Gott unter Bauern

Landschaften und Dörfer werden seit Jahrhunderten von den Herrschaftszentren, von den Städten aus kolonialisiert und gedacht. Die bäuerliche Familie hat den Burgherrn zu ernähren. Aber jedes Dorf ist sehr viel mehr als eine Nicht-Stadt. Und die Zerstörung der Dörfer und Kolonisation ist nie ganz gelungen.

Aber bis heute sind es die Städter, die das Dorfleben bestimmen wollen. Die Stadtmenschen verlassen ihre Stadtwohnungen mit Absichten, die nicht die besten sein können, weil sie nicht wissen, wie ein Dorf lebt, was dort geschieht. Sie ziehen aufs Land, um auf dem Dorf eine Idylle und göttliche Ruhe zu finden. Die Kinder sollen im Grünen spielen. Die Seele soll baumeln. Dass die grünende Natur im Herbst ihre Blätter fallen lässt, also Dreck macht, wird erst entdeckt, wenn es zu spät ist. Kaum haben die Städter ihr Häuschen eingerichtet, wünschen sie sich mehr Fortschritt, Veränderungen und gleichzeitig soll das Dorf die Postkartenidylle bleiben, die es nie war.

Die Stadtmenschen haben ihre Arbeit in der Stadt natürlich nicht aufgegeben, also pendeln sie wie die meisten, die im Dorf leben und keine Bauern sind oder nicht in den wenigen Betrieben ihr Auskommen finden, die es im Dorf oder der nahen Umgebung gibt. Also gibt es im Dorf zwei verkehrsreiche und laute Zeiten. Um fünf Uhr fahren die Ersten los, von sechs bis sieben kreuzen die meisten Autos durchs Dorf. Diese Karawane kommt dann zwischen sechzehn und siebzehn Uhr müde zurück. Dann wollen die Zugezogenen ihre Ruhe. Feierabend.

So ist es aber nicht. In den Dörfern gibt es immer noch da und dort ein paar Kühe, Schafe und Ziegen. Die mähen und meckern. Kleine Hühnerscharen werden noch gehalten. Die Gockel krähen, auch an den Wochenenden. Die Bauern fahren zweimal im Jahr Gülle auf die Felder, auch nachts. Ein Höllenlärm. Die Mähdrescher jagen bis nach Mitternacht über die schmalen Kreisstraßen. Riesigen Traktoren scheppern durchs Dorf, auch an den Wochenenden. Heuballen werden transportiert. Der Schützenverein feiert drei Tage. Viel Unruhe und Lärm. Musikkapellen und Vereine ziehen durchs Dorf. Es wird gesungen, manchmal auch gegrölt. Die Kolpingfamilie hat ihr Jahresfest. Die Landfrauen treffen sich. Die Senioren erobern die Welt, also ist Trubel an der Bushaltestelle. Die Landjugend macht eine Fete. Die Ministranten treffen sich. Silberhochzeiten werden gefeiert. Im Pfarrheim ist Tanz oder ein Bürgertreffen. Rasen wird gemäht und Hecken werden geschnitten. Irgendwas ist immer. Manchmal auch eine wunderbare Stille. Die Welt wird leise.

   

Die Zugezogenen bemühen einen Schlichter, damit die Hähne nicht mehr krähen. Das kostet Geld, bringt aber nichts, weil pro Grundstück zehn Hühner und ein Hahn erlaubt sind. Verbitterung beginnt. Denn es gibt im Dorf sehr vieles nicht. Nicht mehr, weil überall die Dörfer langsam sterben.

Gesucht wurde eine Idylle, die es nie gab und eine göttliche Ruhe. Und bei Gott gehen der Streit und das große Hadern endgültig los. Denn Gott ist nicht aus allen Dörfern verschwunden. Auch wenn in ganz Europa die Dörfer sterben. Gott hat noch viele Amtssitze in stattlichen Kirchen mit schönem Geläut. Und es gibt Regeln für die Glocken, außer dass sie mindestens zu den halben und vollen Stunden erklingen.

   

Das Sechsuhrläuten, zu dem sich früher, als es noch genügend Priester und Pfarrer gab, die ersten Gläubigen zu einem Gebet und erstem Schwatz zusammenfanden. Das lange Mittagsläuten. Früher wurde um zwölf Uhr gegessen. Und das Läuten um achtzehn Uhr. Ein Gebet und Feierabend. Dazu kommen die Geläute nach den Regeln des Kirchenjahres. Damit hatten die Städter noch weniger gerechnet als mit all dem Lärm, den die Bauernarbeit und die Bräuche mit sich bringen.

Im Oktober 2008 begannen in einer Bauernschaft bei Dülmen die Dreharbeiten zu dem Film „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ nach dem Buch von Marga Spiegel. Wie eine jüdische Familie in einem münsterländischen Versteck überlebt. Mit Veronica Ferres und Armin Rohde. Damals hatte das Dorf Hiddingsel noch ein kleines Hotel. Immer wieder haben Inhaber aufgegeben, aber damals gab es ein Wirtspaar. Das Filmteam kam ins Dorf. Regisseur war Ludi Boeken. Nach ein paar Nächten wurde mit dem Gemeinderat verhandelt: kein Läuten um sechs Uhr morgens. Zehn Minuten. Bitte. Damals gab es noch eine Morgenmesse. Niemand wollte dem Hotel schaden, niemand der Filmarbeit im Wege stehen. Statt um sechs wurde um sieben geläutet. Nach zwei Wochen (insgesamt waren es achtunddreißig Drehtage) zog das Team weiter nach Billerbeck, Wadersloh und Lippstadt. Das Läuten um sieben Uhr blieb. Das Angelusläuten zu Ehren Gottes und der Menschwerdung um sechs Uhr morgens blieb verschoben, weil um sieben doch alle wach sein müssen. Die Zugezogenen hatten nachdrücklich interveniert.

Die Stadtmenschen finden, es ist immer noch viel zu viel Lärm zu Ehren Gottes. Und dann noch die Bauern. Sie selbst sind leise. Sie hören sich nicht zu, wie sie in die Städte ringsum fahren, Autotüren zuschlagen, Hähne beschimpfen, Kinder wegjagen. Rasen mähen. Hecken scheren. Grillabende veranstalten. Sie hatten einen Traum. Ihr Hausbau veränderte das Dorf. Und das Dorf verändert sich jeden Tag. Die alte Geschichte und die alten Erzählungen tragen nicht mehr alle. Wie weiter?

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