die man unschwer als das Vorkriegs-Berlin erkennen kann, auch wenn Lang die Stadt niemals beim Namen nennen lässt.

Im Zentrum der Handlung von M steht eine Serie von Morden an kleinen Kindern durch einen Triebtäter, verkörpert von Peter Lorre. Er narrt die Polizei und versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Doch er stört auch das Verbrechen in der Stadt, das sich wegen der Omnipräsenz der Polizei und zahlreicher Razzien in seiner Existenz bedroht fühlt. Und so versucht nicht nur Hauptkommissar Lohmann (Otto Wernicke) den Täter zu stellen, sondern auch der Schränker, verkörpert von Gustaf Gründgens. Der eine hat die gesamte Polizei zur Verfügung, der andere ein Netzwerk ganz anderer Art, aber ebenso funktional.

Das Sittengemälde einer sich in der Abwicklung befindlichen Weimarer Republik

In manchen Ländern bekam der Film den Zusatz „der Vampir von Düsseldorf“, eine Anspielung auf die Mordserie durch Peter Kürten, der als eben jener Vampir von Düsseldorf in die Kriminalgeschichte einging. Sein Treiben geschah ungefähr zeitnah mit der Produktion des Films, seine Verurteilung datiert auf wenige Tage vor der Filmpremiere. Gemeinsam mit den Morden von Fritz Haarmann hatte er großen Einfluss auf die Handlung. Fritz Lang zeichnet das Bild einer sich in Abwicklung befindlichen Weimarer Republik nach, ein Sittengemälde vom einfachen Menschen bis hin zum Minister, die alles begleitende Medienhysterie inklusive. Viel davon erscheint selbst dem heutigen deutschen Zuschauer fremd, doch mit ein wenig Hintergrundwissen verbeugt man sich schnell vor dem prophetischen Werk Fritz Langs. Das geht soweit, als dass er mit Gustaf Gründgens jenen Schauspieler als Vorsitzenden seines Volksgerichtshofes wählte, der anders als Lang oder Lorre nach 1933 in Deutschland blieb und sich vom nationalsozialistischen System vereinnahmen ließ.

Doch auch rein filmhistorisch betrachtet ist M ein prägender Film, an dem sich das Kriminalfilm-Genre noch heute messen muss. Langs deutsche Vorkriegsfilme entstanden in einer Zeit, als der deutsche Film noch eine weltweite Bedeutung hatte. Namen wie Fritz Lang oder F.W. Murnau hatten Weltrang, größer als so mancher, der zeitgleich in Hollywood wirkte. Es wundert also wenig, dass es sich bei M nicht nur um einen der besten deutschen Filme handelt, sondern er auch in den internationalen Kanons der besten Filme aller Zeiten nicht fehlen darf.

Die Justiz darf kein Racheinstrument des Volkszorns sein

Das liegt nicht allein am Können von Fritz Lang selbst, sondern auch an seinem Hauptdarsteller Peter Lorre. Lorre zeichnet einen Mann, der eigentlich ganz normal zu sein scheint, solange er nicht die Kontrolle über sich selbst verliert. Sein Flehen um Gnade ist nicht nur die nackte Angst vor dem Tod, sondern gibt auch einen tiefen Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche. Es gelingt ihm im Zuschauer kein falsches Mitleid zu wecken, aber doch das Bewusstsein dafür, das eine gerechte Justiz nicht auf dem Grundprinzip der Rache basieren darf.

Fritz Lang lässt auch hier einen Verbrecher zu Wort kommen, dem die undankbare Aufgabe aufgetragen wurde, den Täter vor dem Volksgerichtshof zu verteidigen. Es ist Aufgabe des Staates den Täter zu strafen, die Menschen zu schützen. Und so kommt es auch am Ende, als die Polizei die Szenerie stürmt und sich eine anonyme Hand auf die Schulter Lorres legt und aus dem Off der Satz „In Namen des Gesetzes“ erklingt. Am Ende erscheint ein ordentliches Gericht und spricht Recht. Lang verschweigt aber auch nicht, dass dies oft schwer zu ertragen ist. Das Schlussbild sind die Mütter der toten Mädchen, ganz in schwarz gekleidet bleibt ihr Klagen, durch das Urteil ihre Kinder auch nicht wieder zurückzubekommen, verbunden mit dem Aufruf besser auf die eigene Kinder zu achten.


Dieser Film ist Teil des DenkZeit-Filmkanons, als einer der 99 besten Filme aller Zeiten!